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"Ich sehe vielleicht etwas müde aus", sagt Deborah am Mittwoch im Hamburger Kulturzentrum Kampnagel. "Das liegt daran, dass ich die letzte Nacht kaum geschlafen hab – so wie viele der Aktivisten hier". 

Deborah ist wegen des G20-Gipfel nach Hamburg gereist. Sie will sich gegen das Staatstreffen engagieren. Hat aber keinen Schlafplatz in der Stadt gefunden. Die Polizei blockiert zuvor genehmigte Protestcamps. Viele Aktivisten, die in den Hamburger Parks campen wollten, dürfen nun nicht (bento). 

Offiziell fürchtet die Polizei militante Demonstranten, die Aktivisten vermuten bloße Schikane.

Dabei wollen die Teilnehmer des "Alternativen Gipfels für Globale Solidarität" statt Krawall ganz friedlich Kritik an G20 äußern. Und zwar, indem sie inhaltliche Alternativen aufzeigen. 

Die Themen sind dem eigentlichen Gipfel nicht unähnlich. Es geht um eine gerechtes Wirtschaftssystem, Armutsbekämpfung, Landwirtschaft in einer globalen Welt. Der Unterschied zu G20: Hier sollen ganzheitliche Perspektiven berücksichtigt werden, nicht nur die der 20 stärksten Industrienationen

Deborah engagiert sich gegen G20.(Bild: bento)

"Bei G20 geht es nur um Lippenbekenntnisse", glaubt Deborah, die den Alternativen Gipfel mit organisiert hat. Hier wolle man "die Dinge an der Wurzel anpacken".

An zwei Tagen diskutieren daher Vertreter von politische Stiftungen, Initiativen, Gewerkschaften und Verbänden mit rund 2000 Besuchern an zwei Tagen. An den insgesamt 70 Workshops und 12 Vorträge kann teilnehmen, wer will. Die Veranstaltungen sind kostenlos. 

Ein Schwerpunkt ist die Kritik am kapitalistischen Weltwirtschaftssystem. 

Deshalb ist etwa Paula hier. "Ich studiere VWL und will hier lernen, wie eine gerechtere Wirtschaftspolitik aussehen kann." 

Auch Nina Treu vom Konzeptwerk Neue Ökonomie ist beim Alternativen Gipfel dabei. Sie steht hinter ihrem Infostand und präsentiert Lektüre zu ihrer Herzensangelegenheit: Postwachstum. "Wir müssen weg von einem Wirtschaftsmodell, das nur an Wachstum interessiert ist. Stattdessen sollten wir fragen, was Menschen weltweit wirklich brauchen". 

Nina auf Kampnagel.(Bild: privat)

Wie sich das konkret in den Alltag übersetzen lässt? "Wir sollten unsere Handlungen selbst viel mehr hinterfragen", sagt die 33-Jährige. "Wofür steht das Unternehmen, für das ich arbeite? Woher kommen die Lebensmittel, die ich einkaufe?" 

Und was ist mit den Leuten, die sich nicht aussuchen können, für wen sie arbeiten – sondern einfach froh sind, überhaupt einen Job zu haben? 

Darauf entgegnet Nina: "Die meisten Menschen glauben, es gäbe keine Alternative, aber es gibt immer eine Alternative." Das Problem sei, dass die meisten Menschen glauben, sie könnten sowieso nichts verändern. 

