Bild: dpa/Gregor Fischer

Seit ein paar Tagen tobt der Nahostkonflikt mitten in Berlin: Es ist Dienstagabend in der Hauptstadt, auf dem Platz vor dem weihnachtlich erleuchteten Hauptbahnhof. Eine kleine Frau drängt in ein Meer aus Palästinaflaggen, sie schreit: "Stoppt den Mord, stoppt den Krieg – Intifada bis zum Sieg!" Hunderte wiederholen den Reim, dann jubelt sie. Intifada ist Arabisch, es bedeutet Aufstand. 

Wenige Straßen weiter wird zur gleichen Zeit feierlich die erste Kerze des Chanukka-Leuchters am Brandenburger Tor erleuchtet – unter Polizeischutz. Man feiert hier das jüdische Lichterfest. Es ist ein wichtiger religiöser Feiertag (bento). Es wäre auch ein wichtiger Tag für alle anderen in Deutschland, um gemeinsam mit der jüdischen Gemeinde zu feiern, um zu zeigen, wie ernst dieses Land seine Verantwortung nimmt. 

(Bild: Marc Röhlig)

Nur: Vor dem Bahnhof merkt man davon nichts. Etwa 500 pro-palästinensische Aktivisten haben sich versammelt. Seit Donald Trumps Entscheidung, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen (bento), geht das so - es ist bereits der dritte Aufmarsch in fünf Tagen. 

Regen peitscht ihnen in die Gesichter, Reisende huschen mit ihren Rollkoffern vorbei. Doch die Gruppe bleibt hier. Zwei Stunden lang schreien sie, auf Arabisch wird immer wieder das islamische Glaubensbekenntnis und "Allahu Akbar", Gott ist größer, rezitiert. 


Seit wütende Palästinenser in Berlin regelmäßig auf die Straße gehen, wird in Deutschland erneut diskutiert, wie tief der Antisemitismus in unserer Gesellschaft verwurzelt ist. Er war schon immer da, aber unter jungen Arabern erfährt er eine neue Ausprägung. Und auch die Demonstrationen, geplant als Protest gegen Israels Siedlungspolitik, wurden Orte des Judenhasses: Jugendliche verbrannten mehrere Israelflaggen, in Sprechchören wurde der Terrorgruppe Hamas gehuldigt.

Woher kommt der Hass? Und was wissen arabischstämmige Jugendliche wirklich über Israel und das Judentum?
(Bild: Marc Röhlig)

"Wenn wir was über Israel erfahren, dann bei Facebook oder Snapchat", sagt Hiba, "aber sicher nicht im Unterricht". Die 14-jährige geht in Berlin zur Schule. Am Dienstag war sie zum ersten Mal bei einer pro-palästinensischen Demo dabei. Ihre Freundin Jenin, 15, hat sie begleitet. Beide haben Eltern, die aus Palästina kommen, sie selbst sind in Deutschland aufgewachsen.

Die Mädchen tragen palästinensische Schals um den Hals, bei den Sprechgesängen rufen sie nur schüchtern mit. Hiba hatte ihren Schal bereits am Vormittag in der Schule an, der Lehrer wollte es verbieten. "Er hat gesagt, ich soll das ausziehen, aber das war es dann auch." 

Wenn der Nahostkonflikt ein Thema sei, dann nur in der Pause – Lehrer ließen sie mit dem Thema allein, sagen beide.

Auch andere arabische Jugendliche erzählen, dass sie in der Schule oder über Medien nur wenig über Israel und Palästina lernen. Sie berichtet von YouTube-Kanälen und Videos auf Facebook. "Facebook kann ich glauben", sagt einer, "da sind die Nachrichten aus echten Quellen." Wer da sehr aktiv ist: arabische Propagandakanäle und palästinensische Aktivisten.

Wirklich überprüfen lassen sich diese Nachrichten nicht. Schon immer wurde Krieg auch über Meinungsmache geführt, doch Propaganda in sozialen Netzwerken erreicht Menschen über ihre Telefone ungefiltert direkt und überall: So werden zum Beispiel Jahre alte Videos mit verletzten Kindern – auch aus anderen Krisengebieten – wieder und wieder geteilt, neu zusammengeschnitten, mit dramatischer Musik unterlegt.

Was stimmt: Die israelische Armee geht in den besetzten Palästinensergebieten mit aller Härte vor, oft werden unschuldige Zivilisten schikaniert und angegriffen. Der Siedlungsbau Israels wird von der Uno völkerrechtlich nicht anerkannt (Der Tagesspiegel).

Allerdings ist das nur eine Seite des Konflikts. Die Terrororganisation Hamas feuert regelmäßig Raketen auf israelische Wohngebiete ab, palästinensische Aktivisten greifen immer wieder israelische Soldaten an oder verüben Anschläge. Im arabischen Fernsehen oder auf YouTube-Kanälen werden die Angriffe glorifiziert. 

Bei den Jugendlichen bleibt das hängen: "Das ist kein Terror", sagt Mohammed, "das ist Notwehr".
Hiba und Jenin wollen anonym bleiben – wie alle Jugendlichen, mit denen wir gesprochen haben.(Bild: Marc Röhlig)

Was nicht aus dem Netz kommt, wird am Küchentisch verhandelt. "Israel macht nichts Gutes", sagen auch Jenin und Hiba, die Mädchen mit den Schals. Das sei das Wichtigste, was man wissen müsse. Außerdem: 

Die Israelis töten Kinder und bombardieren Gaza. Mein Vater hat mir erzählt, dass man in Israel als Araber nicht überleben kann.
Jenin

Hiba stimmt mit ein, auch ihr Vater habe ihr Ähnliches beigebracht. "Wir hassen Juden", sagt sie. Aber Juden gelten doch im Koran als eine Religion, die geachtet werden muss? "Ja, aber sie...", setzt Hiba an, dann weiß sie nicht, wie der Satz enden soll.

