Bild: Getty Images/Jordi Cami
Musik vom Handy löschen, Kippen verstecken, Bestechungsgeld bereithalten: Der syrische Taxifahrer Mohammed erzählt, was er auf seinen Fahrten ins besetzte Rakka erlebt.

Mohammed, 37, stammt aus dem syrischen Rakka. Seit er 23 ist, arbeitet er als Fahrer. Derzeit pendelt er von Beirut im Libanon aus regelmäßig nach Rakka. Rakka gilt als Hauptstadt des "Islamischen Staats" (IS). Mohammed bringt in seinem Taxi Passagiere und Waren zu den Dschihadisten. Danach bleibt er dort immer zwei, drei Wochen bei seinem Bruder und hilft diesem als Busfahrer in der Stadt aus. Seinen vollständigen Namen möchte Mohammed nicht zitiert wissen. Er fürchtet, vom IS bestraft zu werden.

Wer will denn mit Ihnen zum IS fahren?

Ich nehme Syrer mit, die aus Rakka stammen und noch Familie in der Stadt haben. Nur Einwohner von Rakka dürfen in die Stadt oder Bürger aus anderen Teilen des "Islamischen Staats", die eine Sondererlaubnis haben, um Rakka zu besuchen. Der IS hat eigene Ausweise erstellt für die Menschen, die in den von ihm kontrollierten Gebieten leben. Manche geben mir auch Brot, Süßigkeiten, Geld oder Generatoren für ihre Verwandten in Rakka mit.

Wie kommen Sie von Beirut nach Rakka?

Ich kann überall in Syrien hinfahren, kein Problem. Es kommt immer darauf an, wie viel Zeit und Geld der Passagier mitbringt. Die schnellste Route nach Rakka dauert 35 Stunden und geht über Hama. Sie ist teuer, denn man muss sowohl den Checkpoint des syrischen Regimes bestechen als auch den Checkpoint der Rebellen. Die Fahrt kostet dann 80 Dollar pro Person. Billiger geht es, wenn ich den Checkpoint des syrischen Regimes umgehe und einen Bogen fahre über Hasaka. Das kostet 50 Dollar und dauert 40 Stunden. Vor dem Krieg bin ich in acht Stunden von Beirut nach Rakka gefahren.

(Bild: SPIEGEL ONLINE )

Was passiert an den Checkpoints?

Jeder hat seinen eigenen Preis. Die syrischen Rebellen wollen 500 syrische Pfund pro Person (umgerechnet gut zwei Euro), das syrische Regime 1500. Da darf man nicht diskutieren, sonst nehmen sie einem alles weg. Für die Waren, die man dabei hat, muss man eine Abgabe zahlen. Sie ist unterschiedlich hoch - je nachdem, auf welchen Wert die Kämpfer am Checkpoint die Güter schätzen.

Und was macht die IS-Kontrolle?

Bevor ich zum ersten IS-Checkpoint komme, fahre ich zu meinem Bruder. Der wohnt außerhalb von Rakka. So muss ich nicht dem IS auch noch Abgaben zahlen auf die Lebensmittel, die ich meinem Bruder mitbringe. Dann nehme ich seinen Bus und fahre weiter in die Stadt. Ich muss darauf achten, dass sich meine Passagiere getrennt nach Geschlechtern hinsetzen: die Männer nach vorne und die Frauen nach hinten, dazwischen müssen zwei Reihen frei bleiben. Die Frauen müssen sich verschleiern. Am ersten Checkpoint müssen wir alle aussteigen und uns auf den Boden setzen oder legen. Es sind da immer mindestens sieben Kämpfer, die einen bewachen.

Und dann?

Man muss ihnen genau sagen können, wohin man in Rakka will. Manchmal fragen sie einen, ob man regelmäßig betet, ob man raucht oder warum man keinen Bart trägt. Oft stehen da Teenager an den Checkpoints, vielleicht gerade 15 Jahre alt. Sie verstecken ihr Gesicht meist hinter einer Maske. Wenn man ihnen verdächtig vorkommt, überprüfen sie den Ausweis und das Handy. Sie wollen prüfen, ob man mit dem syrischen Regime oder syrischen Rebellen in Kontakt steht, ihren Feinden. Insgesamt gibt es in Rakka acht IS-Checkpoints.


Es gibt in Rakka kaum Arbeit, nur beim IS. Das zwingt die Menschen, sich ihnen anzuschließen.

Was löschen Sie von Ihrem Handy, bevor Sie zum IS fahren?

Die ganze Musik, die ich im Libanon herunterlade! Und meine Zigaretten verstecke ich. Ich habe dafür ein Geheimfach im Auto.

Ist es nicht wahnsinnig riskant, Zigaretten mitzunehmen?

Nein, die Zigaretten sind überlebensnotwendig. Am Checkpoint des syrischen Regimes muss man alles dafür tun, um bloß nicht als Islamist zu gelten: rauchen, am besten noch trinken am Steuer. Meinen Passagieren sage ich immer, die Frauen sollen sich zu den Männern setzen. Bloß keine Vollverschleierung. Dann, wenn wir zum Checkpoint des IS kommen, ist es genau andersrum. Es ist ein wenig schizophren, aber als Syrer müssen wir uns eben arrangieren. Ich habe drei Parallelleben: eins beim IS, eins in den Gebieten des syrischen Regimes und eins im Libanon.

Wie ist die Situation in Rakka?

Die Luftangriffe der Amerikaner auf den IS sind nicht so schlimm, weil die sehr präzise sind. Aber alles ist doppelt so teuer wie in anderen Teilen Syriens, seit der IS die Grenzübergänge mit der Türkei verloren hat. Sie müssen jetzt alles aus den Teilen Syriens, die vom Regime kontrolliert werden, nach Rakka bringen und die ganzen Bestechungsgelder unterwegs bezahlen. Auch der Wechselkurs ist unterschiedlich: In Rakka bekommt man für einen Dollar ungefähr 320 syrische Pfund, in anderen Teilen Syriens sind es etwa 190.

Wie geht es den Menschen dort?

Alle beschweren sich, weil sie sich kaum noch etwas leisten können, während die IS-Kämpfer reich sind, in die besten Restaurants gehen und alles nur in Dollar bezahlen. Wir nehmen sie als ausländische Besatzer wahr. Mich ärgert, dass ich in meinem Bus IS-Mitglieder umsonst mitnehmen muss, egal wohin sie wollen. Es gibt in Rakka kaum Arbeit, nur beim IS. Das zwingt die Menschen, sich ihnen anzuschließen. Wer bleiben will, muss ja schließlich irgendwie etwas verdienen.

Dieser Text ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.

Hier erzählen wir die Geschichte von Nujeen MustafaNujeen Mustafa: Sie ist im Rollstuhl von Syrien nach Deutschland geflohen.