Bild: dpa/Britta Pedersen

Meine Jugend verbrachte ich in einer großen Blase: Ich wuchs auf zwischen zurechtgestutzten bayrischen Vorstadthecken in einer Doppelhaushälfte, die ich mir mit meinen zwei älteren Schwestern und Beamteneltern teilte. Ich besuchte das Gymnasium, fuhr auf jede Klassenfahrt mit – wir hatten nie zu viel Geld, aber auch nie zu wenig, die klassische Mittelschicht. Meine Probleme waren die nächste Matheklausur oder der verpasste Schulbus. Die politische Situation unseres Landes? Ging an mir vorbei. 

Meine erste politische Erfahrung – wenn man es denn so nennen kann – hatte ich mit 16

Ich sah das erste Mal bewusst ein Wahlplakat im Zuge der Bundestagswahl 2013 – von der AfD. Wer oder was diese Partei war, das wusste ich nicht. Trotzdem belächelte ich die Forderung auf dem Plakat, aus dem Euro auszusteigen. 4,7 % der Wählerinnen und Wähler belächelten das Parteiprogramm damals nicht – dieser Wert sollte sich vier Jahren später fast verdreifachen.

Ein zerissenes Wahlplakat der AfD im Zuge des Bundeswahlkampfs 2013.

(Bild: dpa)

Ich war durch Zufall dabei, als die ersten Geflüchteten aus Syrien im Herbst 2015 am Münchener Hauptbahnhof ankamen: Knapp hundert Menschen standen dort, mit Schildern, Kleidung. "Welcome to Germany", "You are safe now", hörte ich die Menschen rufen. Dass über solche Stimmen immer seltener berichtet werden würde, sich der Fokus stattdessen auf Rufe aus dem rechten Lager legte, die das Gegenteil propagierten, konnte ich mir damals nicht vorstellen. 

Menschen aus München begrüßen mit solchen Schildern Geflüchtete aus Syrien im Herbst 2015.

(Bild: dpa)

Denn ich hatte damals überhaupt keine Ahnung von Politik. 

Bei uns zu Hause war es so: Die Union, das waren "die Guten". Als ich für mein Studium nach Wien zog, begann dieses naive Bild zu bröckeln. Meine neuen Freunde diskutierten auf jeder Studentenparty ohne Unterlass über die immer weiter nach rechts schlitternde Parteien, eine verschärfte politische Rhetorik – und die AfD. Ich begann das erste Mal, den politischen Duktus meines Elternhauses zu hinterfragen, und versuchte mir selbst ein Bild der deutschen Parteien zu machen.

Dieses politische Coming of Age war eine verspätete Rebellion: Die CDU/CSU war für mich schon im Wahlkampf vor der Bundestagswahl 2017 keinesfalls wählbar – ich schaffte es nicht, mit meinen Eltern über Politik zu sprechen, ohne aufgebracht den Raum zu verlassen. Pragmatismus und eine gewisse Portion Lethargie schien ihre Devise zu sein: Auch sie waren betroffen von der rechten Hetze und den Bildern ertrinkender Menschen im Mittelmeer, aber sie sagten auch, man könne schlichtweg nicht jedem helfen – man müsse jetzt realistisch sein, und unsere Wirtschaft und Sozialkassen nicht zusätzlich belasten.

Ein Flüchtlingsboot kenternt vor der libyschen Küste im Mai 2016.

(Bild: dpa)

Solche Lösungen, die Tausenden Menschen das Leben kosten könnten, kamen für mich damals nicht in Frage. Ich wollte nicht, dass meine Eltern so dachten, aber konnte ihren Standpunkt in gewisser Weise verstehen – sie hatten jahrelang für ihre Pension gearbeitet, sie wollten Sicherheit und Stabilität. Die AfD zu wählen war für sie trotzdem niemals eine Option. 

Dass viele Menschen das anders sahen, machte sich spätestens bei der Bundestagswahl 2017 bemerkbar. 

