Bild: dpa/Bernd Settnik; Montage: bento
Ein Streitgespräch.

Angela Merkel will zum vierten Mal Bundeskanzlerin werden. Am Wochenende hat sie ihre Kandidatur für die CDU bekannt gegeben – und damit den Wahlkampf für die Bundestagswahl 2017 inoffiziell eröffnet (bento).

Gewinnt sie, könnte sie auf 16 Jahre als Regierungschefin kommen. Die einen sagen: Das muss nun wirklich nicht mehr sein. Die anderen meinen: Richtig so, es gibt sonst niemanden, der es so gut macht.

Ein Streitgespräch der bento-Newsredakteure Käthe und Marc.

Käthe: Mein erster Gedanke, als ich gehört habe, dass Merkel es noch einmal machen will: Ohne sie würde die AfD noch mehr Stimmen gewinnen. Immerhin 54 Prozent der Deutschen sind laut ARD-Deutschlandtrend mit ihrer Arbeit zufrieden. Mit Sätzen wie "Wir schaffen das" vereint sie die Wählerschaft mehr, als dass sie spaltet. Außerdem zeigt sie ja mit ihrem erneuten Antritt, dass sie den "Merkel muss weg"-Schreiern nicht nachgibt.

Marc: Tja, und mein erster Gedanke: Mit ihr als Kandidatin hat die AfD nun erst recht gute Chancen, Stimmen zu holen. Das ewige "Merkel muss weg" der AfD ist die eine Forderung, die viele unterschreiben würden – ganz egal, ob sie sonst das Flüchtlings- oder Islamgerede der Rechtspopulisten ablehnen.

Die Wähler sind nach zwölf Jahren Merkel müde.
Marc

Die Wähler sind nach zwölf Jahren Merkel müde. Ich halte die "Alternative" auf gar keinen Fall für eine Alternative – aber sie macht hier zumindest eine politische Lähmung deutlich.

Käthe: Das mag sein, aber gerade in einer Zeit, in der rechtspopulistische Politiker immer mehr Anhänger finden – Trump in den USA, Marine Le Pen in Frankreich und Norbert Hofer in Österreich – braucht es jemanden, der für einen Zusammenhalt und Austausch wirbt. So hat es Merkel in der Flüchtlingskrise getan hat oder bei den Freihandelsabkommen Ceta und TTIP.

Ich bin kein großer CDU- oder Merkel-Fan, aber ich teile ihre Meinung, dass eine starke EU mit offenen Grenzen und wirtschaftlichem Austausch besser ist als das Gegenteil.

Marc: Klar, aber so eine Sicht ist ja Euroskeptikern egal. Die agieren populistisch. Dagegen hilft nur gute demokratische Arbeit. Merkel hat in ihrer Rede gesagt: “Wir wollen wie gute Demokraten streiten.” Hier ist ihre Rede:

Vielleicht gehören Vorwahlen zu einer guten Demokratie dazu? Wie in den USA?

Käthe: Vorwahlen beleben einerseits die Diskussionen innerhalb einer Partei. Andererseits zieht sich der Wahlkampf hin und es bleibt weniger Zeit, um zum Beispiel neue Gesetzesinitiativen zu erarbeitet. Außerdem: Wer ist denn schon eine Alternative zu Merkel in der CDU?

Wer ist denn schon eine Alternative zu Merkel in der CDU?
Käthe

Auch bei der SPD sehe ich kaum Alternativen für starke Führungspersönlichkeiten – die in Europa gut vernetzt sind und Krisen wie die Finanzkrise, den Streit zwischen Russland und der Ukraine oder den US-Abhörskandal bewältigt haben. Martin Schulz wäre so jemand.

Marc: Da gebe ich dir recht. Die "New York Times" lobte Merkel ja zurecht als “letzte Verteidigerin des Westens” mit seinen Werten wie Freiheit und Gleichheit. Sie selbst findet das Lob allerdings “grotesk”. Kein Mensch könne die Dinge allein zum Guten wenden, sagte sie in ihrer Rede.

Leider hat die CDU in der Koalition mit der SPD den Stillstand verwaltet. Für junge Wähler war da nichts: Das Internet war für Merkel lange Zeit "Neuland" und innenpolitisch fallen mir nur die Mütterrente und die Ausländermaut ein.

Käthe: Dieses Mal muss ich dir recht geben. Auch ich kann nicht erkennen, dass sie Themen, die junge Menschen bewegen, thematisiert. Eine Rentenpolitik, die auch Menschen unter 30 nutzt, hat sie bislang nicht umgesetzt. Dafür hat sie in der Finanzkrise meiner Meinung nach kurzfristig richtige Entscheidungen getroffen. Die Abwrackprämie kam, Banken wurden gerettet. Ich habe das Gefühl, sie bewahrt oft Ruhe.

Marc: Aber das ist gerade die Gefahr. Donald Trump hat vor allem gewonnen, weil die weiße Mittelschicht in den USA keinen Bock mehr auf Hillary Clintons Bequemlichkeit hatte. Nicht weil sich arme Bürger abgehängt gefühlt haben.

Jetzt fehlt Deutschland zum Glück so ein Trump-Typ, der alle erschreckt – aber Merkel muss trotzdem aufpassen, keinen Clinton-Wahlkampf zu führen. Ich wünsche mir von ihr, dass sie wieder mehr Emotionalität zeigt. Ich wünsche mir im Wahlkampf mehr "Wir schaffen das"-Sätze.

Käthe: Ich wünsche mir, dass die Deutschen bei dieser Wahl zeigen, dass sie nicht auf billigen Populismus reinfallen.


Gerechtigkeit

Flüchtlinge: Wie ich Integration im Alltag erlebe

Der Basketball rollt über die Fingerkuppen. "Swish", so bezeichnen die Amerikaner den Klang des perfekten Wurfs, ohne Ringberührung durchs Netz. In diesem Fall ist es eher ein krachender "Swutsh". Die Netze auf diesem Platz sind aus Metallketten.

Eigentlich wollte ich nur ein paar Körbe werfen, um mich von der Arbeitswoche zu erholen. Daraus wurde ein Basketballspiel mit Menschen unterschiedlichster Herkunft, von dem ich viel lernen sollte. Über das Miteinander in Deutschland. Über Flucht und Einwanderung. Über besorgte Bürger, vermeintliche Patrioten und rechtspopulistische Politiker.

Schon auf dem Weg zum Platz war mir die Gruppe aufgefallen. Wer einen Korbleger machte, bekam Applaus. Wer einen Airball warf, erntete Lacher. Ich ging auf die andere Seite des Platzes, um allein ein bisschen auf den Korb zu werfen.

Es dauerte nicht lange, da suchte die Gruppe den Blickkontakt. Ob ich nicht Lust hätte mitzuspielen?