Mit einer Rede im armenischen Parlament löste Lilit Martirosya, 28, einen Skandal aus. Ihre Geschichte ging um die Welt, sie bekam Morddrohungen – heute ist sie untergetaucht und lebt versteckt in der armenischen Hauptstadt Yerevan.

Lilit ist trans, war mal Sexarbeiterin und führt eine kleine NGO, die sich für Prostituierte und LGBTQ einsetzt. Wir haben Lilit besucht – und uns ihre Geschichte erzählen lassen. 

Lilit betet. Es ist der Morgen des 5. Aprils, der letzte Tag ihres alten Lebens. Lilit steht vor Jesus, der als stilisierte, gütig dreinblickende Ikone neben ihrem Bett hängt. Für das, was sie im Begriff ist zu tun, braucht sie Kraft. Sicherheit. Doch sie zweifelt:

„Wenn ich es nicht tun soll, gib mir ein Zeichen. Soll ich es tun?“
erinnert sich Lilit

Wort für Wort erinnert sich Lilit heute daran. Sie erinnert sich an die Energie, die sie plötzlich, wie sie sagt, in jedem Winkel ihres Körpers gespürt hat. Die bei ihr war, als sie aufbrach, Richtung armenische Nationalversammlung, dem höchsten Gremium ihres Landes. Noch nie hat dort eine transsexuelle Person gesprochen.

Lilit Martirosyan weiß, dass es gefährlich werden kann.

Stunden später steht sie auf der Rednerkanzel, geglättete, kastanienbraune Haare mit blonden Enden, Blick nach unten, auf ihren Zettel. Langsam liest sie ab, ihre Stimme erfüllt den Raum.

„Menschen wie ich werden in diesem Land gequält, vergewaltigt, entführt, verbrannt, erstochen, überfallen.“
Lilit

Sie betont jede Silbe, blickt kein einziges Mal auf. "Wir sind stigmatisiert und diskriminiert in allen Bereichen der Gesellschaft, in Recht, Medizin." Die Rede hat Martirosyan mit dem Team ihrer NGO dutzende Male geübt. "Wir haben bis 2018 283 Übergriffe auf Transsexuelle gezählt", sagt sie.

Lilit fordert Gleichheit vor dem Gesetz und den Schutz ihrer Würde – ihre Menschenrechte. 

Die erste, die darauf reagiert, ist Naira Zohrabyan, Vorsitzende der Anhörung. Sie kneift die Augen zusammen und ruft in den Saal:

„Niemand verletzt deine Rechte, du verletzt unsere Tagesordnung, das ist respektlos!“
Naira Zohrabyan

Danach wirft sie Lilit Martirosyan hinaus.

In den Tagen nach der Rede hält der Hass Einzug in Lilits Leben. 

"Schneidet ihr die Zunge ab", "Sie ist eine Schande für das Land", "ein Tier", "Wir sollten sie verbrennen", kommentieren Armenier auf Youtube und Facebook den Video-Mitschnitt. Dutzende drohen ihr mit dem Tod, ein Mann veröffentlicht ihre Adresse im Netz.

Einige Hundert rotten sich wenige Tage nach der Rede im Parlament zu einer Demonstration zusammen. "Ich weiß, was mit ihr zu tun ist, es steht in der Bibel: Todesstrafe", sagt ein Priester namens Ter Ghazar Petrosyan in armenische TV-Kameras, in seiner Hand ein Weihrauchfass, mit dem er die Nationalversammlung reinigen wolle. Lilit sei ein Dämon, ihre Rede habe die EU verfasst und ihr Ziel sei, das armenische Volk zu demoralisieren.

Kein Gesetz schützt Lilit Martirosyan vor dem Hass. Laut einem Ranking von 49 Ländern werden LGBTQ nur in der Türkei und Aserbaidschan stärker benachteiligt (Rainbow Europe). Armenien hat sogar ein Antidiskriminierungsgesetz – aber sexuelle Orientierung kommt darin nicht vor (Amnesty International). Viele LGBTQ versuchen deshalb die Flucht nach Europa (Heinrich-Böll-Stiftung).

Dabei hätte 2019 alles anders sein sollen.

