Bild: Milena Schlösser
Ein Interview über neue Ideen für unser Miteinander.

Als Ali Can zum ersten Mal klar wurde, dass das mit der Integration alles nicht so schwer ist, war er an Weihnachten bei einem Kumpel. Seine eigene Familie, Kurden aus der Südtürkei, war erst vor Kurzem nach Deutschland gekommen und feierte kein Weihnachten. Also ging Ali zu einem Schulkameraden und lernte, was Deutsche so "zwischen den Jahren" machen. 

Heute sagt Ali, dass genau darin der Schlüssel von Integration liege: Nicht in der Frage, ob man Weihnachten feiert oder nicht, sondern ob man akzeptiert, dass die Feiertage für jeden etwas anderes bedeuten.

Diese Erkenntnis hat Ali Can zu seinem Lebensinhalt gemacht – mit seiner Arbeit will er zeigen, wie Integration in Deutschland gelingen kann.

Der Aktivist spricht seit 2016 unter seiner "Hotline für besorgte Bürger" mit Menschen, die das mit der Integration eher kritisch sehen. Im Sommer 2018 hat er mit der Hashtag-Aktion "MeTwo" auf die Probleme von Deutschen mit Migrationshintergrund aufmerksam gemacht. In seinem neuen Buch "Mehr als eine Heimat" macht er den Versuch, Deutschsein neu zu definieren. 

Kurzum: Ali versucht, Integration radikal neu zu denken – und nicht nur auf Zuwanderinnen und Zuwanderer zu beschränken. 

Wie genau er sich das vorstellt fragen wir ihn im Interview.

Radikal jung

Klimawandel, Generationengerechtigkeit, Migration: Es gibt große Themen, an denen sich entscheidet, wie unsere Gesellschaft aussehen wird. Und es gibt junge Menschen, die sich engagieren, in der Politik, im Ehrenamt, als Aktivisten. Wir fragen sie, was sie antreibt, was sie anders machen als ihre Vorgänger – und was an ihnen radikal ist. 

bento: Ali, du sprichst seit Jahren mit Menschen, die Bedenken wegen der Zuwanderung haben. Wenn du dich erinnerst: Was hat dir der besorgteste aller besorgten Bürger gesagt?

Ali: Am meisten getriggert hat mich eine junge Frau, die eigentlich sehr tolerant und offen ist. Sie hat in ihrer Freizeit Geflüchteten geholfen und da von einigen immer wieder Heiratsanträge bekommen. Sie empfand das irgendwann als übergriffig. Am Ende zweifelte sie an ihrem Engagement.

bento: Was hast du der jungen Frau geraten?

Ali: Ich habe engagierte Frauen aus meinem Freundeskreis gefragt, ob sie das kennen, und wenn ja, wie sie damit umgehen. Der Anruferin habe ich dann schließlich im zweiten Telefonat geraten, gemeinsam mit einem Dolmetscher noch mal das Gespräch zu suchen. Die Männer dachten sich, dass so eine Ehe für die Frau ja nur Papierkram ist – während es für sie selbst um das Bleiberecht, teilweise um Leben und Tod geht. Aber trotzdem müssen sie begreifen, dass sie hier eine Grenze überschritten haben.

bento: Würdest du sagen, du bist radikal in dem, was du tust?

Ali: Ich fange einfach an und bin radikal neugierig. 

„Ich glaube, die meisten Menschen suchen die perfekte Lösung gegen Rassismus und kommen dann einfach nicht in die Pötte.“

Als ich 2016 einen Spalt in der Gesellschaft gespürt habe, sobald es um Geflüchte ging, bin ich einfach zu Pegida gefahren, um zu reden. Viele hielten mich für verrückt. Bei der Bundestagswahl 2017 habe ich noch am Abend der Wahl eine Demo gegen Rassismus ins Leben gerufen – dabei wusste ich zu dem Zeitpunkt nicht, wie ich eine Großdemo mit mehreren Tausend Teilnehmenden veranstalte. Doch letztlich hat alles funktioniert. Besser einfach machen, als es perfekt machen zu wollen. 

bento: Wie radikal müssen wir Integration angehen, damit am Ende Akzeptanz entsteht?

Ali: Integration ist ein sehr schwieriges Wort. Man stellt sich darunter immer so einen Maßnahmenkatalog vor, eine Liste von Dingen, die man abarbeiten muss. Aber das ist nicht Integration. Integration gestaltet sich je nach Biografie anders. Meine Eltern wurden anders integriert als ich. Trotzdem sind wir alle Teil der deutschen Gesellschaft. Die größte Radikalität wäre, diese Erkenntnis in den Alltag der Menschen zu tragen. 

bento: Wie geht das? 

Ali: Indem man sich zunächst von seinen eigenen Vorstellungen distanziert und sich eingesteht, nicht die Integration von Millionen Menschen beurteilen zu können. Dann müssen wir miteinander ins Gespräch kommen und Veranstaltungen organisieren, die den Zusammenhalt stärken. 

