Bild: F.Boillot/Imago
Ein Kommentar

Etliche Male wurde ihr Ende prophezeit, sie regiert immer noch: Angela Merkel hat  der GroKo zur Halbzeitbilanz ein positives Zeugnis ausgestellt, SPD und Union wollen die Koalition fortsetzen. 

Viele dürften ob dieser Nachricht aufatmen: "Hach, wir werden Angela Merkel noch vermissen." Den Satz höre ich in letzter Zeit immer öfter. Nicht nur von Menschen, von denen man ihn erwartet, wie Schleswig-Holsteins CDU-Ministerpräsident Daniel Günther. Sondern von Menschen, die sich eher links verorten, eher progressiv. Von Bekannten, von Kolleginnen. Von Menschen, die wahrscheinlich noch nie CDU gewählt haben. 

Mich ärgert dieser Satz. Besonders das "wir". Nein, ich werde Angela Merkel nicht vermissen.

Auch wenn ich den Reflex nachvollziehen kann. Meistens bricht die verfrühte Merkel-Nostalgie aus, wenn die Kanzlerin menschelt. Etwa, wenn sie sich kaum das Lachen verkneifen kann, wenn Donald Trump neben ihr spricht, nach ihrer außergewöhnlich weitblickenden Rede in Harvard oder wenn sie im SPIEGEL-Interview erzählt, dass sie in der DDR davon geträumt habe, durch die USA zu fahren und Bruce Springsteen zu hören. 

Wozu ich noch nie linke Merkel-Wehmut gehört habe: als Reaktion auf eine konkrete politische Entscheidung. Kein Wunder, sie sind selten und wenn, dann bereiten sie progressiven Geistern keine Freude. Aber Merkels Souveränität auf der Weltbühne und ihre sympathischen Momente verklären den Blick auf ihre politische Aktivität - oder besser gesagt Passivität. 

Innenpolitisch ist sie bekannt fürs Aussitzen. Lieber nichts als etwas Falsches sagen. 

Auch im aktuellen Thüringen-Dilemma ist ihr Rat an ihre Partei: "Einfach mal abwarten". Was für eine Überraschung.

Kürzlich fragte der Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert bei Anne Will, wer sich denn überhaupt an ein jüngeres Merkel-Zitat zu einer politischen Frage erinnern könne, so selten wie sie konkret werde. 

Ich kann mich an eines erinnern – ein Außenpolitisches. Im August sagte die Kanzlerin, dass sie es gut fände, wenn es im Mittelmeer wieder staatlich organisierte Seenotrettung gäbe.

Eine überfällige Forderung. Nur klingt sie in meinen Ohren unerträglich zynisch aus dem Mund einer Kanzlerin, die in den letzten Jahren viel zu wenig gegen das Sterben im Mittelmeer unternommen hat. Die einen Deal zwischen EU und der sogenannten libyschen "Küstenwache" mitunterzeichnet hat. Obwohl diese von Menschenrechtsorganisationen für den Tod etlicher Flüchtender verantwortlich gemacht wird und Gerettete zurück in libysche Gefangenenlager bringt, deren Zustände ein deutscher Diplomat in einer amtlichen Depesche als "KZ-ähnlich" beschrieb.

Merkel weiß das, zwei Menschenrechtsanwälte haben sie und andere EU-Politiker deshalb beim Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag angezeigt. Das Sterben geht unterdessen weiter.

Auch Merkels Image als flüchtlingsfreundliche Kanzlerin sollte längst Vergangenheit sein. Auf das anfängliche "Wir schaffen das" folgte seit 2015 eine Asylrechtsverschärfung der nächsten. Merkel gilt als Mutter des Flüchtlingsdeals zwischen EU und Türkei, durch den der Despot Erdogan Europa Geflüchtete vom Leib halten soll. Deutschland schiebt unter Merkel sogar Menschen nach Afghanistan ab. Trotzdem wird ihr das Hereinlassen einiger Flüchtlinge im Sommer 2015 von vielen linkeren Geistern nach wie vor hoch angerechnet. Als könne diese eine Geste für immer überstrahlen, was danach geschah.

Und auch sonst ist Merkels Politik alles andere als progressiv. Dem Ruf der "Klimakanzlerin" wird Merkel schon lange nicht mehr gerecht, das jüngste "Klimapäckchen" ihrer Regierung erboste "Fridays for Future" zurecht.

