Bild: Privat/Pixabay; Montage: bento
Eine Spurensuche in die Zukunft.

Im Alter bleibt uns nichts. Egal, was wir tun. Wenn ich mit Freundinnen oder Freunden über das Thema Rente rede, höre ich das immer wieder. 

Aktuell liegt die Grenze für das Renteneintrittsalter bei 67 Jahren. Wir Millennials wurden Anfang der Achtzigerjahre geboren, das heißt, ab 2047 können die ersten von uns ohne Abzüge in Rente gehen. Ich selbst, Jahrgang 1986, wäre 2053 an der Reihe. 

In Studien und Umfragen haben die Deutschen mal mehr, mal etwas mehr, mal sehr viel mehr Angst vor Altersarmut. Auf jeden Fall ist sich immer eine Mehrheit sicher: Die gesetzliche Rente wird nicht reichen. Aber woher kommt dieser pessimistische Blick auf unsere Zukunft? Und stimmt er überhaupt? 

Also habe ich mich auf die Suche gemacht, nach einer Antwort auf die Frage:

Wie viel Geld – wenn überhaupt – wird uns im Jahr 2050 als Rente zur Verfügung stehen?

Wer "unsere generation hat im alter keine rente" in die Suchmaske bei Google eingibt, bekommt als erstes einen Rentenrechner ausgespuckt.

Das Tool gehört zum GDV, dem Verband deutscher Privatversicherer. Denen wird es wohl eher nicht darum gehen, mich zu beruhigen, sondern mir eher ein paar private Vorsorgepakete anzudrehen. Der Rechner dürfte die These vom leeren Rententopf also bestätigen. Ausprobieren will ich ihn dennoch. So sieht er aus:

Ich kann mit Reglern mein Geburtsjahr und mein Netto-Einkommen justieren. Außerdem kann ich die Inflation und mögliche Lohnsteigerungen einberechnen lassen. Im Ergebnis gibt es zwei Säulen, eine graue für mein jetziges Gehalt und eine grüne für die zukünftige Rente.

  • Die erste Erleichterung: Die grüne Säule liegt nicht bei Null.
  • Aber: Sie liegt nur knapp über der Armutsschwelle.

Die Armutsschwelle liegt derzeit bei 781 Euro im Monat (Statistisches Bundesamt). Der Rentenrechner quittiert mir magere 820 Euro für mein Alter. Mit so einer Rente könnte ich mir schon jetzt meine Wohnung nicht mehr leisten. 

1 Die erste Erkenntnis: Wenn ich eines Tages mit der Arbeit aufhöre, scheint tatsächlich nur wenig gesetzliche Rente zur Verfügung zu stehen.

Aber wird – oder kann – der Staat wirklich Millionen Millennials verhungern lassen? Bleibt die Rentenkasse stabil? Oder kollabiert das System irgendwann?

Die Fragen soll mir ein Zukunftsforscher beantworten: Wolfgang Gründinger. Auch er ist ein Millennial, Jahrgang 1984, und nennt sich selbst "Zukunftslobbyist und Generationen-Erklärer". In seinem Buch "Die Alte-Säcke-Republik" wirft der Politikwissenschaftler der älteren Generation vor, die wichtigen Probleme unserer Zeit zu verschlafen. 

In Sachen Rente gibt er mir bei einem Telefonat trotzdem erst mal Entwarnung: 

Wir haben ein gewachsenes Rentensystem, es ist schwerfällig, aber dafür auch zuverlässig.

Soll heißen: So lange es Arbeitende gibt, gibt es auch Geld für Rentner. Wir müssten uns also heute weniger darüber sorgen, ob wir später Rente bekommen – sondern wer später wie viel einzahlt und wie viel uns entsprechend ausgezahlt wird. 

Wie das deutsche Rentensystem funktioniert:

Die Rentenkasse ist eigentlich immer leer – denn sie funktioniert als Umlagesystem. Alles, was eingezahlt wird, wird auch sofort wieder ausgezahlt. Von unserem Lohn geht ein Anteil in die Rentenkasse. Daraus werden die Renten bezahlt. 

