Bild: Sea Eye

Menschen fliehen aus zerbombten Landstrichen und vor Hungersnöten, Epidemien und Diktatur. Sie geben ihr letztes Geld an dubiose Schmuggler, durchwandern Tausende Kilometer die Wüste, setzen sich in überfüllte Boote, um in waghalsigen Überfahrten nach Europa zu kommen. Dann versuchen sie, in ein EU-Land ihrer Wahl zu kommen.

Dort wartet dann der bayerische Ministerpräsident Markus Söder und nennt das: Asyltourismus. 

Seit einigen Tagen geistert das Wort durch die Debatten. Vergangene Woche benutzte es der bayerische Innenminister Joachim Herrmann in einem Interview mit dem "Handelsblatt". Weil es kaum Beachtung fand, legte Söder drei Tage später in den ARD-Tagesthemen und im ZDF "heute journal" noch mal nach. 

Söder sagte: 

"Wir müssen endlich den Asyltourismus in Europa beenden. Es geht um diejenigen, die bereits in Europa angemeldet sind. [...] Das sind die vielen Menschen, die in Deutschland kein Aufenthaltsrecht hätten."

Auch auf Twitter benutzte Söder den Begriff:

Viele kritisierten: Söders Wortwahl erinnere an die AfD. Allerdings ist das Wort "Asyltourismus" deutlich älter als die AfD.

Bereits 2014 nutzte Innenminister Herrmann das Wort. In einer Pressemitteilung lobte er damals das gemeinsame Vorgehen von Italien, Österreich und Deutschland gegen "Asyltouristen".

In den Neunzigern war das Wort ein Kampfbegriff rechter Parteien. Die NPD benutzte den Begriff, die Splitterpartei "Die Rechte", die rechtspopulistische Schweizer Volkspartei ebenfalls. (Tagesschau)

Aber auch die Rechten haben ihn nicht erfunden – denn im Bundestag war er schon in den Achtziger in Mode. Und noch früher.

  • 1988 sagte der CDU-Politiker Horst Waffenschmidt im Bundestag, die "freie Wahl des endgültigen Zufluchtslandes" in Europa werde allgemein als "Asyltourismus" bezeichnet. (Bundestag)
  • 1985 nannte es auch der CDU-Abgeordnete Rolf Olderog "Asyltourismus", wenn "Ausländer von einem europäischen Staat zum anderen reisen und sich dort als politisch Verfolgte melden, wo die Lebensumstände am günstigsten erscheinen". (Bundestag)
  • Und 1978 tauchte das Wort in einer Abwandlung erstmals auf – benutzt vom SPD-Politiker Reinhard Bühling. Er sagte "durch die große Masse der sogenannten Asyltouristen kommt der wirklich Asylbedürftige allzuleicht in die Gefahr, allzulange hingehalten zu werden". (Bundestag)

Das heißt: Ursprünglich kommt das Wort von der SPD. Und es beschreibt nicht Flüchtlinge an sich – sondern will zwischen Schutzsuchenden und mutmaßlichen Nutznießern unterscheiden.

Was soll "Asyltourismus" überhaupt sein?

Ein Versuch, das Menschenrecht auf Asyl zu entwerten. Asyl heißt, Geflüchtete haben die Chance auf einen sicheren Schutzort – Tourismus hingegen ist ein Vergnügen. 

Die Uno beschreibt Tourismus als "soziales und wirtschaftliches Phänomen", das Menschen aus ihrer gewohnten Umgebung bringt und für mehr Vielfalt sorgt. Kurzum: Es geht um Austausch, darum, Neues zu entdecken.

  • Dieser Austausch ist freiwillig und dient der Erholung. 
  • Flüchtlinge hingegen fliehen, weil sie es müssen – und ihre Flucht ist alles andere als erholsam.

Schutzsuchende als "Touristen" zu bezeichnen, ist also mindestens zynisch. 


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