Bild: EPA / Sedat Suna
Wir haben mit einer türkischen Assistenzprofessorin gesprochen.

Während des Militär versucht hat, sich in der Türkei an die Macht zu putschen, besuchte Deniz, 30, gerade eine Konferenz im Ausland. Sie ist Sozialpsychologin und arbeitet als Assistenzprofessorin an einer Istanbuler Universität. Mehr will sie nicht sagen aus Angst vor dem Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Auch ist Deniz nicht ihr richtiger Name.

Sie fragte sich: "Soll ich überhaupt wieder zurück in die Türkei gehen? Ist es sicher für mich?"

Deniz kehrte zurück. Und nun hat die türkische Regierung ein Ausreiseverbot für alle Mitarbeiter an türkischen Universitäten verhängt.

Ab sofort brauchen sie eine besondere Erlaubnis, um das Land zu verlassen. Einige ihrer Kollegen mussten Konferenzen im Ausland früher abbrechen. Eine Freundin von Deniz, die als Dekanin an einer anderen Universität arbeitet, wurde bereits entlassen.

Ihre Urlaube und Dienstreisen seien vorerst storniert, so erzählen die Mitarbeiter es sich auf dem Flur. Auf eine offizielle Ansage ihres Institutsleiters warten sie noch. Ihre geplanten Konferenzen hat Deniz abgesagt: "Im Moment stecken wir fest."

Derzeit entfernt Erdogan Schritt für Schritt vermeintliche Kritiker: Schätzungsweise 50.000 Soldaten, Polizisten, Richter, Wissenschaftler und Lehrer haben die türkischen Behörden bereits festgenommen oder suspendiert. Sie sollen Anhänger der Gülen-Bewegung sein, die Erdoğan noch in der Nacht des Putsches für den Aufstand verantwortlich machte. (Mehr zu Gülen lest ihr hier)

In der Fotostrecke: Was in der Putsch-Nacht passiert ist
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Deniz hatte in den vergangenen Monaten immer wieder Probleme wegen ihrer Arbeit: Denn sie forscht zu sozialen Protestbewegungen. Als sie sich für ein Stipendium bei der staatlichen Anstalt für Wissenschaftliche Forschung TÜBİTAK bewerben wollte, riet ihr die Dekanin ihrer Universität ausdrücklich davon ab. Auch dem Ethikrat war das Thema "zu politisch". Erst vergangene Woche reichte Deniz eine offizielle Beschwerde bei ihrem Universitätspräsidenten ein. Dann folgte der Putschversuch. Deniz glaubt jetzt nicht mehr daran, dass sie das Stipendium bekommt.

Deniz gehört zu jenen Wissenschaftlern im Land, die sich zu "Akademiker für den Frieden" zusammengeschlossen haben. Die versuchen, der Regierung etwas entgegenzusetzen: Sie sind nicht damit einverstanden, wie Erdogan gegen die Jugendbewegung der PKK vorgegangen ist. Deswegen starteten sie eine Petition, mehr als 1000 Wissenschaftler haben sie unterschrieben. Präsident Erdogan verurteilte daraufhin die Unterzeichner als Terroristen. Gegen alle Unterzeichner läuft seitdem ein Verfahren wegen "terroristischer Propaganda". (Human Rights Watch)

Ich fühle mich nicht sicher, es läuft ein Gerichtsverfahren gegen mich und jetzt auch noch ein Ausreiseverbot? Das ist zu viel.

Auch Deniz setzte ihren Namen unter die Petition. Mit dieser Reaktion hätte sie niemals gerechnet: "Die Antwort der Regierung war ein absoluter Schock." Deniz hat nun beschlossen, ihr Forschungsprojekt abzubrechen. Auch, um ihre Informanden, Mitglieder politischer Protestbewegungen, zu schützen: "Ich habe Angst, dass jemand Zugang zu meinen Daten bekommt."

"Der Putschversuch hat mein Leben komplett verändert. Ich fühle mich nicht sicher, es läuft ein Gerichtsverfahren gegen mich und jetzt auch noch ein Ausreiseverbot? Das ist zu viel. Ich kann meiner Forschung nicht nachgehen, und wenn ich nicht arbeiten kann, gibt es keine Möglichkeit für mich in der Türkei zu bleiben." Deniz sucht daher nach Arbeit im Ausland. Bis dahin übt sie Selbstzensur, um sich zu schützen: "Ich muss meinen Lehrplan zensieren, nur um in Sicherheit zu sein."

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