Ein Jahr zuvor hatte das Volk in der "samtenen Revolution" die korrupte Regierung gestürzt. Auch Lilit demonstrierte damals für den jetzigen Premierminister Nikol Pashinjan. Der versprach mehr Demokratie, Meinungsfreiheit und Gleichheit. Armenien sollte an Europa heranrücken. (DLF)

Aber Pashinjan schweigt zu den Vorfällen um Lilith. Er schweigt, während die Büros der EU und der UN in Armenien sowie die Botschafter der EU-Mitgliedsstaaten sich Mitte April besorgt zeigen und an die EU-Menschenrechtskonvention erinnern. Er schweigt, als der Eklat um Lilit Martirosyan weltweit Schlagzeilen macht.

Auch Lilit ist leise geworden – sie ist untergetaucht.

Sie schreibt auf Facebook: "Bitte stellt mir keine Anfragen mehr und akzeptiert meine psychische Verfassung." Im April schließt sie das Büro ihrer NGO "Right Side". Nach mehreren Anläufen gelingt ein Anruf per Skype. Lilit Martirosyan sitzt auf einer Couch mit Blumenmuster. Statt langer Haare trägt sie eine unordentliche Kurzhaarfrisur, hat Ringe unter den Augen. Ohne Lidschatten, angeklebte Wimpern und Eyeliner wirkt sie noch jünger als 28. Sie sei noch immer stolz, sagt sie. Aber: "Seit der Rede war ich nicht mehr draußen. Ich weiß nicht, wann ich jemals wieder auf die Straße gehen kann, ich habe Angst."

Wenige Tage später beschließt Lilit, das "Right Side"-Büro wieder zu öffnen – trotz der Todesdrohungen. "Was soll ich sonst tun?", schreibt sie mir auf Facebook.

Ich besuche Lilit in ihrem versteckten Büro.

Dorthin gelangt man durch eine metallene Eingangstür, die nur öffnen kann, wer den Zahlencode kennt. Wo "Right Side" sich befindet, ist geheim und soll es bleiben. Es gibt kein Schild, dafür Kameras vor dem Gebäude, im Treppenhaus, im Flur.

Im Arbeitszimmer sitzen vier Mitarbeiter an Computern. Einer davon ist Max, 24, ein junger Mann mit akkurat gestutztem Vollbart und dunklen Schatten unter den Augen. Er schaut auf und seufzt. "Die Morddrohungen", sagt er und schlägt einen Ordner auf, darin stapelweise Akten mit Polizeistempeln. "Alle unsere Anzeigen wurden zurückgewiesen – mangels Beweisen."

(Bild: Theresa Bachmann)

Auch Max spürt seit Lilits Rede den Hass.

"Meine Mutter und mein Bruder wissen, dass ich homosexuell bin – und ein Aktivist", sagt er. Vor zwei Monaten noch, als er auf offener Straße verprügelt wurde, hielten sie zu ihm. Nach Lilits Rede kursierte seine Adresse im Internet. Vor einigen Tagen hätten ihn Schreie und Klopfen an der Wohnungstür aus dem Schlaf gerissen. "Wie kann jemand wie er hier nur leben?", "Ein Dämon, er gehört verbrannt!", "Er will mit seiner Krankheit unsere Kinder infizieren!" Seine Mutter habe geweint und ihn schließlich rausgeworfen. Er schläft jetzt bei Lilit auf der Couch.

„Nein, eigentlich schlafe ich nicht. Jedesmal, wenn ich es versuche, habe ich Alpträume.“
Max

Eine Tür hinter ihm wird geöffnet.  Lilit Martirosyan trägt einen kurzen Rock, hohe Schuhe und hautfarbenen Lippenstift.

Beschwingter Gang, gerader Rücken, angehobenes Kinn. Auf Lilits rechten Arm sind die Worte "All equal all different" tätowiert. Sie lacht.

Lilit ist nicht das, was man von einer Frau erwartet, die seit einem Monat nicht auf die Straße gegangen ist, nicht einkaufen war oder in einem Café. Die jeden Tag von einem Freund im Auto mit verdunkelten Scheiben zur Arbeit und zurück gefahren wird. Lilit führt in ihr Büro und nimmt am Schreibtisch Platz. In einer Ecke hält eine goldfarbene Justitia die Waage der Gerechtigkeit.

Früher, erzählt Lilit, hat sie als Sexarbeiterin gearbeitet.

