Die Lager haben schon jetzt Vorbilder in Deutschland.

Basmas Zukunft in Deutschland beginnt mit Tränen. Mehrere Wochen lang war die 48-Jährige auf der Flucht, von Syrien aus kam sie über den Balkan nach Deutschland, ihrem Sohn Haidar hinterher. Er lebt bereits seit drei Jahren hier, hat mittlerweile einen Job, eine Wohnung. 

Jetzt steht der 26-jährige Haidar neben seiner Mutter Basma – und muss sich wieder von ihr trennen. 

Sie sitzt zusammengesunken auf einem kleinen Hocker neben dem Eingangstor zum Ankunftszentrum Bad Fallingbostel. Mit dem Rücken lehnt sie an einen mit Stacheldraht bestückten Zaun. Basma wischt sich eine Träne von der Wange, Haidar steht hilflos daneben.

"Ich will hier nicht rein", sagt sie. "Bitte verabschieden Sie sich jetzt voneinander", sagt ein Mitarbeiter des Ankunftszentrums.

Haidar lebt in Lüneburg. Dorthin kam nun auch seine Mutter. Bei der örtlichen Ausländerbehörde wurde sie jedoch abgewiesen – alle Flüchtlinge sollen sich bei einer zentralen Sammelstelle melden. 

In ihrem Fall: Bad Fallingbostel, eine Kleinstadt zwischen Hamburg, Bremen und Hannover. Und Standort eines von aktuell 24 sogenannten Ankunftszentren des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf). 

Seine Mutter solle besser gleich eine Tasche mit Zahnbürste und Unterwäsche packen, riet man Haidar noch. Die holt er nun aus dem Auto, Basma bleibt in Tränen aufgelöst in der Eingangsschleuse des Ankunftszentrums sitzen. Durch das Tor darf ihr Sohn später nicht mit, seine Mutter muss alleine gehen.

Ankunftszentren wie in Bad Fallingbostel sind die Vorläufer von Horst Seehofers geforderten "Ankerzentren".

Das Lager Bad Fallingbostel liegt in einem militärischen Sicherheitsbereich – umgeben von Bundeswehrgelände.

Neuankommende werden hier registriert und betreut – oder direkt wieder abgeschoben. Die Bundesregierung hat im Koalitionsvertrag vereinbart, solche "Ankerzentren" bundesweit einzuführen. Seehofer will sie möglichst zügig umsetzen. "Anker" ist ein Behördenwort für "Ankunft, Entscheidung, Rückführung" (bento).

Wer wissen will, wie diese künftigen "Ankerzentren" funktionieren, bekommt einen guten Eindruck, wenn er sich ihre Vorbilder anschaut. Und mit den Menschen spricht, die hier leben.

Bad Fallingbostel ist ein Sonderfall: Die Flüchtlingsunterkunft liegt mitten in einem Bundeswehr-Stützpunkt, der Eingang zum Gelände ist von mehreren Kasernen umgeben. Wer sich ihr nähert, durchfährt von Süden her eine militärische Sperrzone, von Norden ein tristes Industriegebiet.

Auf das Gelände dürfen nur die Asylbewerber selbst, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bamfs und die Angestellten vom Sicherheitsdienst. bento hat trotz mehrmaliger Nachfragen beim Bamf keine Erlaubnis bekommen, den Standort von innen zu sehen. Auch Angehörigen von Asylbewerbern ist der Zugang streng verboten.

Der Eingang zum "Ankerzentrum" ist unscheinbar, meterhohe Zäune sind mit grünen Folien verkleidet und von Schießscharten gesäumt. An zwei Schlagbäumen sind Soldaten postiert. Zum Bamf? Weiter die Straße runter, dem Wegweiser folgen. Ein am Zaun angeheftetes Blatt weist die Richtung, der Eingang zum Lager liegt dann in einem Öffnung im Maschendrahtzaun. 

Die Zäune sind abgeklebt, nur ein kleiner Wegweiser führt zum Eingang.(Bild: Marc Röhlig)

Am Eingang warten Sicherheitsbeamte und durchsuchen die Koffer der Neuankömmlinge. Flüchtlingsbehörden aus ganz Niedersachsen schicken ihre Asylbewerber in Bussen hierher, andere werden, wie im Fall von Basma, von Angehörigen gefahren.

Etwa 500 Flüchtlinge sind aktuell in Bad Fallingbostel untergebracht. Früher war mal Platz für bis zu 7500 Menschen. Ein Teil des Geländes wurde aber wieder rückgebaut – weil immer weniger Schutzsuchende nach Deutschland kommen.

Wer einen Eindruck vom Gelände bekommen will, kann sich davor aufhalten – und mit den Flüchtlingen sprechen, die rauskommen. 

Und den Angehörigen, die auf sie warten, etwa einen Kilometer abseits der Kasernen neben einer Kuhweide.

bento hat mit etwa einem Dutzend Schutzsuchender gesprochen, die das Lager in Bad Fallingbostel von innen kennen, darunter Flüchtlinge aus Somalia, Nigeria und Namibia, Jesiden aus dem Irak und Schutzsuchenden aus Afghanistan und Syrien wie die Familie von Basma.

Rund um das Lager gibt es Absperrungen, Grenzen.(Bild: Marc Röhlig)

Viele berichten, dass sie im Zentrum gut betreut werden und sich sicher fühlen. Aber alle wundern sich über die Lage – umringt von Kasernen, weit abseits vom Rest der Bevölkerung. Zu ihrem Schutz bleiben sie in diesem Text anonym, auch Basma und Haidar heißen eigentlich anders.

"Wenn wir in die Stadt wollen, laufen wir 40 Minuten", klagt eine junge Frau aus Namibia. Der Weg führt an Landstraßen und einem Recyclinghof entlang, an einem Soldatenfriedhof aus dem Zweiten Weltkrieg. Ein gelbes Verkehrsschild mit der Aufschrift "City" weist in Richtung Bad Fallingbostel.

(Bild: Marc Röhlig)

"Camp" zeigt den umgekehrten Weg zurück ins Lager. Vor der Autobahnauffahrt steht ein Warnschild in Deutsch, Englisch und Arabisch.

(Bild: Marc Röhlig)

"Es gibt hier nichts zu tun", sagt Momo, ein Flüchtling aus Somalia. "Wir sind im Nichts angekommen." 

Er wollte Schutz vor der islamistischen Shabab-Miliz finden, war quer durch Afrika auf der Flucht. Über sein Gesicht zieht sich eine tiefe Schnittwunde, er redet nicht über sie. Beschweren will er sich trotzdem nicht:

Einfach nur ein Bett zu haben ist das größte Geschenk nach allem, was ich erlebt habe.

Auch Hussain, ein Jeside, lobt das Lager. Es sei sauber, die Betreuer seien höflich. Jesiden sind eine Minderheit im Irak, die Terrormiliz "Islamischer Staat" hatte sie verfolgt, viele jesidischen Frauen als Sexsklavinnen missbraucht. Jetzt seien seine Familie und er in Sicherheit: "Wir Jesiden werden in Deutschland gut behandelt."

Innen soll es eine Essstube für alle geben, eine Leseecke und ein Spielzimmer für die Kinder mit Kuscheltieren und Malsachen. Frauen leben in einem eigenen Gebäude, das rund um die Uhr bewacht wird. Mehrere Dutzend Entscheider bestimmen vor Ort über das Schicksal der Flüchtlinge.

So präsentiert das Bamf das Ankunftszentrum Bad Fallingbostel:

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Neu ankommende Flüchtlinge werden hier zunächst registriert, ärztlich untersucht, oft auch geimpft. Dann folgt ihre Anhörung, bei der sie von ihrem Leben erzählen und erklären, warum sie es verdienen, nicht wieder abgeschoben zu werden. Gelingt das, können sie in andere Asylunterkünfte in Deutschland verteilt werden – falls nicht, sollen sie direkt wieder in ihre Heimat. 

"Rückgeführt werden", wie es im Beamtendeutsch heißt.

Die Bushaltestelle vor dem Ankunftszentrum, angefahren wird sie nicht mehr.(Bild: Marc Röhlig)

Bad Fallingbostel war zur Zeit des Zweiten Weltkrieges eine Wehrmachtskaserne, später Stützpunkt der britischen Armee, dann der Bundeswehr. Anfang 2016 hat der Bund Teile des Geländes als Flüchtlingsunterkunft übernommen. (Bamf)

An manchen Tagen hallen Detonationen von Übungen über die Baumwipfel, "wie der Granatdonner von früher", berichtet ein Ingenieur aus Syrien.

Haidar und seine Mutter Basma müssen nun zum ersten Mal hierhin. Er floh 2015 von Syrien nach Deutschland, die Familie schickte ihn fort, damit er sich in Sicherheit bringen konnte. Dann folgte sein Bruder, seine Schwester bekam einen Studienplatz in den Niederlanden. 

