Wie könnte Tech die Welt radikal ändern?

Alle bewundern Aya Jaff: Unternehmer Frank Thelen, Fußballer Philipp Lahm und Investor Tim Draper. Auf ihrer Webseite zitiert Aya ihre lobenden Kommentare.

„Sometimes it only takes one person to inspire hundreds of people to go on a mission.“
Tim Draper über Aya Jaff

Aya programmiert, seit sie 15 Jahre alt ist. Mit 19 reiste sie mit einem Stipendium ins Silicon Valley. Sie entwickelte ein Börsenplanspiel und gründete eine eigene Firma. Im Februar 2020 veröffentlicht sie ihr erstes Buch: "Moneymakers". Was sich nach einer ganzen Karriere anhört, ist für Aya nur der Anfang: Sie ist erst 24.

Mit bento spricht Aya Jaff über künstliche Intelligenz, Karrieretipps und darüber, wie die Tech-Branche frauenfreundlicher werden könnte.

Radikal jung

Klimawandel, Generationengerechtigkeit, Migration: Es gibt große Themen, an denen sich entscheidet, wie unsere Gesellschaft aussehen wird. Und es gibt junge Menschen, die sich engagieren, in der Politik, im Ehrenamt, als Aktivisten. Wir fragen sie, was sie antreibt, was sie anders machen als ihre Vorgänger – und was an ihnen radikal ist. 

Liest man über Ayas Lebensweg, fühlt man sich schnell klein. Was habe ich die letzten Jahre eigentlich geschafft? Beim Gespräch mit ihr verschwindet das Gefühl sofort. Ayas Motivation und ihr Tatendrang sind ansteckend. Sie sagt: Kein Traum ist zu groß, man muss es nur probieren. Was klingt wie ein Kalenderspruch, nimmt man ihr sofort ab.

bento: Du wirst manchmal die "bekannteste Programmiererin Deutschlands" genannt. Die Zeit hat dir mal den Titel "Mrs. Code" verpasst (Zeit). Nervt es dich eigentlich, wenn du wegen deines Geschlechts in eine Schublade gesteckt wirst?

Aya: Es hat mich am Anfang sehr gestört. Ich habe Apps programmiert, jahrelang leitende Jobs übernommen, und dann schreiben Menschen auf Facebook oder Twitter: "Die hat doch diesen Titel nur bekommen, weil sie eine Frau ist." Ich habe aber auch viele E-Mails von Frauen bekommen, die ich inspiriert habe, mit dem Programmieren anzufangen. Wenn es nur einer geholfen hat, ist es für mich in Ordnung, wenn meine Geschichte in diesem "Women in Tech"-Narrativ erzählt wird.

bento: In diese Schublade wurdest du auch gesteckt, weil es bisher sehr wenige Frauen in der Tech-Branche gibt. Du warst die einzige Bewerberin für ein Stipendium für Frauen im Silicon Valley – und deswegen hast du es auch bekommen. Wie fühlt sich das an?

Aya: Das ist natürlich ein besonderes Beispiel. Ich habe auch andere Stipendien bekommen, bei denen sich mehr beworben haben. Aber ich finde, das macht deutlich, dass sich träumen lohnt. Je größer du träumst, desto weniger Menschen begegnest du. Nicht weil sie dumm sind, sondern weil sie sich schlichtweg nicht trauen. Ich denke, es macht mich aus, dass ich so naiv dachte, alles ist machbar. Und am Ende war es das auch.

bento: Auf einer Konferenz wurdest du mal mit einer Kellnerin verwechselt. Wie frauenunfreundlich ist die Branche?

Aya: Ich habe immer sehr offene und freundliche Leute in der Tech-Branche kennengelernt. Klar, ich wurde verwechselt. Aber das war nicht böse gemeint. Ich war, außer den Kellnerinnen, einfach wirklich die einzige Frau. Das muss sich ändern. Dann wird nämlich bei neuen Designs und Apps auch mehr an Probleme von Frauen gedacht. Ich finde es unverständlich, warum Smartphones keine vorinstallierte Menstruations-App haben, obwohl die Hälfter der Nutzer ihre Tage bekommen. Dafür mussten erst externe Apps entwickelt werden. Ein anderes Beispiel: Siri wurde zu Beginn nur von Männern getestet – und hat deswegen Frauen schlechter verstanden.

bento: Wie könnte Tech die Welt radikal ändern?