Die Schrift

Der Koran bezeichnet Juden und Christen als "ahl al-kitab", als Buchvölker. Weil sie auch an einen Gott glauben und ihre Lehren aus einem Buch ziehen, werden beide Religionen als schützenswert bezeichnet.

"Natürlich gehören wir zusammen", sagt Rami, "Juden und Muslime dürfen sich nicht bekämpfen." 

Der 27-Jährige engagiert sich in einem israelisch-palästinensischen Verein, so höre er Wahrheiten von beiden Seiten, sagt er. Bei der Demo steht er am Rand. Er will dabei sein, weil er Trumps Entscheidung und die Politik Israels für falsch hält. Gleichzeitig traut er sich nicht in die Gruppe der anderen Jugendlichen – weil er nicht als Judenhasser dastehen möchte.

Auf beiden Seiten wurden Fehler gemacht, auf beiden Seiten sterben Leute.
Rami

Also müssten auch beide Seiten an einer Lösung arbeiten. Dass Jerusalem nun allerdings die Hauptstadt Israels sein soll, hält er allerdings für unfair: "Israels Friedensbemühungen sind doch so erstunken und erlogen."

Auch Ahmad, 19, will klar zwischen Israelis und Juden trennen. "Wir hassen keine Juden", sagt er. "Aber wir haben etwas gegen Israelis." Israelische Flaggen verbrennen, halte er für Quatsch, immerhin sei der Davidstern darauf – ein religiöses Symbol.

Seine Großeltern hätten ihm erzählt, wie sie aus Palästina vertrieben wurden. Die seien noch voller Hass. Aber er – aufgewachsen in Neukölln – will, dass alle Religionen zusammenfinden. "Jerusalem ist die Hauptstadt aller Religionen", sagt Ahmad, sie gehöre Juden, Christen und Muslimen gemeinsam. Entsprechend dürften Juden dort beten.

Trotzdem wird er wütend, sobald es um Israels Politik geht. "Israel" spricht er wie ein Schimpfwort aus. 

Die Israelis sollten sich hüten, die Stadt Jerusalem für sich zu beanspruchen. "Sie haben unser Land genommen. Und sie töten uns, immer wieder."

Auf der Demo wurden auch Symbole der islamistischen Muslimbruderschaft gezeigt – wie die vierfingrige "Rabia".(Bild: Marc Röhlig)

Die offiziellen Sprecher auf der Demo hüten sich davor, allzu kritische Sätze zu sagen. Ein Redner sagt, Araber seien selbst Semiten – "den Antisemitismus verabscheuen wir genauso". Zu den semitischen Völkern gehören historisch unter anderem Araber, Juden und Äthiopier. 

Das heißt aber nicht, dass unter vielen Muslimen nicht trotzdem Antijudaismus verbreitet ist. Diesen verstecken viele hinter Israelkritik. Neu ist das nicht – und es ist auch keine Eigenart des Islam. Im vergangenen Jahr gab es laut dem Innenministerium 1468 antisemitische Straftaten, davon 64 Gewalttaten. 94 Prozent der Fälle seien rechtsextrem motiviert gewesen.

Trotzdem ist es vor allem der muslimische Hass auf Juden, der in der Öffentlichkeit sichtbar ist – eben durch verbrannte Flaggen oder Hassparolen. 

Was bei den Jugendlichen in Berlin auffällt: Es ist Hass aus der Ferne.

Der 20-jährige Jihad ist einer, der es anders erlebt – und daher auch anders denkt. Er ist gerade aus Palästina zu Besuch in Berlin und einer der wenigen, für die der Nahostkonflikt tatsächlich lebendig und kein Ereignis aus den Nachrichten ist. Freunde haben ihn zum Demonstrieren mitgenommen, um die Stirn hat er sich ein Band in den Farben Palästinas gebunden. "Die Juden sind kein Problem", sagt er.

Die Flaggenverbrenner würden ihn daher aufregen. Juden und Muslime wären seit Jahrhunderten befreundet gewesen, "wir haben Tür an Tür gelebt". Aber nun würden Politiker wie Trump Konflikte schüren.

Jihad gibt allerdings zu, dass auch arabische Medien eine Teilschuld haben. Viele Sender würden Juden schlecht darstellen und eine Feindschaft mit den Muslimen beschwören. "Was sie nicht zeigen", sagt Jihad, "ist die Freundschaft, die es zwischen Juden und Muslimen auch gibt.


Streaming

Jaime Lannister als Weihnachtself ist das Lustigste, was du heute siehst
Danke, Jimmy Kimmel!

Es wird so schnell kein neues "Game of Thrones" geben – erst 2019 soll die finale Staffel der Serie laufen (bento). Allerdings heißt das nicht, dass die Darsteller aus der Welt sind. Und uns nicht mit einem kleinen Weihnachtsgeschenk überraschen können.

Nikolaj Coster-Waldau hat jetzt bei einem Auftritt in der Late-Night-Show von US-Moderator Jimmy Kimmel genau das gemacht. 

Als Jaime Lannister mimte er einen Weihnachtself. Einen sehr, sehr bösen Weihnachtself.