Bild: Konstantin Nowotny
Ein Abend zwischen Rap, Stinkefingern und Angst vor Neonazis.

An dem Wochenende, an dem sich Neonazis in Ostritz getroffen haben, veranstalten linke Gruppen knapp 300 Kilometer entfernt eine Kundgebung gegen Rechts. Unser Autor hat die Band Kafvka zu ihrem Auftritt dort begleitet. Ein Abend zwischen Rap, Stinkefingern und Angst vor Neonazis. 

Schnellroda in Sachsen-Anhalt, fünf Straßen, eine Dorfkneipe, viel Ackerfläche. Der üble Güllegeruch kündigt an: Die Hauptstadt ist weit weg. An einer breiten Zufahrtstraße zu einem Ziegenhof ist eine Bauwagen-Bühne aufgebaut, daneben Dixies, ein Pavillon. Noch ist alles leer. Jonas Kakoschke und seine Band Kafvka sind gerade mit ihrem Tourbus aus Berlin angekommen. Sie treten vor dem Ziegenhof in dem 200-Einwohner-Dorf auf einer Anti-Rechts-Kundgebung auf.

Warum ausgerechnet hier, in dem kleinen Ort in Sachsen-Anhalt? 

Im Rittergut Schnellroda sitzt seit einigen Jahren der Verlag "Antaios", ein Sprachrohr für allerlei neurechtes Gedankengut. Inhaber Götz Kubitschek verwaltet den Verlag zusammen mit seiner Frau Ellen Kositza. Hier gründeten die beiden auch das sogenannte IfS, das "Institut für Staatspolitik". Dort finden Veranstaltungen statt, zu denen Gäste aus ganz Europa anreisen, viele aus dem Kreis der "Identitären Bewegung". Ihre Ausrichtung: rechter, völkischer Nationalismus.

"Wir sagen hier nur noch: Schnellroda ist Braunau zwei Punkt null“, sagt einer der Veranstalter des Festivals. In Braunau in Oberösterreich wurde Hitler geboren, immer wieder trifft sich dort die Neonazi-Szene. In Schnellroda haben nun aus Ärger über den rechten Treffpunkt einige linke Gruppierungen das "Kollektiv IfS dichtmachen" gegründet. Sie protestieren mit Vorträgen und Konzerten gegen Kubitschek und sein Institut. Auch heute. 

Der Boden vor der Bühne ist mit bunter Kreide bemalt: "Soli-Grüße nach Ostritz", steht da. Zeitgleich zur Aktion in Schnellroda findet auch im sächsischen Ostritz eine Protestaktion gegen ein rechtsextremes Festival statt. Gegen Neonazis, die keine Scheu haben, sich so zu nennen. In Schnellroda fehlt der Anlass, was durchaus gewollt ist. 

Die Bandmitglieder von Kafvka vor ihrem Auftritt bei der linken Kundgebung in Schnellroda, Sachsen-Anhalt. (Bild: Konstantin Nowotny)

Kafvka passen da gut ins Programm. Die Band gründete sich 2013, 2016 veröffentlichten sie ihr erstes Album. Jonas Kakoschkes Texte, mal gesungen, meistens gerappt, sind häufig politisch. "2018" heißt einer ihrer Songs vom neuen Album. Darin erklärt Jonas seinen Unmut darüber, dass noch immer Menschen vor Europas Grenzen ertrinken und die mediale Aufregung darüber deutlich abgeebbt ist: "Nur weil nicht mehr berichtet wird, heißt nicht, dass keiner stirbt."

Es ist geradezu ironisch: Für Jonas ist die europäische Grenzpolitik zu hart und der Grund dafür, dass Menschen sterben müssen. Für die Anhänger der Identitären Bewegung, die sich oft in Schnellroda treffen, kann sie gar nicht hart genug sein.

Kafvka haben Konfliktpotential im Gepäck. 

Der Song heißt "Fick dein Volk". Gerüchten zufolge soll der Verlagsgründer Götz Kubitschek erfolglos versucht haben, gegen die Aufführung des Liedes in Schnellroda Anzeige zu erstatten. An diesem Abend kursieren viele Gerüchte. Auch über Neonazis, die sich in der wenige Meter entfernten Kneipe träfen und gegenüber der linken Veranstaltung gewaltbereit seien.

Falls es so weit kommen sollte, hoffen die Veranstalter der linken Kundgebung auf Unterstützung der Polizei. Sicherheitshalber haben sie aber auch eigene Wachposten aufgestellt. Die sollen Alarm schlagen, sollten sich einschlägig gekleidete Menschengruppen der Bauwagenbühne mit ihren bunten Bannern nähern. Für solcherlei Protestaktionen auf dem ostdeutschen Hinterland ist das durchaus normal.

