Der Rückzug der SPD-Chefin zeigt sexistische Denkmuster in der Politik. Ein Gastbeitrag.

Mit dem Abgang von Andrea Nahles erlebt die SPD einen Bruch. Mal wieder. Dennoch ist es diesmal irgendwie anders, denn mit Andrea Nahles geht auch die erste Frau an der Spitze der Fraktion und der Partei.

Über die Autorin

Josephine Ortleb ist SPD-Politikerin und seit 2017 Abgeordnete im Bundestag. Sie ist 32 Jahre alt und gehört damit zu den wenigen jungen Menschen im Parlament.

Bei der letzten Bundestagswahl haben sich die Menschen in meinem Wahlkreis für mich, eine junge Frau aus der Gastronomie, entschieden. Mit 31 Jahren als Abgeordnete in den Bundestag zu kommen, war ein aufregendes Gefühl, besonders in einer Zeit, wo der Frauenanteil im Parlament mit etwa 31 Prozent einen historischen Tiefstand erreicht hat. Deshalb war es für mich wichtig, dass wir eine Frau an der Spitze unserer Fraktion hatten – denn Politik muss sichtbar weiblicher werden.

Seit Sonntag ist klar, dass Andrea Nahles nach 13 Monaten den Fraktionsvorsitz abgibt (SPIEGEL ONLINE). 13 Monate, die für die SPD alles andere als einfach waren. 13 Monate, in denen ich zwar nicht immer derselben Meinung war wie Andrea Nahles, wir dies aber immer offen und solidarisch klären konnten. 13 Monate, die auch ein strukturelles Problem in der Politik offenbaren: 

Frauen sind die Ausnahme in der Politik und so wird auch mit ihnen umgegangen. 

Die SPD geht oft nicht besonders sanft mit ihrem Führungspersonal um – keine neue Erkenntnis. Kurt Beck und Matthias Platzeck sind dafür nur zwei Beispiele. Und dennoch ist es nun etwas anders.

Kritik an Führungspersonal und Strukturen ist nicht nur erlaubt, sondern muss auch erwünscht sein. Sie gibt einem die Möglichkeit, die eigenen Standpunkte zu hinterfragen, die richtigen Positionen zu stärken und die falschen zu verwerfen. Voraussetzung für konstruktive Kritik ist jedoch Offenheit. Diese habe ich in den letzten Wochen vermisst und ich glaube, dass dies auch damit zu tun hat, dass sich die Kritik gegen eine Frau gerichtet hat.

Wer Medien nutzt, um Kritik zu äußern, der scheut den offenen Kampf um das bessere Argument. 

Die Debattenkultur wird noch immer bestimmt von dem Gedanken, Männer dürften in Diskussionen nicht aggressiv gegenüber Frauen auftreten. Warum? Ich glaube, dass darin noch immer – mindestens subtil – die Vorstellung des "schwachen Geschlechts" steckt. Dieses Denken kommt aus einer Zeit, in denen Frauen am Herd statt am Rednerinnenpult standen, eine Zeit die wir überwunden haben. Das sollten wir 100 Jahre nach Einführung des Frauenwahlrechts zeigen. Also her mit dem Widerspruch. Her mit der Debatte. Wir Frauen sind schon lange bereit.

"Hart in der Sache, aber immer solidarisch" – so kenne ich meine Partei und so bin ich es auch gewohnt. Wir befinden uns in einer Zeit des politischen Umbruchs. Die Gesellschaft ist so politisch wie seit Jahren nicht mehr und fordert den offenen Diskurs. 

Unsere Aufgabe ist es, uns dieser Debatte zu stellen und eine politische Kultur vorzuleben, in der dies möglich ist. Auf Augenhöhe miteinander, offen und fair. Dazu gehört für mich, dass man Meinungsverschiedenheiten anspricht, wenn sie entstehen, und nicht den bequemeren Weg über Medien sucht, um sich den Frust von der Seele zu reden.

Wir sind wenige – wir müssen mehr werden.

Schaut man in den Deutschen Bundestag, sieht man hauptsächlich Männer. Männer dominieren nicht nur das Bild, sondern auch die Debatte.

Hört man in das Plenum des Deutschen Bundestages hinein, hört man während der meisten Reden von Frauen oftmals: mehr Zwischenrufe, mehr Zwischengespräche, mehr Unaufmerksamkeit.

Wer die politische Debatte dominiert, der bestimmt die Spielregeln, also die Struktur, in der wir miteinander arbeiten. Während manche Verhaltensweisen bei Männern als Konsequenz, Stärke oder Durchsetzungskraft wahrgenommen werden, gelten die gleichen Verhaltensweisen bei Frauen als Bissigkeit oder Aggressivität. Wenn die "Bild" also schreibt, dass der Rückzug von Andrea Nahles "typisch weiblich" ist, dann ist dies Ausdruck von einer sexistischen Denkstruktur in unserer Gesellschaft.

Es ist Zeit, die Spielregeln zu verändern. Frauen sind gesellschaftlich in der Mehrheit, aber politisch in der Minderheit. Dieses strukturelle Problem hat viele Ursachen und muss auf verschiedenen Ebenen beantwortet werden. Gleiche Teilhabe ist kein Selbstzweck, sie ist der Anspruch an uns selbst.

Wer gleiche Teilhabe will, der braucht innerhalb der Partei eine Doppelspitze – etwas was wir Frauen in der SPD seit Jahren einfordern, weil man als Team jede Aufgabe besser meistert.

Ich möchte gleiche Teilhabe – also möchte ich ein Paritätsgesetz. 

Ein Gesetz, das dafür sorgt, dass Frauen bekommen, was ihnen zusteht: die Hälfte der politischen Macht. Ein Gesetz, das dafür sorgt, dass Frauen die Spielregeln mitbestimmen können und Selbstverständliches endlich zur Selbstverständlichkeit wird. Ein Gesetz, dass dafür sorgt, dass wir Frauen nicht nur die Hälfte des Kuchens, sondern die Hälfte der Bäckerei bekommen.

Die letzten Wochen haben mir nochmal deutlich gemacht, dass wir eine neue politische Kultur brauchen: eine des Miteinanders, des offenen Diskurses – gerade bei Streitfragen. Eine Kultur, in der gleiche Teilhabe Normalität ist und in der nicht von typisch weiblich oder typisch männlich die Rede ist, sondern in der das Argument zählt.

Mit Andrea geht eine starke Frau. Eine Sozialdemokratin. Sie tut es anders als ihre männlichen Vorgänger – konsequent.


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