Transsexuelle in Armenien prostituieren sich oft, weil sie selten andere Jobs bekommen. Kein Arzt in Armenien operiere Transsexuelle, sagt Lilit. Ihre Geschlechtsangleichungs-OP führte ein russischer Arzt durch, nachts, ohne Verantwortung für mögliche Folgen.

Lilit holt einen Ordner aus dem Regal, eine Kladde mit 26 offenen Polizeifällen. Das Schlimmste, sagt Lilit, war der Überfall im Park vor etwa zehn Jahren. Zusammen mit anderen Transsexuellen habe sie wie jeden Abend auf Freier gewartet. Plötzlich sei ein Auto auf die Wiese gerast. Männer mit Baseballschlägern und Eisenstangen seien auf sie zugerannt und hätten auf sie eingeschlagen. "Ich war so geschockt, ich konnte nicht rennen", sagt Lilit. Der Fahrer habe Gas gegeben und direkt auf Lilit zugehalten. Endlich habe sie reagieren können. Sie entkam, verletzt und unter Schock.

Danach mietete sie sich mit anderen Transsexuellen ein Appartement, um Freier in sicherer Umgebung zu empfangen. Lilit sammelte Geld und gründete "Right Side".

(Bild: Anna Theresa Bachmann)

Draußen, im Büro, sind plötzlich laute Stimmen zu hören.

Lilit eilt nach draußen, alle drängen sich vor einen Computer, sprechen durcheinander. Darauf läuft ein Live-Video: Der armenische Premier hält eine Pressekonferenz.

„Ich glaube es nicht: Er spricht über uns.“
Lilit

Präsident Pashinjan sagt, worauf Lilit seit Monaten wartet. "Ich werde beschuldigt, dass ich eine armenische Bürgerin nicht verbrenne. Wir werden niemanden verbrennen! Wir werden die Rechte jedes einzelnen Bürgers von Armenien verteidigen. Denn sie alle sind gleich vor dem Gesetz. Und Diskriminierung ist verboten, unabhängig von Rasse, Geschlecht, Sozialstatus oder Alter."

Lilit Martirosyan schüttelt den Kopf. "Das ist historisch."

Eine Mitarbeiterin nickt: "Es ist ein Anfang." Max sagt: "Das war unser Werk, wir haben das gemacht. Aber ich glaube es erst, wenn wir frei leben können." Lilit hört auf das, was Pashninjan danach sagt. Er habe bei Klerikern Rat gesucht, verkündet er und lächelt dabei sogar ein bisschen. Die Geistlichen hätten ihm gesagt, auch Transsexuelle dürften Kirchen betreten. Sie dürften die Beichte ablegen und sie dürften beten – wie alle Gläubigen.


Queer

"Bisexuelle wollen sich nicht festlegen": So reagieren queere Menschen auf Markus Lanz' Zitat
"Pseudo-witzige Aussage über etwas, wovon er keine Ahnung zu haben scheint."

ZDF-Talker Markus Lanz und seine Show stehen regelmäßig in der Kritik. Mal wegen unangenehmer Altherrenkommentare über das Aussehen von Bundeskanzlerin Merkel, mal wegen seines staubig-großmütterlichen Interviewstils gegenüber jungen Menschen wie Tom Kaulitz

Am Dienstagabend sprach Markus Lanz wieder mit einem jungen Menschen: Dem international erfolgreichen, 24-jährigen DJ Felix Jaehn. 

Nachdem Lanz zu Beginn des Interviews erfolglos versucht hatte, Jaehn mit dem mutmaßlich durch Suizid verstorbenen Musiker Avicii zu vergleichen ("Kennst du das auch, Felix, dieses Gefühl, ich stürze da jetzt rein und nichts und niemand fängt mich auf?"), wechselt das Thema auf Jaehns Bisexualität, über die er 2018 erstmals sprach. 

Anfangs ging Lanz souverän mit dem Thema um und erklärte, beim letzten Interview mit dem DJ nicht darüber gesprochen zu haben, weil es einfach total egal sei – Szenenapplaus inklusive. 

Aber Lanz wäre nicht Lanz, wenn er es dann nicht doch vermasseln würde. In diesem Fall mit einer vom Moderator frei zitierten Aussage. Ihm habe mal ein namenloser Professor gesagt: