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Ihre Kulturen sind sehr ähnlich, aber die Geschichte ihrer Vorfahren entzweit die beiden Nationen. Deutsch-Türken und Deutsch-Armenier streiten immer wieder über eine Frage: Kann man die Ermordung Tausender christlicher Armenier während der Vertreibung aus dem osmanischen Reich zwischen 1915 und 1916 als Völkermord bezeichnen?

Am Donnerstag entschied der Bundestag in einer Resolution, dass die Taten der Türken als Völkermord einzustufen sind (bento). Wir haben mit jungen Deutsch-Armeniern und Deutsch-Türken gesprochen. Warum fällt die Versöhnung heute so schwer? Und was erhoffen sie sich von dem deutschen Beschluss?

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Sevan, 33, macht seinen Doktor in Wirtschaftswissenschaften in Köln
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Meine Urgroßeltern kommen aus dem heutigen Anatolien und sind während des Völkermords vertrieben worden. Sie zogen nach Teheran, wo sich meine Eltern später in der armenischen Gemeinde kennenlernten. Wegen des Iran-Irak-Krieges 1988 entschieden sich meine Eltern nach Deutschland zu emigrieren, da war ich sieben Jahre alt. Meine Familiengeschichte ist also durch Krieg und Vertreibung geprägt.

Die Anerkennung als Völkermord wäre für mich eine Erleichterung. Sie hat auch noch hundert Jahre später einen Wert. Erst dann könnte ich, wie sehr viele andere Armenier, mit der eigenen Geschichte abschließen. Außerdem gibt es in Deutschland auch heute wieder Angriffe auf Minderheiten, zum Beispiel Anschläge auf Flüchtlingsheime. Gerade deshalb finde ich es wichtig, ein Zeichen für die Menschlichkeit und Völkerverständigung zu setzen.

„​Wenn die Resolution im Bundestag erfolgreich sein sollte, wäre das eine Basis für die Versöhnung. “

Wenn die Resolution im Bundestag erfolgreich sein sollte, wäre das eine Basis für die Versöhnung. Ich spreche da gar nicht von der utopischen Versöhnung zwischen den Staaten Armenien und Türkei, sondern von der Versöhnung zwischen Deutsch-Türken und Deutsch-Armeniern. Es ist unglaublich, was ich während meiner Studienzeit erlebt habe. Veranstaltungen, die Armenier zum Völkermord durchgeführt haben, wurden von türkischen Verbänden beziehungsweise Erdogan-Anhängern attackiert und mussten abgebrochen werden.

In der Fotostrecke: So gehen die Meinungen auseinander
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Fatma*, 21, studiert BWL in Hamburg

Es ist wichtig, dass Deutschland endlich Stellung bezieht. Ich hätte mir aber gewünscht, dass sich die Bundesregierung früher klar geäußert hätte. Diese Problematik besteht seit hundert Jahren. Wie viele direkte Betroffene leben heute noch? Andere Länder wie Frankreich und Italien sprechen schon lange von einem Völkermord.

Deutschland sollte bei aktuelleren Themen Druck machen – zum Beispiel bei der fehlenden Presse- und Meinungsfreiheit. Erdogan kann sich gerade jetzt als starker Mann aufspielen. Mit der Flüchtlingsproblematik ist Europa bis zu einem gewissen Grad von der Türkei abhängig. Das weiß Erdogan und nutzt die Situation schamlos aus. Er ist ein gewiefter Stratege, so hat er es schon immer gemacht.

Das Thema des Völkermords ist unter Türken sowohl in der Türkei als auch in Deutschland immer noch ein Tabu. Die Beziehungen zwischen Armeniern und Türken sind sehr angespannt. In der Türkei gilt das Wort "Armenier" ("Ermeni") als Schimpfwort. Unter Deutsch-Türken spricht man über das Thema nur mit ausgewählten Freunden und hinter vorgehaltener Hand. Ich denke, daran wird auch die Stellungnahme Deutschlands nichts ändern.

Die Problematik wird sich erst lösen, wenn die türkische Regierung auch von einem Völkermord spricht. Und das wird noch lange dauern.

Tatev Hanesyan, 21, studiert Management in Hamburg
(Bild: privat)

Die Resolution in Deutschland ist nur ein erster Schritt. Schließlich wollen wir, dass irgendwann die Türkei zu ihren Verbrechen steht. Es sind schon hundert Jahre vergangen und nichts hat sich getan. Jetzt leiden auch noch wir Nachfahren, weil wir als Lügner dargestellt werden. Die Hoffnung ist so groß. Es ist ein Herzensthema und es begleitet meine Familie und mich schon das ganze Leben.

