Bild: Getty-Images / Jeff J. Mitchell
Warum ich mir von Politikern nach den Anschlägen in Paris Besonnenheit wünsche

An die Anschläge vom 11. September 2001 erinnere ich mich kaum. Ich war sechs Jahre alt, als die Flugzeuge in die New Yorker Zwillingstürme rasten. Die Bilder von den Anschlägen in Madrid, London und Mumbai sind klarer, und doch waren sie nie so präsent wie Paris jetzt ist. Zum ersten Mal nehme ich Terror in diesem Ausmaß bewusst wahr.

Am Freitagabend war ich mit einer Freundin essen, als eine "Breaking News“-Mitteilung nach der anderen auf meinem Handybildschirm auftauchte. Danach verfolgte ich die vielen Liveticker, las nachts noch die ersten Artikel.

Die Anschläge erschüttern mich, machen mich traurig. Sie machen mich aber auch nachdenklich – vor allem besorgt mich, was manche Politiker jetzt fordern.

Bayerns Finanzminister Markus Söder (CSU) findet, dass die Attentate in Paris "alles" geändert hätten.

Und Jörg Radek, der stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP) sagt in der "Rheinischen Post", dass "das eng gefasste Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung überdacht werden“ müsse. Und der Papst klassifiziert die Anschläge als Teil eines dritten Weltkrieges, schreibt Die Welt.

Das alles sind klägliche Versuche, so schnell wie möglich und mit aller Härte auf die schrecklichen Taten zu reagieren. Viele Menschen vergessen oftmals, nach der ersten Wut und Trauer wieder rational zu argumentieren – leider auch jene, die bedeutende Aufgaben innehaben.
Dabei ist es für uns nichts Neues, Werte wie Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu verteidigen. Schließlich gab es schon immer Gegner, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, genau diese Werte zu bekämpfen. Das Bedürfnis, ja gerade die Notwendigkeit, diese Werte mit Nachdruck zu verteidigen, ist nachvollziehbar. Keine Frage.
Aber das gelingt nicht, indem Politiker sich für härtere Gesetze engagieren, indem sie die staatliche Überwachung ausbauen oder einen Krieg ausrufen. Wer Freiheit schützen will, darf sie nicht einschränken. Das würde die Terroristen nur in dem bestärken, was sie tun.
(Bild: epa / Yoan Valat)

Wenn Terroristen Konzerthallen stürmen und auf der Straße Menschen erschießen, wenn sie Geiseln nehmen und versuchen, durch Selbstmordattentate Menschen in die Luft zu sprengen, greifen sie nicht nur unsere Freiheit an. Sie möchten, dass Ängste unser Denken bestimmen. Sie wollen präsent sein in unseren Köpfen. Sie möchten uns einschränken – und sei es bloß beim nächsten Konzertbesuch.

Wenn wir die Werte aufgeben, auf die Terroristen abzielen, dann würden wir nicht nur vor den Terroristen einknicken: Wir würden uns selbst demontieren.

Schanzenviertel in Hamburg(Bild: Flickr.com / André Hofmeister / CC BY SA-2.0)

Was in Paris geschehen ist, hätte überall passieren können. Im Hamburger Schanzenviertel, in der Simon-Dach-Straße in Berlin oder in der Münchener Kultfabrik. Es ist eine Illusion zu denken, dass wir in stetiger Sicherheit leben. Erst recht kann niemand - kein Politiker und auch kein Gesetz - einen solchen Zustand urplötzlich herbeiführen. Auch die Vorratsdatenspeicherung hat die Anschläge nicht verhindern können; 2006 wurde sie in Frankreich eingeführt.

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Kurz nach den Attentaten schrieben mir Freunde WhatsApp-Nachrichten: “Ich bin besorgt. Wollte Deine Meinung hören”, “Was ist los in Paris? Hast Du das mitbekommen?” Am Samstag war ich mit einem Kommilitonen zum Lernen verabredet; doch dazu kam es nicht: Wir sprachen stattdessen über die Terroranschläge, die Ursachen und möglichen Folgen.

Viele Menschen sind jetzt verunsichert, traurig, hilflos. Das ist menschlich. Und trotzdem: Meine Freunde und ich werden uns im Alltag nicht einschränken lassen. Sei es beim nächsten Museumsbesuch oder beim Feiern, beim nächsten Gang ins Theater oder beim Treffen in der Bar. Es sind genau diese Freiheiten, die wir schätzen und genießen. Deswegen werden wir unser Leben weiterleben wie bisher - trotz der Anschläge.

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