Im Alter von 20 Jahren konnte ich selbst das erste Mal wählen – und musste fassungslos dabei zusehen, wie die AfD über zwölf Prozent der Wählerstimmen bekam und die CSU rhetorisch immer näher an sie ranrückte

Während sich der Rechtspopulismus in Deutschland erst entwickelte, konnte ich in Wien beobachten, wozu diese Rhetorik führte: Bei der Nationalratswahl 2017 gingen die ÖVP und FPÖ als klare Sieger hervor. Die Koalition – grob vergleichbar mit einer Koalition im Bundestag aus CSU und AfD – schürt seither die Angst vor Flüchtlingen, Terroristen und Ausländern. Die FPÖ bekam unter anderem das Innenministerium unter Leitung von Herbert Kickl: Die Polizei rekrutiert ihren Nachwuchs seither auch auf rechten Internetforen und hat kritischen Medien laut internen Dokumenten den Kampf angekündigt. 

Die FPÖ wirbt im Zuge des Nationalratwahlkampfs 2017 mit populistischer Rhetorik.

(Bild: Barbara Gindl/dpa)

Und auch in Deutschland ging der Kampf um Wählerinnen und Wähler am rechten Rand weiter. 

Ein Markus Söder berichtete im Zuge des Wahlkampfs zur bayerischen Landtagswahl anfangs ganz ohne Scham vom angeblichen "Asyltourismus". Die AfD forderte islamfreie Schulen, klassische Familien und konsequente Abschiebungen – das machte mich nicht nur wütend, sondern regelreicht verzweifelt.

Denn ich wollte eine zukunftsorientierte Umweltpolitik, eine liberale Gesellschaft und Menschlichkeit – auch für Geflüchtete. Die Zuspitzung der politischen Situation Deutschlands ließ auch junge Leute in meinem Freundeskreis nicht kalt. Sie reagierten unterschiedlich: Die einen setzten politische Scheuklappen auf, die anderen verzweifelten im Gespräch mit ihren eigenen Eltern.

Am 13. Januar 2018, knapp einen Monat nach der österreichischen Regierungsangelobung, demonstrierten mindestens 20.000 Menschen vor dem Regierungsgebäude am Heldenplatz in Wien – auch ich stand in der Menschenmasse, zum ersten Mal nahm ich an einer Demonstration teil. Meine Eltern, geboren in der Bundesrepublik der Fünfzigerjahre, sind für ihre politische Überzeugung noch kein einziges Mal auf die Straße gegangen – und zwar, weil sie nie das Gefühl hatten, es zu müssen. Ich empfand es hingegen als Pflicht. 

Am 13. Januar 2018 demonstrieren auch die "Omas gegen Rechts" mit 20.000 anderen Menschen gegen die neue Regierung in Österreich.

(Bild: Hans Punz/dpa)

Die AfD sitzt jetzt in allen 16 deutschen Landtagen. Als ich begann, ein politisches Bewusstsein zu entwickeln, war sie in keinem einzigen vertreten. 

Die einzige Kanzlerin, die ich jemals kannte, wird nicht mehr zur Wahl antreten. In den vergangenen drei Jahren ist die politische Situation rauer geworden, nach rechts gerückt. Das prägte nicht nur mein politisches Denken, sondern das vieler junger Menschen. 

Wären Rechtspopulisten wie die AfD nicht so erfolgreich, läge mir Politik heute vielleicht nicht so sehr am Herzen.

In Zeiten der AfD politisch zu werden ist zweischneidig. 

Ihr Aufstieg spaltet die Gesellschaft, schürt den Generationenkonflikt, auch zwischen mir und meinen Eltern. 

Aber sie gibt mir auch die Chance, in dieser einmaligen politischen Situation aktiv meine Meinung zu vertreten – und mich gegen den Rechtsruck zu wehren. Ich merke, was dieser Ruck mit Österreich gemacht hat; das möchte ich auf keinen Fall in Deutschland erleben. 

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