Bild: Initiative 19. Februar Hanau
Die Sprecherin der "Initiative 19. Februar Hanau" im Interview.

Am 19. Februar 2020 wurden beim rassistischen Terroranschlag in Hanau zehn Menschen ermordet. In den Wochen nach der Tat haben sich Angehörige von Opfern, antirassistische Aktivistinnen und solidarische Hanauer zusammengetan und die "Initiative 19. Februar Hanau" gegründet. Ihr erklärtes Ziel: 

„Dass die Namen der Opfer nicht vergessen werden.“

Das wollen sie nicht durch klassische Gedenkorte wie Mahnmale oder Namenstafeln erreichen. Sie haben gegenüber von einem der Tatorte in der Hanauer Innenstadt einen Laden gemietet und dort eine Anlaufstelle für alle eröffnet, die von der Tat betroffen waren. Nun wurde der Ort eröffnet.

Wir haben mit Newroz Duman gesprochen, der Sprecherin der Initiative. 

Im Interview erzählt sie, wofür der Raum Platz geben soll und wie sie für Veränderung kämpft.

Newroz Duman

(Bild: Thomas Pirot)

bento: Knapp drei Monate nach dem rassistischen Anschlag habt ihr in Hanau eine Begegnungsstätte eröffnet. Da wir übers Telefon reden, kannst du sie mir beschreiben?

Newroz Duman: Wir haben einen 140 Quadratmeter großen Laden gemietet. Es ist ein großer, offener Raum mit einem großen Schaufenster, durch das man auf den ersten Tatort blickt. Im Raum gibt es verschiedene Sitzecken, in denen Menschen zusammenkommen können. Außerdem gibt es eine Gedenkecke mit Blumen, Kerzen und Fotos. Wir haben versucht, ganz viele verschiedene Gefühle und Bedürfnisse in diesem Raum zusammenzubringen, damit hier unterschiedliche Dinge parallel passieren können. 

„Es soll ein Ort des Vertrauens sein, an dem man miteinander weinen kann.“

bento: Welche Idee steckt dahinter? 

Newroz: Es soll ein offener Ort sein für Angehörige der Opfer, für von Rassismus betroffene Menschen und für alle anderen, die sich interessieren und sich solidarisch zeigen wollen. Ein Ort des Vertrauens, an dem man miteinander reden und Çay trinken, miteinander weinen kann. Aber auch ein Ort, an dem wir gemeinsam kämpfen, gegen das Vergessen und für lückenlose Aufklärung. Wir bieten auch Beratung an und vermitteln Anwälte an Angehörige. Am besten hat es Çetin ausgedrückt, der Bruder von Gökhan Gültekin: "Es ist wie ein zweites Zuhause. Wenn ich hier bin, habe ich das Gefühl bei meinem Bruder zu Besuch zu sein". 

bento: Wie lief die Gestaltung ab?

Newroz: Es war uns wichtig, dass der Raum in einem Prozess entsteht, an dem sich alle beteiligen können, die das möchten. Vielen hat es gut getan, hier ihre Energie und Aufmerksamkeit reinzustecken. Der Prozess ist aber trotz der Eröffnung nicht abgeschlossen. Die Gedenkecke wollen wir mit einem Künstler und Angehörigen weiter ausgestalten. Wir haben noch viele weitere Ideen: Wir wollen auch ein Ort für Jugendliche sein, vielleicht Kinoabende veranstalten und mit ihnen über Rassimus sprechen. Auch mit den "Omas gegen rechts" sind wir in engem Austausch, sie haben für uns Masken genäht, auf denen "Say their Names" steht und wollen sich noch mehr einbringen, wenn der Coronamist vorbei ist. 

Der Begegnungsort in der Hanauer Innenstadt

(Bild: Initiative 19. Februar Hanau)

bento: Der Raum befindet sich am Heumarkt in Hanau, gegenüber von einem der Tatorte. Warum genau an der Stelle?

Newroz: Wir haben uns auch erst gefragt, ob das zu nah dran ist. Aber die meisten Rückmeldungen bisher sprechen dafür, dass es richtig ist, uns hier diesen Raum zu nehmen. Wir wurden sehr gut in der Nachbarschaft aufgenommen. Es ist ein sehr zentraler Ort in Hanau, wo wir gut sichtbar sind. 

bento: Wie finanziert ihr die Begegnungsstätte?