Das heißt, die jetzigen Arbeitenden finanzieren die jetzigen Rentner. Und die Arbeitenden von morgen erwirtschaften die Absicherung für die Rentner von morgen. Schief wird es, wenn weniger Arbeitende die Rente für mehr und mehr Menschen im Ruhestand wuppen müssen.

"Die Frage ist, wie gut es die Arbeitnehmer von morgen haben werden", sagt Wolfgang. "Die müssen schließlich auch höhere Beiträge zahlen, um das Rentensystem zu erhalten." Der Staat solle entsprechend mehr gegen Kinderarmut und für bessere Bildungschancen tun, um auch in Zukunft auf gut ausgebildete Arbeitende setzen zu können, die viel einzahlen.

2 Eine wichtige Frage wird also sein: Wie viele werden unsere Rente erarbeiten? 

Eine genaue Antwort darauf kann es nicht geben. Niemand weiß, wie der Arbeitsmarkt in 30 Jahren aussehen wird, vielleicht sind dann nur noch Roboter übrig. Was wir aber ziemlich gut vorhersagen können, ist der demografische Wandel. Also: Wie viele junge Menschen wird es geben, wenn wir Jungen einmal alt sind.  

Um das zu beantworten, suche ich jemanden, der schon heute die Zukunft berechnet. Ich finde Martin Werding. 

Der 51-Jährige leitet als Professor den Lehrstuhl für Sozialpolitik und öffentliche Finanzen an der Ruhr Universität Bochum. Er hat in den vergangenen 15 Jahren ein Programm entwickelt, das ziemlich treffsicher unsere Rentensätze berechnet. Es heißt SIM, "Social Insurance Model", das Bundesfinanzministerium nutzt es für seine Analysen.

"Wir kennen die Zukunft nicht", sagt Werding, "aber wir können versuchen, mit Datenanalysen zumindest ganz vorsichtig vorauszuschauen." Während wir telefonieren, aktiviert er sein SIM-Programm. 

Für mich schaut er ins Jahr 2050, auf den Altersquotienten. Der gibt an, wie viele Menschen über 67 Jahre wie vielen Beitragszahlern gegenüberstehen. Heute sind das noch drei Beitragszahler, in Zukunft werden es nur noch zwei sein. Das heißt: Diese beiden müssen leisten, was aktuell noch drei machen.

Was heißt das für das Rentensystem? 

Werding dreht an weiteren Stellschrauben, er glaubt, dass der Arbeitsmarkt stabil bleibt – sich der demografische Wandel aber verschärft. Die Geburtsrate sinkt also, die Lebenserwartung steigt, der Zuzug von Einwanderern bleibt künftig bei etwa 150.000 Personen im Jahr. Bis 2050 verliert Deutschland so beinahe zehn Millionen Einwohnerinnen und Einwohner. 

Auf seinem Rechner erscheinen nun zwei Kurven – eine für die Rente, eine für die Beitragssätze:

Werdings Analyse:

Werdings Analyse: "Der Rentenbeitragssatz im Jahr 2050 wird knapp unter 25 Prozent liegen. Das Rentenniveau liegt dann bei 43 Prozent, netto vor Steuern." 

Zum Vergleich: Aktuell liegt der Beitragssatz bei 18,6 Prozent, das Rentenniveau bei 48 Prozent. 

  • Mit Beitragssatz ist gemeint, wie viel Anteil vom Lohn in die Rentenkasse eingezahlt wird. Der Beitragssatz wird zur Hälfte vom Arbeitgeber übernommen. 
  • Das Rentenniveau beschreibt das Verhältnis von Rente zu Lohn. Es geht dabei nicht um deine spezielle Rente und deinen Lohn – sondern die jeweils aktuelle Standardrente und das aktuelle Durchschnittsgehalt in Deutschland. Nach Berechnungen der Deutschen Rentenversicherung liegt dieses Gehalt aktuell bei 3156 Euro brutto im Monat, die Standardrente bei 1441 Euro im Westen und 1381 im Osten. 
  • "Netto vor Steuern" meint, dass von der Standardrente noch die Sozialabgaben wie Krankenversicherung abgezogen werden.

