Deshalb freuen wir uns auf 2019 mit dem Gründer von #MeTwo.

Wie fühlt sich das an, wenn du zwar in Deutschland aufgewachsen bist, deine Familie aber aus einem anderen Land stammt? Ali Can, 25, weiß das. 1995 machten sich seine Eltern aus einer türkischen Kleinstadt nahe der syrischen Grenze auf den Weg nach Deutschland. Aus einer kulturellen Identität wurden zwei. 

Im vergangenen Jahr startete Can #MeTwo. Tausende Menschen mit Migrationshintergrund berichteten, wie sie im Alltag Diskriminierung und Rassismus erleben. (bento)

Nicht seine erste Aktion: Um mit Flüchtlingsgegnern ins Gespräch zu kommen, rief er bereits im Jahr davor die "Hotline für besorgte Bürger" ins Leben. Und jetzt startet er sein nächstes Projekt. In Essen soll ein Haus für ganz unterschiedliche Kulturen entstehen. Er will zeigen: Trotz Unterschieden kann friedliche Kommunikation gelingen.

Wir haben mit Ali Can über das neue Vorhaben für 2019 gesprochen. 

Was war dein größter Erfolg im vergangenen Jahr?

Ich hätte nicht damit gerechnet, dass #metwo so erfolgreich wird. Zum ersten Mal werden Menschen mit Migrationshintergrund richtig wahrgenommen.

Wir Migranten emanzipieren uns.
Ali Can

Das ist wichtig in der Debatte um Integration in einem Einwanderungsland wie Deutschland. Jetzt gerade habe ich eine Einladung bekommen, dass man mich im US-Konsulat in Düsseldorf empfangen will. Der Wahnsinn. 

Welche Herausforderung gab es dabei – und wie hast du sie gemeistert?

Die ganzen Anfragen und Zuschriften waren enorm – es ist schwierig, allem gerecht zu werden. Mich erreichen täglich Mails und Anrufe. Aber es gibt mir jedes Mal Energie, wenn Menschen sich bei mir bedanken, dass ich ihre Stimmen etwas lauter mache. Außerdem braucht es irgendwann ein gutes Team und weitere Ehrenamtliche, die mit mir zusammenarbeiten.

Was ist dein persönlicher Wunsch für 2019? 

Ich werde jetzt etwas sesshafter in Essen. Dort leite ich das VielRespektZentrum – ein Haus, in dem sich Menschen aus verschiedenen Kulturen, aus sozialen Schichten und unterschiedlichen Religionen begegnen und ins Gespräch kommen sollen. Meine Idee: In unterschiedlichen Räumen sollen Menschen erst entspannen und dann miteinander diskutieren. Menschen sollen erfahren, wie Streitkultur und friedliche Kommunikation gelingen kann.

Mein Lieblingszitat eines persischschen Gelehrten dazu: "Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort. Dort treffen wir uns."

Bei uns in Essen soll so ein Ort sein: Es gibt einen Raum der Stille, einen Raum der Entspannung – zum Beispiel mit Massagesessel –, einen Gebetsraum für Frauen und für Männer, ein Raum des Glaubens für alle Religionen und ein Raum der Wissenschaft. In einem Video-Studio ist es möglich, eigene Videos zu produzieren und damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Außerdem gibt es ein Café und eine Küche. Meine Vorstellung: Kartoffeln und Königsberger Klopse werden neben Ravioli und Couscous mit Minze gekocht. 

Was brauchst du dafür, um deine Ideen umzusetzen?

Ich habe eine kleine Gruppe von Aktivisten um mich, die #metwo fortführen wird, am Wochenende ist die erste Sitzung. Es geht darum, wie wir noch mehr Aktionen planen können.

Auch hier im Zentrum in Essen helfen mehr als 30 Menschen ehrenamtlich. Es ist mir eine Herzensangelegenheit, eine riesengroße Gruppe zu etablieren. Das Ruhrgebiet hat schon ganz viele Organisationen und Verbände – aber ich wünsche mir, dass die sich weiter vernetzen und helfen können.

19 für 2019

Sie helfen Menschen in Not, retten Bäume für das Klima, kämpfen für faire Löhne, engagieren sich gegen Rechts, streiten für Gerechtigkeit und sind ganz einfach Vorbilder: Wir stellen 19 junge Menschen vor, die uns 2018 inspiriert haben – und von denen wir 2019 noch viel hören werden. Hier geht es zur Übersicht


Fühlen

Was ich meinen Freunden schon immer zu ihrem Drogenkonsum sagen wollte

Dominik* sitzt im Schneidersitz auf der Matratze in einer Ecke, vor ihm ein Teller, der mal voll mit Weihnachtsplätzchen war. Mit einem Fünf-Euro-Schein umgeht er geschickt die restlichen Kekskrümel, während er die dritte Line Ketamin des Abends zieht. Er lehnt sich schniefend zurück, kichert wie ein kleines Kind, das gerade seine Geschenke unter dem Weihnachtsbaum gesehen hat. Es ist der 22. Dezember, ich bin zu Besuch in meiner alten Heimat. Während Dominik, den ich noch aus Schulzeiten kenne, den Teller weiterreicht, wird mir klar: Ich halte diesen Konsum nicht mehr aus.

Dabei war er lange Teil meines Alltags:

Ich war 15 Jahre alt, als ich Marie* auf einer Klassenfahrt kennenlernte. Sie war anders als meine Mitschüler: Während ich auf Dorfpartys rumhing, machte sie in Großstadtclubs die Nächte durch. Das Einzige, was jeder in unserer kleinen Stadt über Marie weiß, ist die Tatsache, dass sie Drogen nimmt. Marie hatte eine abgefuckte Coolness an sich, die mich faszinierte. 

Auch wenn ich Marie überhaupt nicht kannte, wollte ich, dass sie mich mag. Wir kamen in die gleiche Klasse, saßen nebeneinander, freundeten uns an. Durch sie lernte ich weitere Leute kennen, gab mein Bestes, um Teil dieser Clique zu werden.