Newroz: Wir sind auf Spenden angewiesen. Die Miete kostet uns etwa 2500 Euro im Monat, der Mietvertrag läuft erstmal für drei Jahre. Wir hoffen, dass wir es schaffen, diesen Ort auch darüber hinaus zu erhalten und weiterzugestalten.

bento: Du hast euren Kampf für lückenlose Aufklärung des Anschlags angesprochen. Auf welche Hindernisse stoßt ihr?

Newroz: Es gibt eine totale Informationsblockade der Ermittlungsbehörden, dabei gibt es so viele offene Fragen. Warum hat der Täter einen Waffenschein bekommen? Warum hat niemand mitbekommen, dass er ein Gefechtstraining in der Slowakei absolviert hat? (SPIEGEL) Warum wurde nicht auf seine wirre Anzeige bei der Bundesanwaltschaft reagiert? (FAZ) Handelte er wirklich allein und hätte er gestoppt werden können? Alles muss offengelegt werden. Wir wollen politischen Druck ausüben und recherchieren teilweise auch selber. Ich muss zugeben, dass mein Vertrauen in deutsche Ermittlungsbehörden angesichts des jahrelangen Versagens bezüglich des NSU nicht so groß ist. 

Gedenkecke: Ein Ort zum Weinen

(Bild: Initiative 19. Februar Hanau)

bento: Erfahrt ihr auch von irgendeiner Seite Unterstützung?

Newroz: Die Anwälte der Familien, die teilweise auch NSU-Opferfamilien vertreten haben, arbeiten da viel daran. Auch antifaschistische Recherchegruppen unterstützen uns bei unseren Nachforschungen. Außerdem arbeiten Abgeordnete aus dem Bundestag und dem hessischen Landtag an parlamentarischen Anfragen, die hoffentlich Antworten bringen.

bento: Nach dem Anschlag war aus der Politik oft zu hören, dass es nicht so weitergehen dürfe. Vizekanzler Olaf Scholz twitterte: "Wir dürfen nicht zur Tagesordnung übergehen." Hat sich etwas getan?

Newroz: Ich wüsste nicht, was. Auch Steinmeiers Rede bei der zentralen Trauerfeier hat vielen Hoffnung gemacht, weil er erstmals auch Alltagsrassismus in Deutschland klar benannt hat. Aber konkret passiert ist nichts.

bento: Was müsste deiner Ansicht nach passieren?

Newroz: Es braucht ein Antirassismuspaket an Maßnahmen. Es gibt in diesem Land eine bei vielen Menschen tief verankerte Grundhaltung, dass migrantisch gelesene Personen anders sind und anders behandelt werden können. Es passiert ständig, in der Schule, auf dem Wohnungsmarkt, in Behörden. Um das zu bekämpfen, brauchen wir vor allem mehr Repräsentation. 

„Es muss klarer benannt werden, was alles als Nährboden für rassistische Morde dient. Nicht nur die AfD hetzt.“

Hanau zum Beispiel ist eine stark migrantisch geprägte Stadt. Man sieht das auf der Straße, aber nicht in den Institutionen, bei der Polizei oder im Rathaus. Das muss geändert werden, der Zugang muss möglich gemacht werden, vielleicht auch durch Quoten. Außerdem muss noch klarer benannt werden, was alles als Nährboden für Rassismus und rassistische Morde dient. Es fängt da an, wo Menschen als Problem dargestellt werden, wo ein Innenminister Migration als "die Mutter aller Probleme" bezeichnet oder Geflüchtete an europäischen Außengrenzen im Stich gelassen werden. Nicht nur die AfD hetzt. 

Anmerkung: Auf Wunsch der Gesprächspartnerin wurde nachträglich ein kurzer Satz zu parlamentarischen Anfragen ergänzt.


Fühlen

Ich würde ja gern Pornos schauen – aber finde nie die passenden
Queere Pornos sind nur schwer zugänglich – unsere Autorin wünscht sich, dass sich das ändert.

Ich gucke fast nie Pornos. Das liegt nicht daran, dass ich keine Lust darauf habe. Aber ich habe nur Lust auf queere und lesbische Pornos. Solche, in denen es um die Anziehung zwischen Frauen, Trans* oder nichtbinären Menschen geht – und nicht um zwei Frauen, deren Arbeitsauftrag es ist, Hetero-Cis-Männer anzuturnen. Und solche Pornos sind kostenfrei einfach kaum zu haben.

Ich stehe im echten Leben zwar auch auf Cis-Männer, möchte sie aber nicht in Pornos sehen. Das hat zum Teil mit meinen Vorlieben, zum Teil aber auch mit sexuellen Übergriffen zu tun – an die ich am allerwenigsten erinnert werden will, wenn ich mich gerade auf einen sexy Moment mit mir selbst freue.