Wir haben jemanden gefragt, der es wissen muss.

"Du kannst alles schaffen, was deine Eltern auch geschafft haben!" Wäre man zynisch, würde man Kinder in Deutschland so auf ihre Zukunft vorbereiten. Denn laut einer aktuellen Analyse des Bildungsforschers Klaus Klemm im Auftrag des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) haben Kinder, deren Eltern beide nicht studiert haben, immer noch deutlich schlechtere Chancen im deutschen Bildungssystem. Nur 12 Prozent von ihnen machen selbst einen Hochschulabschluss. Kinder mit mindestens einem studierten Elternteil dagegen zu 79 Prozent.

Wie kann das sein? Was muss sich ändern? Darüber haben wir mit Wolf Dermann geredet. Er ist Mitgründer und stellvertretender Geschäftsführer von ArbeiterKind.de. Die Organisation will Schülerinnen und Schüler motivieren und unterstützen, als erste in ihrer Familie zu studieren. Gründerin Katja Urbatsch bekam kürzlich für ihr Engagement das Bundesverdienstkreuz

Ist Bildung in Deutschland ungerecht verteilt?

Wir haben in Deutschland eine stärkere Schieflage als in anderen Ländern, das belegen die Zahlen. Chancen hängen stark vom Bildungsstand der Eltern ab. Nur in Tschechien ist der Anteil derer, die ein höheres Bildungsniveau als ihre Eltern erreichen, geringer.

Allerdings muss man auch sagen, dass die berufliche Ausbildung hierzulande im internationalen Vergleich sehr angesehen ist und als gute Qualifizierung gilt.

Was muss sich ändern, damit alle die gleichen Chancen haben?

Ganz wichtig: Die Erzählung muss sich ändern. Ansprüche an Kinder müssen sich ändern, da muss man gerechter werden. Kinder werden von Eltern und Gesellschaft schon auf eine gewisse Art in Schubladen gesteckt. Das Potenzial vieler Kinder wird unterschätzt.

Dann fallen Sätze wie: "Wenn das Kind eine Ausbildung macht, müssen wir schon froh sein." Wir sind nicht mutig genug, zu sagen, dass alle Kinder den für sie höchstmöglichen Bildungsstand erreichen können. Obwohl gerade die Digitalisierung immer höhere Qualifizierung fordert.

Von wem geht diese Erzählung denn aus?

Von der gesamten Gesellschaft, auch von Lehrerinnen und Lehrern. Besonders prägend sind aber die Ansprüche der Familie. Oft rümpft die Verwandtschaft in Familien, in denen noch keiner studiert hat, die Nase über ein Studium und stellt bei einigen Studienwünschen die Frage: "Willst du später mal Taxi fahren?" Es gibt keine hohe Akzeptanz dafür, möglichst weit im Bildungssystem zu gehen.

Und wer könnte das ändern?

Es fängt bei der Politik an. Das sind diejenigen, die viel zu Wort kommen. Es ist aber auch wichtig, dass das im Bildungssystem vermittelt wird.

Wie könnte das konkret aussehen?

Bei uns engagieren sich Erststudierende, die Umwege gehen mussten. Die hatten oft eine Person, die ihnen gesagt haben, mach doch den höheren Abschluss. Das Schulsystem sollte von vorherein darauf ausgelegt sein, dass viele Menschen auch für die Ausbildung faktisch ein Abitur brauchen. Dazu gehört zum Beispiel, dass man nach der zehnten Klasse ohne große administrative Hürden weitermachen kann, auch wenn man kein Gymnasium besucht. Durch den Wechsel vom drei- auf das zweigliedrige Schulsystem ist an dieser Stelle in vielen Ländern etwas verbessert worden.

Sie sprechen von Motivation der Kinder und der Erzählung, die sich ändern soll. Vernachlässigt das nicht die Frage der Finanzierung des Studiums, die sich für Arbeiterkinder stellt?

Die meisten Fragen, die wir erhalten, sind zum Thema Studienfinanzierung. Das BAföG ist hierfür meist eine gute Grundlage, es kommt aber gerade im ersten Semester, in dem viele am Studienort die ersten Mieten und Kaution sowie das Semesterticket schon im September bezahlen müssen, zu spät. Mit einfachen Vorschüssen und studierendenfreundlichen Pauschalen statt vielen Nachweisen könnte man Lücken schließen und Anträge vereinfachen. Wenn die Studienfinanzierung unsicher erscheint, wirkt das Studium wie ein Risiko. Das ist es aber nicht.

Weil Arbeiterkinder seltener studieren, reden wir von weniger Gerechtigkeit. Werden dadurch nicht die Menschen, die sich für eine Ausbildung entscheiden, stigmatisiert?

Nein, ich glaube nicht, dass das stigmatisiert. Es sollte zu unserem Anspruch als Gesellschaft gehören, dass man an die Spitze der Gesellschaft kommen kann. Der Bundestag ist zu 90 Prozent akademisch, Führungskräfte in großen Unternehmen haben auch fast immer einen Hochschulabschluss. Man darf es nicht so hinstellen: "Bekommen alle einen Job? Dann ist ja alles gleich." Das ist es nämlich nicht.

👉 In unserer Reihe "Queraufsteiger" erzählen Menschen von ihren ungeraden Lebensläufen


Fühlen

Tom hat nur ein Bein – und den Kilimandscharo bestiegen
"Mir hat niemand gesagt, dass ich mit einem Bein so viel machen kann."

Tom ist acht, als er zum ersten Mal Schmerzen oberhalb des Knies spürt. Doch weil er viel Sport macht und zu den Besten im Sportunterricht gehört, denkt er nicht weiter darüber nach. 

Erst, als der Schmerz immer stärker wird und einfach nicht verschwindet, erzählt er seinen Eltern davon. Es geht zum Arzt – und da ist er, auf dem Röntgenbild. Ein dunkler Fleck. Knochenkrebs. 

Toms Bein muss amputiert werden. Mit einer Prothese kann er sich in den folgenden Jahren nicht anfreunden, er nutzt Krücken und setzt alles daran, seinen Alltag zurück zu bekommen. Und er merkt, dass er eigentlich alles noch kann – nur eben ein bisschen anders.

Warum der 31-Jährige sich entschieden hat, den Kilimandscharo zu besteigen und wie das für ihn war, erfährst du oben im Video.

Auf seiner Reise wurde Tom von Dokumentarfilmern begleitet, die seine Erlebnisse festgehalten haben. Den Film gibt es auf der European Outdoor Film Tour zu sehen. 

Wie Tom auf seine Diagnose reagierte und wie er heute mit seiner Behinderung umgeht, erfährst du hier: