Bild: Fabian Schmidt / bento

Manchmal ist sich Aminata Touré, 26, ihrer Bekanntheit noch nicht bewusst. Vor ein paar Wochen teilte die jüngste Parlamentarierin des Landtags in Schleswig Holstein auf Instagram Fotos. Sie zeigte ihre Bachelorarbeit über die afrodeutsche feministische Bewegung. Wer die Arbeit haben wolle, dem würde Touré sie per Mail schicken, schrieb sie dazu.

"Das war ein bisschen unüberlegt, was ich da gemacht habe", sagt sie und lacht. Denn mehr als 600 Leute fragten nach der Bachelorarbeit. Aber sie hielt ihr Versprechen, kopierte stundenlang E-Mail-Adressen aus Instagram und verschickte die Arbeit.

Zwei Jahre ist es her, dass Aminata Touré für die Grünen in den Kieler Landtag einzog. Mit 24 war sie die jüngste Parlamentarierin in Schleswig-Holstein – und nebenbei auch noch die erste schwarze. 

Nun hat sie ihre Fraktion auch noch für den Posten der stellvertretenden Landtagspräsidentin vorgeschlagen. Nach der Sommerpause dürfte sie mit großer Sicherheit gewählt werden.

Dass Touré in einem deutschen Landtag sitzt, ist bei ihrer Geschichte alles andere als selbstverständlich. Touré kam in einem Flüchtlingsheim in Neumünster zur Welt, wo sie auch ihre ersten Lebensjahre verbrachte. Ihre Eltern waren aus Mali geflüchtet.

Für Touré und ihre drei Schwestern gab es keine andere Heimat als Deutschland. Trotzdem wuchsen sie in der Ungewissheit auf, ob sie hier bleiben durften. "Wir waren schon längst Deutsche, gezweifelt wurde immer noch daran", sagt Touré über die Zeit. Erst 2004 wurde die Familie eingebürgert, da hatten Freundinnen und Nachbarn aus dem Flüchtlingsheim Deutschland längst wieder verlassen müssen.

Alle vier Schwestern machten Abitur, in der Oberstufe engagierte sich Touré als Schulsprecherin und beim Projekt "Schule ohne Rassismus". Sie studierte Politikwissenschaft und Französische Philologie, arbeitete nebenbei im Büro der Bundestagsabgeordneten Luise Amtsberg. 

Bei der Landtagswahl 2017 kandidierte sie schließlich selbst. Nach der Wahl nahm sie an den Verhandlungen zum Jamaika-Bündnis teil, kurz darauf saß sie als Nachrückerin im Parlament.

Tourés eigene Geschichte treibt sie an, eine gerechte Politik für Geflüchtete zu machen. Kann sie auch andere inspirieren? 

An einem Donnerstag im Mai ist Touré in Neumünster unterwegs. An einer Gesamtschule wird das 70-jährige Jubiläum des Grundgesetzes gefeiert. Zu einem Workshop sind Politikerinnen und Politiker aus der Gegend eingeladen: Touré ist wieder einmal die jüngste in der Runde, neben dem Vertreter der Linken, Sebastian Borkowski, 28, Student aus Kiel. 

Die anderen Politiker der CDU, SPD und FDP stehen am Rand, Touré sitzt auf einem Tisch in der Mitte des Klassenzimmers und lässt die Beine baumeln. Die Schülerinnen und Schüler wuseln um sie herum, sie sollen kurze Texte zu politischen Themen lesen, die im Raum verteilt ausliegen. Es geht um Meinungsfreiheit im Netz, Umweltpolitik und das Asylrecht. Dann folgt eine Diskussion.

"Was glaubt ihr, wie viele Menschen gerade auf der Flucht sind?", fragt Touré in die Runde. Niemand meldet sich. "2018 waren es 68 Millionen", beantwortet sie ihre eigene Frage. Die wenigsten von ihnen kämen jedoch nach Europa, sondern blieben in der Nähe ihrer Heimat. Im Libanon, in der Türkei oder in Ländern Afrikas. 

Asylpolitik – das ist ihr Lebensthema. "Eigentlich hatte ich gar keinen Bock mehr, mich mit Flüchtlingspolitik und all dem auseinanderzusetzen", erzählt Touré. Dann aber machte sie doch ein Praktikum beim Flüchtlingsbeauftragten des Kieler Landtags. Sie sieht die großen Herausforderungen in der Flüchtlingspolitik und stellt fest: Hier kann ich etwas verändern. Sie studierte Parteiprogramme, das der Grünen fand sie am besten.

Wenn Touré mit den Schülerinnen und Schülern spricht, macht ihre Mitarbeiterin immer wieder Fotos und Videos. Hauptsächlich für Instagram, dort folgen Touré knapp 8000 Menschen. "Nachdem ich im Landtag angefangen hatte, haben mich Familie und Freundinnen gefragt: 'Amina, was machst du den ganzen Tag? Was machen Abgeordnete?' Die wenigsten Leute wissen das", sagt Touré.

