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"Denken Sie einmal 70 Jahre zurück. Deshalb habe ich zwei Pässe."

Wer sich mit Shmuel Havlin verabredet und etwas zu früh dran ist, bekommt es mit der Polizei zu tun. Die Synagoge der jüdischen Gemeinde Hamburg, in der er Rabbiner ist, wird seit Jahren geschützt. Betonpoller, Straßensperren, Zivilbeamte.

Havlin ist einer von zwei Rabbinern der jüdischen Gemeinde in Hamburg. Dunkler Anzug, Bart, Kippa. Auf Händeschütteln verzichtet er, der orthodoxen Tradition folgend. Zum Gespräch bittet er in einen Nebenraum.

Menschen wie er werden in Deutschland beleidigt, bedroht, attackiert. Lange wurde nicht mehr so intensiv über den Hass auf jüdisches Leben diskutiert, wie in der vergangenen Zeit. 

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Vor allem ein Fall empörte viele: Im April tauchte in den sozialen Netzwerken ein verwackeltes Video aus Berlin auf. Es zeigt einen Mann, der auf offener Straße mit einem Gürtel auf einen jungen Israeli einschlägt. Das Opfer trug Kippa.

Tausende gingen kurz darauf gegen Antisemitismus auf die Straßen. Eine Zeitung druckte Solidaritäts-Kippas zum Ausschneiden. Seit einigen Wochen hat die Bundesregierung einen eigenen Antisemitismus-Beauftragten.

Auch ganz rechts außen interessiert man sich jetzt plötzlich für den Schutz jüdischen Lebens. Zum 70. Jahrestag der Gründung Israels sagte AfD-Chef Alexander Gauland im Bundestag: 

Die Existenzsicherung Israels beginnt am Brandenburger Tor. Wer Kippa-Träger angreift, hat das Gastrecht in diesem Land verbraucht.
Alexander Gauland, AfD-Parteichef

Kurz darauf nannte er die Zeit der Nazi-Herrschaft und damit der Judenverfolgung einen "Vogelschiss" in 1000 Jahren deutscher Geschichte. Wie ernst nimmt man den Schutz jüdischen Lebens in Deutschland?

Sicher ist: In Deutschland registrierte die Polizei 1453 antisemitischen Straftaten im Jahr 2017. Durchschnittlich vier pro Tag. Seit Jahren ist das so, vermutete Dunkelziffer: hoch. (Tagesspiegel)

Wie erleben Jüdinnen und Juden in Deutschland diesen Hass? 

Eine Suche nach Antworten führt nach Berlin und in den Hamburger Grindel, einst das jüdische Viertel der Stadt, heute Studentenhochburg. Noch heute steht hier die Synagoge. Vor dem Holocaust lebten in Hamburg 50.000 Jüdinnen und Juden – heute hat die Gemeinde etwa 2500 Mitglieder.

Rabbi Havlin wurde in Israel geboren, studierte dort und in den USA. 2012 kam er nach Deutschland. In Hamburg arbeitet der 33-Jährige auch als Religionslehrer für das 2007 wieder gegründete jüdische Bildungshaus.

Shmuel Havlin ist einer von zwei Rabbinern der jüdischen Gemeinde und Religionsleiter im jüdischen Bildungshaus Hamburg.(Bild: bento)

Wenn Havlin vor die Tür geht, fällt er auf. Dieser Anzug, dieser Bart. Viele sprechen ihn an. An manchen Tagen, sagt Havlin, brauche er von seiner Wohnung zur Synagoge doppelt so lange wie geplant.

Havlin sagt, er fühle sich sicher hier. “Wenn ich mit Mitgliedern meiner Gemeinde spreche, merke ich allerdings, dass die Verunsicherung gewachsen ist.” Rabbiner aus anderen deutschen Städten erzählen von Anfeindungen. Inzwischen, sagt Havlin, verstehe er Gemeindemitglieder, die aus Sicherheitsgründen in manchen Stadtteilen die Kippa lieber abnehmen. Für ihn selbst kommt es nicht in Frage.