Was heißt das in Zahlen? Wenn du jetzt zum Beispiel 3000 Euro verdienst, liegt dein Beitragssatz bei 9,3 Prozent – also 279 Euro. Für jemanden im Jahr 2050 läge der Anteil schon bei knapp 375 Euro. Da es aber später mutmaßlich weniger Einzahler geben wird, reicht das Geld nicht für alle – bei der Rente muss gekürzt werden.

Das heißt: Sowohl für die, die einzahlen, wie auch für uns, die wir was ausgezahlt bekommen, wird es also schlechter. Das hört sich nicht wirklich gut an.

Renten-Experte Werding sieht vor allem im demografischen Wandel den Grund für diese kommende Schieflage: 

Wir werden älter, gleichzeitig kommen zu wenig Arbeitskräfte nach. Es kommt also zwangsläufig zum Missverhältnis, das beide Seiten mehr belastet.

Die Politik tue bislang oft so, als gebe es den demografischen Wandel nicht, sagt Werding. Was also tun? Um das Rentensystem auch 2050 noch für alle fair zu gestalten, brauche es laut dem Experten zwei Einsichten: 

  1. Das Rentenalter wird steigen müssen. 
  2. Und das Rentenniveau wird sinken müssen. 

3 Die endgültige Erkenntnis also: Wir werden länger arbeiten und dann trotzdem weniger erhalten.

Klingt bitter, aber auch nicht apokalyptisch. Werding hält ein höheres Rentenalter nur für fair, und will es unserer steigenden Lebenserwartung anpassen, "so kann am besten das Gleichgewicht der Rentenkasse gewahrt werden." Denn: Wenn wir immer älter werden, sollten wir auch länger arbeiten. Und nebenbei vorsorgen.

Von der gesetzlichen Rente allein lässt sich der Lebensstandard im Alter nicht halten.
Martin Werding

Ähnlich sieht es auch der Zukunftsforscher Wolfgang Gründinger: Er wünscht sich, die Politik würde das Thema Rente energischer angehen und uns Millennials aufrütteln – zum Beispiel mit einem Modell wie in Schweden. Dort gibt es jährlich einen Brief, in dem alles gebündelt aufgerechnet wird, gesetzliche Rente wie private Vorsorge: "Da sehe ich auf einen Blick, was ich im Alter bekommen werde. So eine Übersicht wünsche ich mir auch für Deutschland."

Tatsächlich gibt es die schon, ein bisschen. Die Deutsche Rentenversicherung verschickt jährlich einmal den Rentenbescheid, der mir sagt, was ich gesetzlich mal bekommen werde.

Also schreibe ich eine Mail und will wissen: 

Was bekommt ein Millennial, der 2050 in Rente geht?

Die Deutsche Rentenversicherung schickt mir als Antwort eine Modellrechnung: Jemand, der das Durchschnittsgehalt bekommt – das sind 3241 Euro im Monat – und mit 22 anfängt zu arbeiten, stand 45 Jahre im Berufsleben, wenn er 2050 aufhört. Der demografische Wandel wird nicht berücksichtigt, das Rentenniveau bleibt auf optimistischen 48 Prozent in der Berechnung. Außerdem erreichen viele nicht das Durchschnittsgehalt, wieder andere, beginnen aber vielleicht schon mit 16 zu arbeiten.

Was würde dem Durchschnittsmillennial dann zustehen? Die Rentenversicherung kommt auf: 1487 Euro und 25 Cent, im Monat. Doch diese Zahl wäre mehr als optimistisch.


Style

Ab nach draußen! 15 Sachen für einen Tag an der frischen Luft

Früher bestand der Sommer aus Rasensprengern und dem Bauen von Sandburgen. Heute besteht er aus Praktika und dem Schwitzen vor Bürobildschirmen. Während man damals noch Postkarten an Oma und Opa geschrieben hat, schreibt man heute Hausarbeiten. Schade. 

Umso schöner ist es allerdings, bewusst Zeit draußen zu verbringen. Ohne WLAN, dafür mit dem Buch, das man schon ewig lesen wollte, mit Freunden, die man lange nicht gesehen hat, oder mit Spaghettieis im Mund und Sonne im Gesicht. Ob Park, See oder Strand: 

Hier kommen 15 Sachen für einen Tag an der frischen Luft.