Als der Bundestag für die "Ehe für alle" stimmte, stimmte Merkel dagegen. "Vielen Dank für nichts," rief ihr der SPD-Abgeordnete Johannes Kahrs entgegen. 

Wie können junge, progressive Menschen ihr also nachtrauern, bevor sie überhaupt weg ist?

Das "Wir werden Merkel noch vermissen" wirkt manchmal fast wie eine dunkle Vorahnung. Eine Angst davor, was danach kommt. Die meisten jungen Menschen können sich kaum an eine Zeit erinnern, in der die Bundeskanzlerin nicht Angela Merkel heißt. Und wenn man sich umschaut und die Trumps, Bolsonaros und Putins sieht, die Höckes, Gaulands und Weidels, da klammert man sich doch lieber an die Kanzlerin. Die twittert immerhin keinen Nonsens und eckt auch sonst selten an.

Das Beste an Merkel ist also, dass sie nicht Trump ist. Dass das dem politischen Anspruch einiger schon gerecht wird, ist traurig.

Für mich steht die linke Merkel-Wehmut deshalb auch für den Mangel an Vorstellungskraft, dass eine wirklich progressive Figur in der deutschen Politik auftauchen und an die Regierung kommen kann. Oder wie progressive, zukunftsgewandte Politik überhaupt aussehen kann. Und ich weigere mich, die Hoffnung aufzugeben, dass es nach Merkel auch besser werden kann. 


Fühlen

"Throwback 89": Wie eine Instagram-Story mein Denken über die DDR verändert

Ein blondes Mädchen im 80er-Look erzählt von einer Freundin, die nicht aus dem Ungarn-Urlaub zurückgekehrt ist. In einer Instagram-Story des offiziellen Kanals der Tagesschau.

Komisch – eigentlich sind die Stories meiner abonnierten Kanäle nämlich sehr berechenbar. Täglich skippe ich mich durch Bildreihen, die gefühlt immer nach demselben Schema aufgebaut sind: Tiere, Essen, Wohnungen, Essen, News, Hörsäle, Essen, Joggingstrecken – Ende. Alltägliches. Mein Daumen und die rechte Hälfte des Smartphone-Bildschirms sind mittlerweile eine eingeschworene Allianz um dem Sturm von Momentaufnahmen Herr zu werden.

Bei der Tagesschau-Story verirrte sich mein Finger allerdings auf die linke Seite des Displays.

"Throwback 89" heißt das Projekt, in dem eine fiktive 17-jährige Protagonistin, Nora, vom 19. Oktober bis 9. November täglich aus ihrem Alltag in Rostock im Jahre 1989 vlogt. Wie wäre es wohl gewesen, wenn es zur Wendezeit schon soziale Medien gegeben hätte? Genau das möchte die Tagesschau mit dem Format "Throwback 89" darstellen. 

Laut Marcus Bornheim, Chefredakteur von ARD-Aktuell, sollen die Insta-Stories Menschen unter 35 ansprechen, die den Mauerfall nicht bewusst miterlebt haben. Diese würden rund 70 Prozent der Instagram-Follower ausmachen. (ARD)

Mit meinen 24 Jahren passe ich genau in diese Zielgruppe. Aber kann eine Instagram-Story bei mir das Verständnis schaffen, was die Schule in 13 Jahren nicht hinbekam?

Tatsächlich muss ich zugeben: Obwohl die Dialoge stellenweise etwas steif und abgelesen wirken, macht mich "Throwback 89" nachdenklich. Die Hälfte meiner Familie kommt aus jenem Unrechtsregime, in dem abweichende Meinungen unterdrückt wurden und jeder Nachbar ein potentieller Spitzel der Staatssicherheit war. Mir war schon immer bewusst, dass es mich ohne Mauerfall nicht gegeben hätte. Ich habe mich auch oft darum bemüht, das Lebensgefühl in der DDR zu verstehen. Meistens schaltete ich bei DDR-Geschichten dann aber doch ab, da ich das Thema mit langweiligen Unterrichtsstunden und vollgekritzelten Geschichtsbüchern assoziierte. Mit der Instagram-Story fand ich einen neuen Zugang.