Wenn er vor Schulklassen steht, ist er oft der erste Jude, mit dem die Jugendlichen bewusst Kontakt haben. 

Vieles ist unbekannt. Wie oft betet ihr am Tag? Was trägst du zu Hause? Welche Rolle haben Frauen im Judentum? Was bedeutet der Davidstern?

Über den Nahostkonflikt spricht Havlin bewusst nicht. Dafür sei er der falsche Ansprechpartner, sagt er. Israel, Juden, Holocaust, Muslime, Antisemitismus – viele wissen heute gar nicht mehr, wie die Dinge zusammenhängen. Menschen jüdischen Glaubens sollen abwechselnd den Nahostkonflikt bewerten, den Holocaust erklären und Verschwörungstheorien widerlegen.

Es ist diese Verunsicherung, die auch Max, 27, kennt. Schon äußerlich unterscheidet er sich von Havlin: Max trägt kaputte Turnschuhe, verschwuscheltes Haar, eine Kappe mit brennendem Polizeiauto drauf. Aber genauso wie Havlin ist Max: Jude.

Max ist in Deutschland aufgewachsen und Student. Seine jüdischen Wurzeln hat er erst spät entdeckt.(Bild: bento)

Verabredung im Hamburger Schanzenviertel an einem Maitag. Trotz seiner Wurzeln zögert Max bis heute, wenn man ihn fragt, ob er sich als Juden sieht. Er ist nicht besonders religiös. An Gott glaubt er nicht.

Für seine beiden Eltern, Vater katholisch, Mutter jüdisch, war Religion nie etwas, über das man groß sprach. Wenn, dann im Spott. Die Eltern wollten Distanz. Keine Religion, keine Probleme. Das Thema schien lange Zeit weit weg zu sein.

Als er noch zur Schule ging, nahm seine Schwester einmal einen Anhänger mit Davidstern mit zum Unterricht, den sie von Verwandten hatte. Nur so, kein großes Thema. Nachmittags gingen die Kinder nach Hause.

Doch kurze Zeit später riefen Unbekannte bei der Familie an. Max nahm ab. 

Judenfotze, wir bringen dich um.
Hier ist der Judenvergaser.

Wochenlang ging das so.

Die Eltern verständigten die Polizei, irgendwann ließen sich die Anrufer ermitteln. Es waren Klassenkameraden. Doch der Telefonterror blieb für sie ohne Konsequenzen. Stattdessen wurde Max’ Familie vorgeworfen, einen Streich zu ernst genommen zu haben.

Hatten sie das? Müssen Jüdinnen und Juden lachen, wenn "Judenvergaser" ins Telefon geflüstert wird? "Die Sache" nicht gleich so ernst nehmen? Muss man denn wirklich mit Davidstern in die Schule kommen?

Wem Max von den Telefonanrufen erzählt, der beginnt zu verstehen, wie tief Antisemitismus immer noch im deutschen Alltag verankert ist.

Zahlen belegen das: In einer aktuellen Studie des US-amerikanischen Pew-Instituts sagte kürzlich jeder fünfte Deutsche, er wolle keine Juden in seiner Familie haben. Jeder Vierte stimmte in einer Umfrage der Friedrich-Ebert-Stiftung der Aussage zu: "Viele Juden versuchen, aus der Vergangenheit des Dritten Reiches heute ihren Vorteil zu ziehen."

Umgekehrt ist die Situation noch deutlicher: In einer Studie der Uni Bielefeld berichteten mehr als 70 Prozent der befragten Jüdinnen und Juden über Erfahrungen mit Antisemitismus in der Schule oder am Arbeitsplatz.

Max' Familie hat versucht, solche Erfahrungen auf ihre Art zu verarbeiten. Lange Zeit war es bei seinen Großeltern verboten, über die eigene Geschichte zu reden. Religiöse Feste feierte man nur selten. Nie wieder sollte das Jüdischsein ein Grund für Verfolgung sein können.

Besser wurde davon nichts.

Schließlich war da Max' Lehrer, der vor der Klasse stand und erzählte, die Juden hätten den Holocaust für sich gepachtet, um zu verhindern, dass über noch schlimmere Verbrechen geredet werde.