Zwei Beispiele, die beim Gipfel diskutiert wurden:
1. In Kolumbien kämpfen Aktivisten gegen die Kohle-Industrie
Sie will symbolisch das Schicksal des Brennstoffs "in den Händen" halten – und gegen Kohleminen kämpfen.
Darum drehte sich auch ihr Workshop "Paremos la Mina! Besser leben ohne Kohle!"
Viele unserer Gemeinden wurden vertrieben, sagt Catalina. "Ich bin hier, weil ich an einen gemeinsamen globalen Widerstand glaube und es mir wichtig ist, die Macht der Unternehmen abzubauen."
Diese Macht haben vor allem westliche Unternehmen:
Zudem ist Kolumbien Deutschlands größter Kohlelieferant.
In der der Organisation Peace Brigades International, die den Workshop mit veranstaltete.
Martha spricht von schwerwiegenden ökologischen und gesellschaftlichen Folgen:
"Die Flüsse versiegen und die Gemeinden werden nicht umgesiedelt, sondern einfach vertrieben."
Was man dagegen tun kann? "Im Privaten: weniger Konsum", weniger Konsum empfiehlt Martha. "Also zum Beispiel mehr mit dem Fahrrad fahren anstatt mit dem Auto."
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2. Und diese Helfer sorgen sich um den Schutz der Meere
In Kampnagel leitet der Chef der deutschen Meeresstiftung mit Francisco Mari (Brot für die Welt) und Christoph Spehr (Fair Oceans) den Workshop "Wem gehört das Meer?"
Die Redner gehen auf ökologische und politische Probleme ein:
"Wisst ihr, wer in Deutschland die Meerespolitik koordiniert?", fragt Schweikert beispielsweise das Publikum. Betretenes Schweigen.
"Das Verkehrsministerium."
Die Meerespolitik auch ökologisch zu betrachten, sei aber wichtig, um beispielsweise die Versauerung und Überfischung der Ozeane zu verhindern...
... oder den Nährstoffeintrag zu reduzieren. Als Beispiel nennt Schweikert Kunststoffdünger.
"Ich komme aus Südamerika, da werden ganze Dörfer mit dem Zeug eingenebelt.
Diese Mengen sind nicht zu vergleichen mit dem, was aus den Gärten ins Meer fließt."
Auch "persistente organische Schadstoffe" seien laut Schweikert ein Problem.
Das seien "Medikamente wie die Pille oder Rückstände aus Schampoos oder Duschgelen". Denn: "Das, was uns gut riechen lässt, richtet ein wahnsinniges Chaos in den Meeren an."
"Wir müssen die Kreisläufe verkleinern und mehr regionalisieren. Außerdem müssen wir weniger Verpackungen verbrauchen."
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Eine Zuhörerin, Valentina, ist von dem gesamten Gipfel begeistert: "Es ist gut, dass es so ein gegenteiliges Konzept zu G20 gibt", sagt sie. Sie wünsche sich aber mehr "kritische Stimmen", also Redner mit unterschiedlichen Meinungen. So könne ein besserer Diskurs entstehen. 

Einige lässt der Alternative Gipfel jedoch etwas ratlos zurück. 

"Es ist ja schon interessant, aber ich habe das Gefühl, die meisten Redner verstecken sich hinter ihrem Fachjargon und es ist nicht wirklich verständlich, was sie wollen", empfindet Ryan, der sich im Innenhof mit anderen Besuchern austauscht.

Ryan ist vom Gipfel weniger überzeugt.(Bild: bento)

Auch beim Politikstudent Stefan bleiben Zweifel zurück: "Ich war gerade bei der Veranstaltung 'Wem dient die Ökonomie?'. Da wurde viel Kapitalismuskritik geäußert, aber wirkliche Alternativvorschläge blieben aus. Kritik ist ja gut und wichtig, aber wenn darauf keine Lösungsvorschläge folgen, bleibt das im luftleeren Raum zurück". 

Was ist G20?

G20 steht für "Gruppe der 20" und ist ein Zusammenschluss der wichtigsten Industrie- und Schwellenländer der Erde. Die einen sind wirtschaftlich bedeutend, die anderen aufstrebend. Beide Seiten kommen regelmäßig zusammen, um Ideen für eine globalisierte Welt zu diskutieren. 

2017 kommen die G20 auf Einladung Angela Merkels am 7. und 8. Juli in Hamburg zusammen, unter anderem US-Präsident Donald Trump, der russische Präsident Wladimir Putin und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan wollen kommen. Zehntausende Demonstranten planen zeitgleich Proteste und Aktionen gegen den Gipfel.


Grün

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​Freies Busfahren für alle! Also, fast.

Die brandenburgische Hauptstadt Potsdam will den Klimaschutz mit allen Mitteln vorantreiben. Oberbürgermeister Jann Jacobs (SPD) hat dazu eine besonders interessante Idee: 

Den Nahverkehr als Flatrate anbieten!

Die Idee dahinter ist, den Verkehr und damit die CO2-Produktion von Autos einzuschränken. Am Montag stellte er seinen "Masterplan 100 Prozent Klimaschutz" vor. (PNN)