„Es gibt nicht die eine Antwort darauf, wie Kultur auszusehen hat und wie sie von Menschen gelebt wird – Mehrdeutigkeiten sind okay.“

Bei Integration geht es nicht darum, eine Gesellschaft umzuformen. Es geht darum, sich selbst zu orientieren und zu entwickeln.

bento: Dann wäre es doch ziemlich radikal, Bürgerinnen und Bürger zum Dialog zu zwingen: Steuererleichterung für jeden, der sich einmal im Monat in der Kneipe mit einem Geflüchteten zusammensetzt?

Ali: Haha, ja das wäre eine Idee. Aber im Ernst, so etwas Ähnliches beginne ich demnächst tatsächlich: In meinem "VielRespektZentrum", einem Ort, wo Menschen sich begegnen können, mache ich "Minipakete" locker für Engagierte. Hier 20 Euro für den, der ein Freundschaftstreffen organisiert, dort 20 Euro für das interkulturelle Nachbarschaftsfest. Wir schaffen das nur gemeinsam und da sind es oft die kleinen Anreize, die den Anstoß geben. Der Staat ist da leider sehr schwerfällig und bürokratisch.

bento: Warum soll sich der Staat überhaupt um Menschen bemühen, die wieder gehen könnten – oder irgendwann abgeschoben werden?

Ali: Integration sollte eine Investition in Menschen sein, nicht vordergründig als Investition im monetären Sinne verstanden werden. Ich bin dafür, allen so schnell wie möglich die Chance zu geben, hier auf eigenen Beinen zu stehen. Integration muss ein Signal an jeden Zugezogenen werden: Wir nehmen dich in unsere Mitte auf, jetzt mach was draus.

bento: Welche radikaleren Entscheidungen sollte der Staat deiner Meinung nach treffen?

Ali: Was sich radikal ändern muss, sind die krassen bürokratischen Hürden. Natürlich hat Ordnung und Verwaltung in der Gesellschaft einen Sinn, doch momentan spüren wir bei der Integration von Geflüchteten viele negative Nebeneffekte. 

„Wer helfen will, muss es leichter haben: Sehr viele Ehrenamtliche sind frustriert von der Bürokratie.“

bento: Du rennst in deiner Arbeit immer wieder gegen Wände und musst mit Anfeindungen umgehen. Schon mal ans Aufgeben gedacht?

Ali: Nein. Ich denke, ich habe jetzt einen Weg gefunden. Als ich Lehramt studiert habe, musste ich mich immer wieder selbst fragen, ob ich wirklich mal als Lehrer arbeiten möchte. In solchen Momenten habe ich mich nach mehr gesehnt. Ich möchte den Diskurs mitbestimmen und für Mitmenschlichkeit einstehen – und genau das mache ich jetzt.

bento: Du hattest die Idee mit der Hotline für besorgte Bürger. Was rätst du jungen Menschen, die sich engagieren wollen, aber nicht wissen, wie sie anfangen sollen? Wie können auch sie auf so eine Idee kommen?

Ali: Sich dem Ungewissen stellen und der inneren Stimme lauschen. Es ist völlig in Ordnung, nicht zu wissen, was man machen will. Es gilt, wie bereits gesagt, einfach loszulegen. Jede Form von Engagement ist wichtig und Teil der großen Kette, ein Baustein im Mosaik des Engagements. Jeder Mensch weiß am besten selbst, wie sie oder er gerne Zeit einsetzen würde und welche Fähigkeiten er hat.

bento: Gibt es bei all den Gesprächen eigentlich auch etwas, das du von den besorgten Bürgern gelernt hast?

Ali: Ja. Auch Toleranz darf nicht bedingungslos verteidigt werden. Einer fragte mich mal, wie ich zu den vielen türkischstämmigen in Deutschland stehe, die türkischen Nationalismus bedingungslos glorifizieren. Dadurch rüttelte er mich wach. Darunter sind nicht einfach Nationalisten, sondern auch türkische Rechtsextreme, die ich aus meinen Werten heraus genauso ablehne. Und die bedrohen auch unsere Freiheit, weil sie unter uns leben. Wenn sich da ein besorgter Bürger Sorgen macht, dann zu Recht.

bento: Und zu welcher Erkenntnis bist du dadurch gekommen?

Ali: Denk nicht über Probleme nach, sondern über Lösungen.


Grün

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Viele von uns mögen Mode. Die Modeindustrie aber ist problematisch: Ausbeuterische Arbeitsbedingungen, hoher Energie- und CO2-Verbrauch in der Herstellung, Chemikalien, die unkontrolliert in die Umwelt gelangen. Die weltweite Textilproduktion hat sich zwischen 2000 und 2014 verdoppelt. Laut Greenpeace kauft jeder deutsche Verbraucher im Schnitt 60 Kleidungsstücke pro Jahr – trägt diese allerdings nur noch halb so lang wie vor 15 Jahren (Greenpeace).