Die neue Sprecherin der Grünen Jugend erzählt im Interview, was für sie Radikalität bedeutet und wie sie zu einer schwarz-grünen Regierung stehen würde.

Die Grüne Jugend sieht sich selbst als der junge, radikale Arm der Grünen – die Mitglieder protestieren gegen Kohlekraftwerke im Hambacher Forst, beim Bundeskongress Anfang November lautete das Motto "Die Tage des Patriarchats sind gezählt!"

Seit dem Bundeskongress steht Anna Peters, 23, gemeinsam mit Georg Kurz an der Spitze der Grünen Jugend.

Wir haben mit Anna Peters über radikale Forderungen gesprochen.

Radikal jung

Klimawandel, Generationengerechtigkeit, Migration: Es gibt große Themen, an denen sich entscheidet, wie unsere Gesellschaft aussehen wird. Und es gibt junge Menschen, die sich engagieren, in der Politik, im Ehrenamt, als Aktivisten. Wir fragen sie, was sie antreibt, was sie anders machen als ihre Vorgänger – und was an ihnen radikal ist. 

bento: Du bezeichnest dich als radikal. Weshalb?

Anna Peters: Weil ich glaube, es ist eine Zeit gekommen, in der Mini-Lösungen nicht mehr ausreichen. In der Klimapolitik, aber auch in der Wirtschafts- und Sozialpolitik bringt die Arbeit, die alle Parteien in der Vergangenheit gemacht haben, nicht mehr die Lösungen, die wir eigentlich brauchen.

Hartz IV ist krachend gescheitert und das Klimapaket der Großen Koalition könnte sogar für Verschlechterungen bei den erneuerbare Energien sorgen. Kleine Lösungen dürfen nicht mehr als Erfolg verkauft werden – das gilt für alle Parteien. Wir brauchen radikale Änderungen in der Politik und einen Wandel hin zu ganzheitlichen Lösungen.

bento: Radikalität ist ja für viele Menschen ein eher negativ besetzter Begriff.

Anna: Ich kann nachvollziehen, dass das Wort Fragen aufwirft. Es wird oftmals in eine falsche Schublade gesteckt. Aber für mich ist Radikalität ein sehr positives Wort. Für mich bedeutet es vor allem, dass wir Visionen schaffen, in denen es allen Menschen gut geht. Dafür brauchen wir eine Veränderung auf allen Ebenen.

bento: Das klingt gar nicht mehr so radikal.

Anna: Wenn man sich unsere Forderungen anschaut, finde ich das schon. Wir wollen den Kohleausstieg und autofreie Innenstädte bis 2025 – das ist ja schon eine neue Vorstellung davon, wie ein Stadtbild überhaupt aussehen kann. Radikalität ist kein Eigennutz, sondern Mittel zum Zweck, um wirklich wegzukommen von der bestehenden Ordnung. Dafür können wir radikal sein und zum Beispiel zusammen mit "Ende Gelände" Kohlegruben oder Kohlebahnen besetzen und diese Forderungen dann auch in die Partei tragen.

bento: Auf dem Bundeskongress der Grünen Jugend hast du dich gegen den Kapitalismus ausgesprochen. Um die Klimakrise zu stoppen, willst du ein sozialistisches System. Mit einer solchen Forderung rechnet man eher von den Linken.

Anna: Kapitalismuskritik und ganz generell die Kritik daran, dass wir im Moment zu Lasten unserer Umwelt, aber auch zu Lasten von vielen Menschen wirtschaften, ist immens wichtig. Nur wenn wir diese Probleme benennen, können wir daran etwas ändern. Wir als Grüne Jugend fühlen uns dem linken Parteiflügel der Grünen da ja sehr nahe, gehen allerdings noch einen Schritt weiter.

Ich setze mich dafür ein, dass wir ein System aufbauen und neudenken, das niemand vor uns zuvor geschaffen hat. Die verheerenden Experimente des Realsozialismus in der Vergangenheit können und dürfen dabei natürlich nicht als Vorbild dienen. Wir wollen ein Wirtschaftssystem schaffen, das nicht unseren Planeten zerstört und auch noch Teilhabe für alle Menschen ermöglicht. Konkret bedeutet das, sozial-ökologische Transformation hervorzubringen, in der die Bedürfnisse der Menschen an erster Stelle stehen und nicht das Bruttoinlandsprodukt oder die Gewinnmaximierung von großen Konzernen.

bento: Eure Forderung nach "queerfeministischer Klimagerechtigkeit" wurde unter anderem von rechten Kreisen verspottet. Mal ganz im Ernst: Was ist damit gemeint?