Das Smartphone ist immer dabei, Touré dokumentiert ihren Alltag – den Besuch im Neumünsteraner Gefängnis, den Europawahlkampf auf der Straße, den "Junggrünen Frauen*Stammtisch", den sie vor zweieinhalb Jahren ins Leben gerufen hatte. "Ich will eben transparent machen, was ich den ganzen Tag so tue."

Ein Vorbild für diese Transparenz sieht sie in der US-Kongressabgeordneten Alexandria Ocasio-Cortez. 

"Die macht das supernice", sagt Touré. Auch AOC, wie die demokratische Politikerin genannt wird, ist mit 29 Jahren die jüngste in ihrem Parlament. In ihren ersten Wochen dort nahm sie ihre mehr als drei Millionen Follower überallhin mit: Von den Einführungsveranstaltungen für neue Abgeordnete bis hin zum Aufbau eines Ikea-Regals in ihrer Wohnung, den sie live streamte. 

Bei Ocasio-Cortez war es ebenfalls unwahrscheinlich, dass sie ins Parlament einziehen würde: Sie forderte in der Vorwahl den alteingesessenen Kandidaten ihrer eigenen Partei heraus und hatte damit überraschend Erfolg. Heute wird sie gefeiert wie ein Superstar – und bringt nebenbei ihren Anhängerinnen und Anhängern politische Themen näher.

Überhaupt könne man von der Art und Weise, wie in den USA Politik gemacht werde, etwas lernen, glaubt Touré – zumindest in einigen Aspekten. Neben der größeren Relevanz von Social Media im politischen Geschehen nennt sie die Zusammenarbeit in der Politik unter Minderheiten. Diese sei in Deutschland gerade in der Entstehungsphase, in den USA gebe es hingegen bereits gefestigte Strukturen.

Diese Strukturen kennt Touré so gut, weil sie bereits Einblicke gewinnen konnte: Im vergangenen Jahr besuchte sie als Teil einer europäischen Delegation, den Congressional Black Caucus, eine Vereinigung afroamerikanischer Abgeordneter. Dort kam sie auch in Kontakt mit der Obama Foundation – was schließlich dazu führte, dass sie vor wenigen Wochen Barack Obama bei seinem Besuch in Berlin kennenlernen durfte. 

Dass er 2008 zum Präsidenten gewählt wurde, war auch für Touré ein Ansporn, in die Politik zu gehen. Obama hatte sich nach oben gekämpft, hatte sich erst gegen sieben weiße Kandidaten der eigenen Partei und dann den republikanischen Präsidentschaftskandidaten durchgesetzt. Kein anderer Schwarzer hatte das zuvor geschafft.

Als sich Aminata Touré für die politische Laufbahn entschloss, gab es im Bundestag keinen einzigen schwarzen Abgeordneten. 

Das hielt sie nicht davon ab, es trotzdem zu versuchen. Andere haben wahrscheinlich nicht den Mut – ihnen will Touré jetzt ein Vorbild sein. 

Nach dem offiziellen Ende des Workshops verschwinden die anderen Politiker schnell, Touré diskutiert weiter mit einigen Jugendlichen. Die Argumente, die sie von ihnen hört, kennt sie auch aus Gesprächen mit viel älteren Bürgerinnen und Bürgern: Er habe überhaupt nichts gegen Geflüchtete, sagt ein Schüler aus der Oberstufe, aber sie sollten doch schon zum Arbeiten nach Deutschland kommen und sich nicht auf die faule Haut legen. Geduldig hört Touré zu und verfällt in der Diskussion nicht in einen belehrenden Tonfall, wie man ihn von so vielen Politikern kennt, wenn sie einmal mit Jugendlichen in Berührung kommen.

"Krass, wie einige die genau gleichen Sprüche raushauen", sagt Touré danach. "Das muss einen aber nicht wundern, wenn das der Tenor in der Politik ist."

Es ist Mittag, doch Zeit für eine Pause gibt es nicht – der nächste Termin wartet. Die Mitarbeiterinnen eines Projekts zur Integration von Müttern mit Migrationshintergrund in den Arbeitsmarkt möchten der Politikerin ihre Arbeit vorstellen. 

Die meisten der Frauen im Projekt sind Roma aus Bulgarien, wo viele von ihnen gerade einmal vier Jahre lang die Schule besuchten. Regelmäßig sind sie bei Unternehmen zu Gast, um Kontakte zu knüpfen und so vielleicht an einen Job zu kommen. Bald geht es gemeinsam zu einem Security-Dienstleister, bemerkt Touré im Kalender und kommt auf eine Idee: Sie habe mitbekommen, dass es in Flüchtlingsunterkünften immer wieder Probleme mit den männlichen Security-Bediensteten gebe. Frauen mit Migrationshintergrund, die für weniger Stress im Flüchtlingsheim sorgen – eine Traumlösung für Touré. 

Bevor sie sich verabschiedet, lädt sie die Projekt-Teilnehmerinnen nach Kiel in den Landtag ein. Vielleicht kann ja Touré auch sie für die Politik begeistern.

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