Nun wollten die Geschwister ihre Mutter Basma nachholen.

Die Familie sind Palästinenser, ihr ganzes Leben bestand aus Flucht. Einst floh Basma vor israelischen Siedlern nach Syrien. Dort lebte sie im Flüchtlingslager Yarmuk, vor Jahrzehnten noch ein Zeltlager, heute ein richtiger Stadtteil am Rande der Hauptstadt Damaskus. 

Im April wurde Yarmuk von der Armee des syrischen Machthabers Baschar al-Assad erobert (bento), Basma machte sich auf den Weg. Über die Türkei und den Balkan floh sie bis in die Niederlande, reiste dann aber zu ihrem Sohn Haidar weiter.

Er hat einen Job, spricht gutes Deutsch und kann sich eine eigene Wohnung leisten.

Die Familie dachte, hier könne sie wieder zusammenfinden, hier könne sich Basma ein neues Leben aufbauen. "Doch dann hieß es, sie solle hierher", sagt Haidar und zeigt auf den Stacheldraht.

Ankunftsnachweis Flüchtlinge

Das Bamf hat in ganz Deutschland mehr als 1200 Erfassungsstationen für Asylsuchende. Wer erstmals registriert wird, erhält einen Ankunftsnachweis.

Dieser enthält Angaben zur Person und über die zuständige Aufnahmeeinrichtung. Auch der Fingerabdruck wird beim ersten Kontakt erfasst – durch die Polizei an der Grenze oder Landesbehörden und das Bamf. Die Daten werden dann mit Sicherheitsbehörden abgeglichen.

Asylbewerber können Sozialleistungen nur unter Vorlage des Ankunftsnachweises und nur an dem Ort beziehen, der darauf als Unterbringungsort ausgewiesen ist. (Bamf)

Binnen 48 Stunden, so lautete der Anspruch des Bamf, sollen einfache Fälle in einem Ankunftszentrum entschieden werden. 

Doch schon vor Ort winkt ein Sicherheitsbeamter ab. Er gehört zum Wachdienst, der die Anlage sichert, ständig knistert sein Walkie-Talkie, weil irgendwo auf dem riesigen Gelände wieder etwas passiert ist. "Schichtleitung", meldet er sich dann am Gerät, der Rest der Gespräche besteht aus Fluchen und "Komme gleich". Seine Angestellten sprechen Arabisch und Russisch, Englisch sowieso. Eigentlich sind sie kein Sicherheitspersonal, eigentlich sind alle Seelsorger, Sicherheitsdienst und Hausmeister in einem.

"Wer hier reinkommt, bleibt mindestens erst mal zwei Wochen", sagt er. "Oft sind es aber eher sechs Wochen und mehr." Schnell gehe hier nur selten was. Als eine irakische Familie am Tor beim Abschiednehmen weint, guckt er kurz rüber. Dann dreht er sich weg und sagt:

Wir erleben hier täglich viele solche kleinen Tragödien. Aber man steht dann nur daneben, wir sind ja nur für den Schutz da.
Basma und eine andere Geflüchtete werden ins Ankunftszentrum begleitet.(Bild: Marc Röhlig)

Auch Sohn Haidar muss nun von seiner Mutter Abschied nehmen. Ob nur für wenige Wochen oder gleich Monate, weiß er nicht. Die Beamtinnen und Beamten wollen keine Antwort geben. Die Mutter ist traumatisiert, die Flucht hat ihr zu schaffen gemacht. "Du bist schlechten Männern ausgeliefert", sagt Basma über ihre Reise über den Balkan, "dein Leben interessiert sie nicht". Als sie den Wachdienst sieht, die Zäune, wird sie ganz stumm.

Haidar hat Angst, dass sie nach so vielen Jahren der Trennung nun keine zweite übersteht. Trotzdem kehrt er schließlich zum Auto neben der Kuhweide zurück. Erst vier Stunden später kommt sie wieder an den Zaun. 

Sie hat die erste Anhörung hinter sich, wie lange sie in Bad Fallingbostel bleiben muss, ist weiter unklar. 

"Drinnen ist es wie eine große Stadt", sagt Basma über die vielen Wohnbaracken. Die Betreuer könnten Arabisch, drei Mal am Tag gebe es Essen.

"Es wird gut", sagt sie. Haidar schenkt ihr zum Abschied ein Lächeln. Nur seine Augen lächeln nicht.

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