Bild: ZUMA Press / imago
Wir haben mit zwei Menschen gesprochen, die auf die Straße gegangen sind.

Hunderttausende gingen wochenlang in Algerien auf die Straße. Seit 20 Jahren regierte Präsident Abdelaziz Bouteflika das flächenmäßig größte Land Afrikas mit autoritären Mitteln. Als er im Februar ankündigte, auch noch für eine fünfte Amtszeit kandidieren zu wollen, reichte es der Bevölkerung. Es fanden Massenproteste statt – trotz des Demonstrationsverbots. (SPIEGEL ONLINE)

Vor drei Wochen hieß es dann, Bouteflika wolle nun doch nicht noch einmal antreten. Die Bevölkerung forderte trotzdem seinen Rücktritt, noch vor den Wahlen im April. Am Dienstag schließlich, nachdem am Wochenende in der Hauptstadt Algier eine Million Menschen auf die Straße gegangen waren, erklärte Bouteflika seinen sofortigen Rücktritt.

Doch was ändert sich damit tatsächlich in Algerien? 

Schon lange hatte Bouteflika selbst wohl kaum noch die Fäden in der Hand. Seit einem Schlaganfall 2013 sitzt der 82-Jährige im Rollstuhl und kann kaum sprechen. In den vergangenen Jahren zeigte er sich selten in der Öffentlichkeit.

Stattdessen wird das Land von einem Netzwerk aus Politikern, Generälen und Geschäftsleuten regiert, genannt "le pouvoir" – die Macht (SPIEGEL ONLINE). Bislang konnten sich diese wohl nicht auf einen Nachfolger von Bouteflika einigen, weshalb seine geplante fünfte Amtszeit zunächst auch noch von ihnen unterstützt wurde. Doch schließlich erreichte der Druck der Bevölkerung auch die mächtigen Militärs: Stabschef Ahmed Gaid Salah forderte vor wenigen Tagen die Absetzung des Präsidenten.

Dass Bouteflika selbst schon lange nicht mehr die Fäden in der Hand hielt, weiß auch die Bevölkerung: Sie forderte zuletzt nicht bloß den Rücktritt des Präsidenten – nein, die gesamte politische Elite solle abtreten.

Aber wie wahrscheinlich ist das? Und besteht nicht die Gefahr, dass es in Algerien zu ähnlichen Problemen kommt wie im Nachbarland Libyen? Dort hatten die Demonstrationen im Zuge des Arabischen Frühling 2011 zu einem Bürgerkrieg geführt. Auch nach der Entmachtung und Tötung des Machthabers Muammar al-Gaddafis kam das Land nicht zur Ruhe – bis heute.

Wir haben mit zwei jungen Menschen aus Algerien gesprochen, die sich an den Protesten beteiligt haben – darüber, welche Hoffnungen auf echte Veränderungen sie jetzt haben und ob sie weiterhin auf die Straße gehen wollen.

Aymen, 21, Student aus Skikda

(Bild: privat)

Der Rücktritt von Bouteflika war gut, aber nur ein erster Schritt. Wir haben aber erst zehn Prozent der Dinge erreicht, die wir uns erhoffen. 

Man sagt, wer nur eine halbe Revolution macht, der schaufelt sein eigenes Grab.

Wenn wir jetzt aufhören, könnte es uns ähnlich ergehen wie den Menschen in den Nachbarländern, zum Beispiel in Libyen. Ich hätte aber auch nicht gedacht, dass die Demonstrationen gegen den Präsidenten friedlich bleiben. Ich dachte, wenn es in Algerien Proteste gibt, dann wird es Blut und Gewalt geben – so war es zumindest in den Neunzigerjahren. 

Dass Bouteflika zurückgetreten ist, war zur Beruhigung der Leute. All die korrupten Menschen in der Regierung, bei den Geheimdiensten und in der Armee – sie alle müssen gehen. Weil sie zur entsetzlichen wirtschaftlichen Entwicklung unseres Landes beigetragen haben. Das ist es auch, was die Leute auf die Straße getrieben hat.