Schließlich waren da Max' linke WG-Mitbewohner, die gegen alle Ungerechtigkeiten der Welt kämpften, es den Juden aber übelnahmen, als Antwort auf den Holocaust vor 70 Jahren einen eigenen Staat von der Größe Hessens ausgerufen zu haben. Nahostkonflikt am Küchentisch.

(Bild: Roxanne Desgagnes/Unsplash)

Um sich in Ruhe mit seiner Identität auseinandersetzen zu können, musste Max erst in ein Konfliktgebiet reisen. Ein Auslandssemester in Tel Aviv.

Auf einmal traf Max Gleichaltrige, die ähnliche Erfahrungen gemacht hatten. Hörte von Familiengeschichten, die ihm bekannt vorkamen. Erfuhr, wie unterschiedlich die Tora ausgelegt werden kann. Wie leidenschaftlich man darüber diskutieren kann, seit Jahrtausenden.

Max traf Verwandte, die ebenfalls nicht besonders gläubig waren – aber trotzdem die jüdischen Feiertage genießen konnten. “Erst da wurde mir bewusst, was meine Eltern mir trotz allem mitgegeben haben."

Der kleine Leuchter zu Hause, die selten gefeierten Festtage, ein paar Sätze Hebräisch. Plötzlich wurde daraus mehr für ihn. Jüdischsein, das heiße für ihn heute auch, Teil einer großen Erzählung zu sein, sagt Max.

Vielen jungen Israelis wird genau das irgendwann zu viel. Spätestens nach dem Militärdienst hauen sie ab. Oft nach Goa in Indien. Kiffen, feiern, kein Konflikt. Und immer öfter auch nach Deutschland, Europa. Weniger feiern, dafür Ruhe und Stabilität.

Zehntausende sollen in den vergangenen Jahren gekommen sein, vor allem Berlin ist beliebt. Ausgerechnet diese Stadt, in der es in den vergangenen Monaten besonders viele Angriffe auf Juden gab.

In dieser Stadt lebt auch Nitzan, 31, Nickelbrille, schwarzes Haar, goldene Sneaker. Vor sechs Jahren ging sie noch wie viele in ihrem Heimatland Israel auf die Straße, um gegen steigende Preise und den Rechtsruck in der Politik zu protestieren.

Doch die Politik änderte sich nicht. Nitzan hatte vier Jobs und wenig Hoffnung. Sie fühlte sich ausgebrannt. Und spürte, dass sie sich im Land ihrer Eltern nicht mehr zu Hause fühlte. Schließlich beschloss sie, nach Deutschland zu gehen.

Nitzan hat fast drei Jahrzehnte in Israel gelebt. Ihre Zeit in Berlin beschreibt sie als "unbestimmte Pause".(Bild: bento)

Schon ihr Großvater hatte hier gelebt, als Metzger im Saarland. Von ihm hatte Nitzan einen deutschen Pass geerbt und die Motivation, deutsche Vokabeln zu büffeln.

Willkommen in Deutschland fühlte sie sich dann lange Zeit dennoch nicht. In einem Café in Berlin-Neukölln bestellt sie einen Flat White und erzählt, wieso.

Als sie an der Uni einen Mediationskurs besuchen wollte, riet ihr die Dozentin, es lieber mit interkultureller Kommunikation zu probieren. Das sei einfacher für sie als Migrantin. Wegen der Sprache. Zu diesem Zeitpunkt sprach Nitzan seit fünf Jahren Deutsch.

(Bild: dpa)

Ein anderes Mal gratulierte ihr der türkisch sprechende Späti-Verkäufer dazu, dass Jerusalem eine so reiche Stadt sei – in Anspielung auf das Vorurteil, dass Juden besonders viel Geld haben.

Beim Berliner Bürgeramt fragte sie eine genervte Beamtin, warum sie denn zwei Pässe habe. Sei ja anstrengend. Nitzan reichte es schließlich: "Denken Sie mal 70 Jahre zurück. Deshalb habe ich zwei Pässe." Die Beamtin war still, doch solche Fragen hört Nitzan noch heute.