Anna: Patriarchale Strukturen haben dazu geführt, dass die Klimakrise immer weiter voranschreitet – das müssen wir hinterfragen. Unter ihren Folgen und unter Aspekten von Klimapolitik leiden insbesondere marginalisierte Gruppen. Klimagerechtigkeit stellt den Menschen und soziale Aspekte in den Fokus. Deswegen verbinden wir in diesem Fall Klimapolitik mit feministischen Forderungen.

Bereits jetzt sind Frauen im globalen Süden mehr von der Klimakrise betroffen: Extremwetterereignisse, klimabedingte Migration oder gesundheitliche Auswirkungen des Klimawandels sind nur ein paar Aspekte, in denen Frauen anders und stärker von der Klimakrise betroffen sind als andere Geschlechter.

bento: Stell dir vor, die GroKo würde platzen, es käme zu Neuwahlen – und es gäbe eine Mehrheit für Grün-Schwarz oder Schwarz-Grün. Was würdest du von so einer Koalition halten?

Anna: Ich würde das sehr kritisch beäugen. Auf jeden Fall arbeiten wir darauf hin, dass auch wir als Grüne Jugend an den Koalitionsverhandlungen beteiligt sind, und unsere Forderungen einfließen lassen. Für uns gibt es klare rote Linien, die in jeder Koalition mit uns beachtet werden müssen, wie beispielsweise dass das Pariser Abkommen eingehalten wird, Seenotrettung nicht mehr illegal ist und Schwangerschaftsabbrüche entkriminalisiert werden. 

Es ist natürlich klar, dass wir das Ziel haben, bis 2021 Rot-Rot-Grün möglich zu machen. Daher suchen wir eher den Schulterschluss mit Jusos und Solid als eine Zusammenarbeit mit der Jungen Union. 

bento: Die "Süddeutsche Zeitung" schrieb kürzlich, dass die Grünen keine Angst mehr hätten vor dem Wort "Verbotspartei". Was würdest du verbieten, wenn du es könntest?

Anna: Eigentlich wollen wir ja weg davon, dass das Vebot immer als erstes wahrgenommen wird. Wir wollen andere Möglichkeiten des Zusammenlebens schaffen, die dem Klima und den Mitmenschen nicht mehr schaden. Es ist die Aufgabe von Politik, nicht nur an das Individuum zu appellieren, sondern selbst die gesellschaftlichen Verhältnisse zu ändern. Und dazu gehören auch klare Regeln. Das funktioniert aber natürlich nur, wenn gleichzeitig Alternativen geschaffen werden.

bento: Was rätst du jungen Menschen, die politisch aktiv werden wollen, aber nicht wissen, wie?

Anna: Viele junge Leute sagen mir in persönlichen Gesprächen, dass sie gar nicht politisch sind – und danach sagen sie sehr politische Dinge, die sie in ihrem Alltag beobachten. Das macht mich nachdenklich, denn offensichtlich müssen Parteien – auch wir – besser werden in ihrer Kommunikation und klar machen: Wir kämpfen an diesen Alltagsdingen gemeinsam mit dir. Man muss nur schauen, was einen besonders umtreibt: Zum Beispiel läuft was in der Uni falsch, während der Ausbildung möchte man für fairere Arbeitsbedingungen oder besseren Lohn kämpfen. Oder man ist als junge Frau mit Sexismus und Diskriminierung konfrontiert.

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Ich würde mir daher wünschen, dass viele Menschen einfach sagen: Ja, mich bewegt etwas in meinem Alltag und dagegen möchte ich ankämpfen. Ob das dann in einer Hochschulgruppe, in einer Jugendorganisation oder bei einer NGO ist, das ist zweitrangig. Sich zuzugestehen, dass man politisch ist und auch etwas verändern kann und will, kann sehr empowernd sein – und dann noch Gleichgesinnte zu finden, die diese Ungerechtigkeit gemeinsam mit dir bekämpfen umso schöner.


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