Aya: Um viele aktuelle Probleme zu lösen, braucht man nicht unbedingt neue Erfindungen. Es geht auch darum, dass alle an Technologien teilhaben, die es bereits gibt und wir dafür sorgen, dass sie gleichmäßig verteilt sind auf der Welt. Zum Beispiel müssten Computer und Handys billiger werden.

bento: Aber E-Waste, also die Entsorgung von Elektroschrott, ist doch jetzt schon ein großes Problem.

Aya: Leute, die teure, neue Handys kaufen, werden das auch weiterhin tun. Aber wenn wir den Preis so weit senken, dass sich auch die unterste Bevölkerungsschicht eines leisten kann, dann haben wir eine Chance, dass sie sich mit Problemen beschäftigen, mit denen sie – und ihre Freunde, ihre Familien – zu kämpfen haben. Dann entstehen auch Lösungen, die nicht nur der Mittelschicht helfen.

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橙子

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bento: Bei welchem Thema denkst du radikal anders als deine Branche?

Aya: Derzeit sprechen alle von künstlicher Intelligenz (KI). In Tech-Zeitschriften und Podcasts dreht sich alles darum. Die Tech-Giganten forschen mit großem Aufwand, wie man KI in jedem Lebensbereich einsetzen kann. Ich habe das Gefühl, dass das nicht mehr angemesssen ist. Wir haben noch nicht viel Handfestes, was einsatzfähig ist, aber alle scheinen sich darauf zu verlassen, dass KI all unsere Probleme lösen kann. Ich finde, wir sollten uns genauso sehr mit anderen Fragen beschäftigen.

bento: Zum Beispiel?

Aya: Wenigen Menschen ist bewusst, dass wir durch die Digitalisierung mindestens genauso viel CO2 ausstoßen wie der gesamte Flugverkehr. Das sind zwei Prozent der ganzen CO2-Emissionen weltweit (FR). Man muss sich überlegen, wie das in Zukunft aussehen wird. Die "Fridays for Future"-Bewegung fordert: Wir müssen weniger fliegen. Aber ich höre keine Stimmen aus der Tech-Branche, die Ansätze haben, wie auch wir umweltfreundlicher werden können.

bento: Sollten wir dem Klima zuliebe denn weniger surfen?

Aya: Über solche Ideen muss ich lachen, das wäre rückständig gedacht. Aber wir müssen uns damit beschäftigen, wie wir das Energielevel senken können. Zurzeit beschäftige ich mich mit Biotechnologie. DNA als Speichermedium könnte eine Alternative zu stromfressenden Servern sein. DNA funktioniert viel effektiver und kann viel mehr Daten speichern als ein bisheriger Datenspeicher (NZZ). Ich glaube, an so etwas müssen wir uns weiter herantrauen.

„Dieses innovative, wirklich radikale Denken funktioniert nur, weil ich die Impulse von außen bekomme und nicht aus meinen eigenen Kreisen, mit denen ich jeden Tag verbringe.“

bento: Du bist Programmiererin, bald kommt dein Buch raus und nebenbei studierst du. Wie schaffst du es, dass du nicht verbrennst?

Aya: Ich dachte immer, ich muss schlafen oder meditieren, um zur Ruhe zu kommen. Das ist für mich super langweilig, deswegen habe ich es lange nicht gemacht. Aber ich habe gelernt, dass Ausruhen auch Malen, Skaten oder Kochen mit Freunden sein kann. Und wichtig ist auch, dass man sich selbst motivieren kann. Kein anderer kann dich dazu bringen, etwas aus voller Überzeugung zu machen.

bento: Was war deine Strategie, um so jung erfolgreich zu werden?

Aya: Ich habe in der Schulzeit versucht, eigene Unternehmen aufzubauen. Ich habe Leseclubs gegründet, Malkurse gegeben, versucht über Yu-Gi-OH!-Spiele Wetten abzuschließen. Wenn man herausgefunden hat, was man will, sollte man aufhören, nachts darüber nachzudenken – und es einfach tun. Und ich habe mich mit Leuten umgeben, die ich bewundere. Habe sie auf Konferenzen getroffen, angeschrieben, zum Kaffee eingeladen und um Hilfe gebeten.

bento: Du hast einfach Leute angeschrieben?

Aya: Ja, sehr oft. "Cold-Emailing" nennt man das auch. Einfach über LinkedIn oder Facebook eine Nachricht schreiben, entweder man bekommt keine Antwort oder man hat die Aufmerksamkeit der Person auf sich gelenkt. Während meines Stipendiums im Silicon Valley habe ich zum Thema Hyperloop geforscht. Meine Ergebnisse habe ich dann dem CEO per LinkedIn geschickt. Nach ein paar Tagen hat er mir einen Arbeitsvertrag geschickt. Es ist krass, was man erreichen kann, wenn man sich traut.

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