Ich hätte nicht gedacht, dass es in Deutschland noch so viel Rassismus und Antisemitismus gibt.
Nitzan

Nitzan und Max kennen sich nicht. Beide sind Tausende von Kilometern entfernt voneinander aufgewachsen. Und dennoch verbindet sie viel.

Wenn sie von ihrem Leben in Deutschland erzählen, dann geht es auch darum, wie sehr es sie nervt, ständig Position beziehen zu müssen. 

Jüdischsein, das heißt noch immer, sich regelmäßig definieren zu müssen. Es heißt, Kommentare abgeben zu müssen zum Nahostkonflikt. Zuzuhören, wie unbekannte Menschen "das damals" bedauern. Als vermeintliche Instanz entscheiden zu müssen, wer denn jetzt der schlimmere Antisemit sei.

Max sagt, seitdem er aus Israel zurück sei, sehe er viele Dinge hier anders. Wie christlich Deutschland trotz allem noch sei. Dass man hier ein Jahr lang Martin Luther feiere, aber dabei nie über dessen Antisemitismus rede. Dass es viele unterschiedliche Formen von Ausgrenzung und Rassismus gibt.

Bild: bento
Weiße Anführungszeichen
Wenn ich es nicht möchte, erkennt mich keiner. Eine junge Frau mit Hijab, ein Schwarzer oder ein schwules Pärchen, das Händchen hält, können das nicht.
Max

Max sagt, er wolle nicht gegen andere Minderheiten sein, um Verständnis zu bekommen.

Auch Nitzan geht es so. Lange Zeit dachte sie, dass Diskussionen in Deutschland anders verlaufen würden als in Israel. Sachlicher, ruhiger. Seitdem die AfD im Bundestag sitzt, zweifelt sie daran, dass es in Deutschland wirklich besser ist. “Angstpolitik” nennt Nitzan das, was sie bei vielen, vor allem rechten, Politikern beobachtet.

Es heißt so viel wie: Vor lauter Angst die ganze Zeit nur noch über bestimmte Themen reden. Flüchtlinge, Terror, Islam.

Es heißt aber auch: Mit Ängsten spielen, verschiedene Gruppen gegeneinander ausspielen, Unsicherheiten schüren. 

Nitzan fragt sich inzwischen, wie lange sie noch hier bleiben möchte. Ob sie ihre Familie einmal hier aufbauen möchte oder nicht vielleicht doch lieber in Israel. Ihren Eltern und Freunden gegenüber sagt sie nicht, dass sie ausgewandert sei. Sie spricht von einer "unbestimmten Pause".

(Bild: dpa)

Shmuel Havlin, Max, Nitzan: drei junge Juden in Deutschland, drei Lebensläufe und drei Erfahrungen mit Antisemitismus. Ihre Geschichten zeigen: Der Hass auf jüdisches Leben kann sehr unterschiedlich sein.

Telefonterror, Schläge, genervte Beamten, Lehrersprüche.

In vielen Gegenden Deutschlands gibt es kaum jüdisches Leben. Der Antisemitismus ist trotzdem da. Er ist eine Vorstellung, eine Fantasie. Eine Wahnvorstellung. Echte Juden braucht es dafür gar nicht.

Jüdisches Leben, das ist immer noch etwas, das nicht selbstverständlich ist in Deutschland.

Rabbi Havlin will, dass sein Glaube wieder einen Platz hat in Deutschland. Fast jeden Samstag haben er und seine Familie deshalb bis zu 20 Gäste im Haus. Für das gemeinsame Sabbat-Essen laden sie auch Besucher, Gemeindemitglieder und Freunde ein.

"Ich freue mich darüber, was sich in den letzten Jahren hier an jüdischem Leben entwickelt hat", sagt Havlin. Für die Zukunft seiner Gemeinde geht er derzeit fast jeden Tag zur jüdischen Schule – im nächsten Jahr macht die erste Klasse seit der Shoa dort Abitur.


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