Ich bin stolz, in Deutschland aufgewachsen zu sein. Allerdings würde ich gerne in einem Land leben, das auch die Geschichte meiner Vorfahren anerkennt.

„Die Hoffnung ist groß.“

Ich bin in der Initiative "Anerkennung Jetzt" aktiv, die hauptsächlich von armenischen Jugendlichen geführt wird. Wir zitieren Historiker, um die Thesen der Leugner zu widerlegen. Wir nehmen Kontakt zu Politikern auf, wir setzen uns täglich mit unserer Geschichte auseinander und investieren unsere Freizeit dafür.

Ich habe erwartet, dass Erdogan die deutschen Politiker unter Druck setzt. Vor einigen Jahren, als Frankreich und Österreich den Genozid anerkannt haben, gab es im Vorhinein ebenfalls Drohungen und Botschafter wurden abgezogen. Aber im Nachhinein gab es diesbezüglich keine politischen Verwerfungen mehr.

Bahar, 31, ist angehende Lehrerin aus Köln
(Bild: Bahar)

Als Deutsch-Türkin mit alevitischem Glauben habe ich einen besonderen Blick auf die armenische Debatte. Wir wurden als religiöse Minderheit auch in der Türkei verfolgt. Insofern kann ich sehr gut verstehen, dass Armenier sich nach einer gerechten und fundierten Aufarbeitung sehnen. Sie wollen verstehen, was damals mit ihren Familienmitgliedern passiert ist.

Doch die Debatte ist so verblendet von Hardlinern auf beiden Seiten. Viele Deutsch-Türken sehen alleine die Thematisierung des Völkermordes schon als Affront gegen ihren Staat, gegen ihren Nationalstolz, gegen ihre Identität. Viele Deutsch-Armenier fühlen sich alleine gelassen in ihrem Schmerz und können dieses Trauma nicht abschließend verarbeiten.

Was es genau bringen kann, wenn Deutschland die Taten als Völkermord bezeichnet, kann ich nicht sagen. Die Türkei könnte sich aufgefordert fühlen, zu handeln. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass sich die Fronten weiter verhärten. Ich habe Angst, dass ein Dialog in dieser eh schon angespannten Situation somit noch schwieriger wird.

Verständigung und eine offene Diskussion zwischen der türkischen und armenischen Bevölkerung sehe ich als einzigen Ausweg. Ich zitiere oft und gerne den armenischen Journalisten Hrant Dink, einer meiner Vorbilder, der in der Türkei auf offener Straße ermordet wurde. Auch er hat einen offenen Dialog als einzige Lösung gesehen.

Şaziye, 29, arbeitet im Lebensmitteleinzelhandel in Stuttgart
(Bild: privat)

Das Verhältnis zwischen Deutsch-Türken und Deutsch-Armeniern nehme ich in Deutschland als sehr aggressiv wahr. Hier sind beide Gruppen nicht gern miteinander befreundet. In Diskussionen geraten wir immer wieder bei dem Thema Völkermord aneinander – es ist das Einzige, was uns spaltet.

Ich bin nicht der Meinung, dass es ein Genozid war, sondern eine Deportation. Mir fehlen dafür einfach Fakten. Ich habe versucht, mich beidseitig zu informieren. Ich hatte nicht von Anfang an eine festgelegte Meinung. Ich habe Vorträge des renommierten US-Wissenschaftlers Justin McCarthy besucht, Geschichtsbücher gelesen und mit meiner 98-jährigen Nachbarin gesprochen, die zu dieser Zeit im betroffenen Gebiet gelebt hat: Meiner Meinung nach gibt es nur Vermutungen aber keine Fakten, die den Völkermord belegen. Ein großes Problem ist, dass Armenier ihre Archive nicht zugänglich machen.

„Deutschland kann es von mir aus anerkennen, ich werde es trotzdem nicht.“

Eigentlich sollte sich kein Land für oder gegen die Bezeichnung aussprechen. Historiker müssen darüber entscheiden. Wenn Deutschland die Resolution verabschiedet, dann wird das die Stimmung zwischen Deutsch-Türken und Deutsch-Armeniern nur noch weiter aufheizen. Deutschland kann es von mir aus anerkennen, ich werde es trotzdem nicht. Mir fehlt die Begründung.

* Name wurde von der Redaktion geändert


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