Auf der Kundgebung protestieren linke Gruppen in Schnellroda gegen einen ortsansässigen rechten Verlag und seinen Gründer. (Bild: Konstantin Nowotny)

Für Jonas und seine Band nicht. Üblicherweise spielen sie in Städten. Wenn sie mal einen Acker betreten, dann eher, weil sie auf einem Festival ein Publikum von hunderten oder tausenden Menschen erwartet werden. In Schnellroda sind am Abend noch etwa 50 übrig. Schlagzeuger Stephan meint, er habe noch nie in einem kleineren Ort gespielt.

Eine leicht mulmige Stimmung macht sich breit, als die Band spürt, dass sie als Protestbeteiligte nicht nur in der Unterzahl sein könnten, sondern mit "Fick dein Volk" offenbar aktiv provoziert haben. Wenige Minuten vor dem Auftritt sagt Jonas ein wenig angespannt: 

"In Berlin ist es easy 'Refugees Welcome' zu rufen."

Wie heftig das rechte Milieu auch ohne körperliche Gewalt reagieren kann, weiß er. Als er zusammen mit seiner Freundin das Projekt "Flüchtlinge willkommen" gründete, das Geflüchtete an freie WG-Zimmer vermittelt, schrieben Rechte seinen Namen auf Todesanzeigen. Er verkabelt seine In-Ear-Kopfhörer und meint entschlossen: "Es ist wichtig, dass wir hier sind, dass alle hier sind." Mittlerweile ist es halb zehn und dunkel in Schnellroda.

Dann spielen Kafvka. Der etwas instabile Bauwagen wackelt bedrohlich, wenn Jonas springt. Hinter ihm hängt ein Banner der Veranstalter, auf dem steht: "Antifa heißt Landarbeit". Jonas‘ Texte hallen durch das gesamte Dorf, vorbei an den heruntergelassenen Fensterläden der Einwohner bis hin zur Dorfkneipe. "Götz halt‘s Maul!", wiederholt ihn das Publikum mit hochgerecktem Stinkefinger.

Er hielt es nicht. Auf der Heimfahrt lesen die Bandmitglieder einen Blogeintrag von Verlagsgründer Götz Kubitschek. Es ist nicht sicher, ob er am besagten Abend in seinem Rittergut anwesend war. Offenbar hat er sich dennoch mit der Musik beschäftigt. In seinem Blog nimmt er auf Kafvka Bezug und spricht von einer "steuerfinanzierten 'Fick dein Volk'-Truppe". Hartnäckig hält sich im rechten Milieu die These, linke Demonstranten oder Bands seien staatlich finanziert und nur deshalb so gut organisiert. Es wäre ihm ein Rätsel, wie dieser "Schulterschluss" mit staatlichen Stellen und "Fahrradhelm-Bionade-Milieus" gelinge, schreibt Kubitschek.

Im Tourbus bricht Gelächter aus. Wie bei vielen Bands in Kafvkas Liga betreiben sie die Band als Hobby, haben andere Jobs. Und: Schulterschluss mit dem Staat? Bionade-Milieus? Ist es nicht gerade dieser Staat, den Jonas anprangert, wenn er vom Massensterben an der europäischen Haustür rappt? Ist es nicht jenes "Bionade-Milieu" im pseudo-hippen Berlin, über das er sich in anderen Songs amüsiert?

Jonas und seine Band haben an diesem Abend erreicht, was sie sich vorgenommen haben: Nicht missionieren, aber laut sein, Missstände aufzeigen. Nicht mit dem Zeigefinger, aber manchmal mit dem Stinkefinger.


Art

Diese Bilder zeigen, wie großartig schon die frühen Werke berühmter Künstler waren
Denn wir müssen nicht erst alt werden, um Großes zu schaffen.

Wenn wir "Picasso" hören, haben wir den Maler so vor Augen, wie er auf Schwarz-Weiß-Fotografien aus den späteren Jahren seines Lebens aussieht: Fast kahlköpfig, mit durchdringendem Blick. Doch auch Pablo Picasso war einmal jung – und schon in dieser Zeit malte er fantastische Bilder.

Auch andere große Künstlerinnen und Künstler sind in unseren Köpfen oft alte Menschen – vielleicht, weil sie schon lange tot sind, oder erst später in ihrem Leben Weltruhm erlangten.

Dass diese Künstler auch schon in jungen Jahren große Werke schufen, ruft nun eine Aktion des Tate-Museums in Erinnerung. Die englische Kette von Museen postet derzeit auf ihrem Twitter-Kanal Bilder von Künstlern, die zu dem Zeitpunkt 16 bis 25 Jahre alt waren.