Warum die Demo ein Problem für die Befürworter eines unabhängigen Kataloniens ist.

Was ist in Barcelona passiert?

Es sind Bilder, die man auf den Demos der katalanischen Unabhängigkeitsbefürworter noch nicht gesehen hat: Hunderte Menschen umringen am Montagabend das katalanische Parlament in Barcelona, versuchen es zu besetzen.

(Bild: dpa/Nicolas Carvalho Ochoa)


In den Händen einiger Demonstrierenden: Bengalos. Vor ihren Mündern: gelb-rote Schals und andere Tücher. Sie errichten Barrikaden, schmeißen Steine auf die Polizei.

Immer weiter dringen die Demonstrierenden um kurz nach 21 Uhr vor, durchbrechen die Absperrungen, drängen die Polizei ins Parlamentsgebäude (El País). Die schließt die Tür von innen, Demonstrierende hämmern dagegen, schreien die Polizei an. "Hurensohn", "Hurensohn" ruft ein Mann ganz vorne. So ist es auf Videos und Live-Aufnahmen zu sehen.

Es ist der Moment, in dem die Staatsmacht in Katalonien kurzzeitig machtlos ist. Videobilder zeigen die Perspektive der Demonstrierenden und die der Polizisten.

Etwa eine halbe Stunde lang belagern Unabhängigkeitsbefürworter das Parlament. Dann kommt die Verstärkung. Polizisten in Kampfmontur schießen mit Schaumgeschossen, dringen zu ihren Kollegen durch, befreien sie aus dem Parlament. Das Ende der Demütigung für die katalanische Polizei. 

Wer waren die wütenden Demonstrierenden?

Die Szenen vor dem Parlament sind die letzten Minuten einer Demonstration, an der zuvor rund 180.000 Menschen teilgenommen haben. Der Anlass: Genau vor einem Jahr hatte die spanische Polizei das illegale Unabhängigkeitsreferendum der Katalanen verhindert, sich mit Gewalt Zugang zu den Wahllokalen verschafft, einzelne Wahlurnen herausgetragen (mehr dazu bei bento).

Bilder vom brutalen Polizeieinsatz gingen um die Welt. Die Katalanen zählten trotzdem aus. Auf Basis des Referendums rief das Parlament die Unabhängigkeit aus, der spanische Staat griff ein, setzte die katalanische Regionalregierung ab. Der damalige katalanische Präsident Carles Puigdemont wurde angeklagt.

Ungefähr die Hälfte der Katalanen will sich von Spanien abspalten, seit Oktober sind sie auf diesem Weg kein Stück weitergekommen. Am Montag demonstrierte die große Mehrheit friedlich. Es ist eine kleine Minderheit, die sich inzwischen radikalisiert hat.

(Bild: dpa/Nicolas Carvalho Ochoa)

Die lose organisierten Gruppen nennen sich Komitees zur Verteidigung der Unabhängigkeit. "Vor einem Jahr riefen wir die Republik aus – schreiten wir zur Tat", teilten sie auf Twitter mit. Im Laufe des Montags besetzten sie Straßen und Gleise, in der Stadt Girona holten Menschen die spanische Fahne vom Dach des Gebäudes der Regionalregierung.

Was zeigt die Demo?

Dass die Führung der Unabhängigkeitsbewegung einen Teil der eigenen Leute nicht mehr im Griff hat. Der aktuelle katalanische Präsident Quim Torra hatte die Komitees zur Verteidigung der Unabhängigkeit vorher noch ermuntert. Sie sollten "Druck machen", rief er ihnen zu.

Dann drohte die Demo zu eskalieren. Torra ging auf die Demonstrierenden zu, wollte sie beruhigen. Doch vergebens: Die Menge pfiff ihn einfach aus, sang die katalanische Hymne. Torra drehte ab.

Die jungen Männer und Frauen haben ganz offensichtlich nicht mehr viel für ihren Präsidenten übrig. Sie werfen ihm vor, dem spanischen Staat nicht ausreichend Widerstand entgegenzusetzen.

Bereits am Samstag war es zu Zusammenstößen zwischen Polizei und den Komitees gekommen, die Demo am Montagabend wurde dadurch zusätzlich angeheizt. Die radikalen Kräfte unter den Unabhängigkeitsbefürwortern fühlen sich vom Präsidenten Torra ganz offensichtlich verraten.

(Bild: dpa/Emilio Morenatti)

Nun entlädt sich der Frust, der sich über Monate angestaut hat: Immer wieder hatten Menschen wie Puigdemont und Torra den eigenen Anhängern versichert, dass die Unabhängigkeit zum Greifen nahe sei. Längst ist klar: Das war unrealistisch. Es gibt derzeit kein Szenario, das zu einem unabhängigen Katalonien führt. Die Konsequenz ist die Radikaliserung vor allem junger enttäuschter Leute.

Gleichzeitig sind die Bilder vom Montagabend für die katalanischen Separatisten noch aus einem anderen Grund ein großes Problem: Die Separatisten inszenieren sich stets als unterdrücktes Volk, das friedlich für die eigene Freiheit einsteht, im Zweifel von der Polizei niedergeknüppelt wird. Die Bilder von Montagabend passen so gar nicht zu dieser Inszenierung.


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