Wir können jetzt nicht aufhören. Wir sind so weit gekommen. Ich glaube, die Protestbewegung könnte jetzt noch größer werden. Weil wir daran glauben, dass wir die Macht haben, etwas zu ändern – von dem wir dachten, dass wir es nicht ändern könnten. Für eine bessere Zukunft unserer Kinder und deren Kinder.

Die gerade noch verantwortlichen Leute müssen die Macht abgeben an gewählte Amtsträger – gewählt von den Menschen, von dieser Bewegung. Ob das wahrscheinlich ist? Keine Ahnung. Hätte man mich aber vor drei Wochen gefragt, ob Bouteflika zurücktritt, hätte ich mit "auf keinen Fall" geantwortet. Und jetzt schaut, wo wir sind.

Asma, 21, Studentin aus Algier

(Bild: privat)

Seit dem 22. Februar bin ich jede Woche auf die Straße gegangen. Und wenn Gott will, dann werde ich auch Teil zukünftiger Proteste sein.

Unsere erste Forderung, dass Bouteflika zurücktritt, haben wir erreicht. Jetzt müssen weitere Regierungsmitglieder folgen. Wir wollen die Alten aus der Regierung holen. Wir brauchen junge verantwortungsvolle Politiker, damit dieses Land aufblüht. 

Ich glaube, die algerische Jugend kann das Land verändern – aber dafür brauchen wir freie Wahlen.

Erst, wenn wir einen wahren Präsidenten haben, jemanden der Entscheidungen trifft, die dem Land dienen und nicht nur den Mächtigen, dann können wir echte Demokratie haben.

Wir haben der Welt in den vergangenen Wochen bewiesen, wie friedlich wir sind. Deshalb habe ich auch keine Angst vor der kommenden Zeit und davor, dass es hier zu einer ähnlichen Situation kommen kann wie in Libyen. Wir werden so friedlich weitermachen wie bisher – bis wir unsere Ziele erreicht haben.  

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Gerechtigkeit

Was die "Rettet die Bienen"-Aktivisten dazu sagen, dass die CSU plötzlich ihre Kampagne unterstützt
"Markus Söder ist nicht über Nacht zum neuen Grünen-Chef geworden."

Bislang werben bayerische Politikerinnen und Politiker mit "Laptops und Lederhosen" für den Freistaat – also High-Tech-Industrie und konservative Folklore. In Zukunft könnte es in der Image-Werbung "Bavaria und Bienen" heißen. Zumindest, wenn es nach Ministerpräsident Markus Söder ginge. Denn der CSU-Politiker inszenierte sich zuletzt auffällig oft als grüner Landesvater.

Jüngster Höhepunkt des bayerischen Öko-Hypes: Die CSU-geführte Landesregierung nimmt ein von Naturschützern und Grünen gestartetes Volksbegehren unter dem Motto "Rettet die Bienen" Eins-zu-eins an.

Was ist da los? Noch vor wenigen Tagen dachten viele, die konservative Landesregierung aus CSU und Freien Wählern werde bis zuletzt gegen die Ideen der Umweltbewegung kämpfen. Denn viele traditionelle Bäuerinnen und Bauern empfinden die Ziele des Volksbegehrens als Bedrohung (SPIEGEL). 

Hätte die Landesregierung das Volksbegehren nicht angenommen, wäre im Herbst in ganz Bayern verbindlich abgestimmt worden. Die Bürgerinnen und Bürger hätten dann zwischen dem Volksbegehren und einem möglichen Alternativvorschlag der Regierung entscheiden dürfen. Jetzt entfällt dieser Streit – und Bayern wird ein bisschen grüner. Doch wie sehr freuen sich die Initiatoren des Volksbegehrens über diese Unterstützung wirklich? Und was ist eigentlich mit dem Rest von Deutschland?

Darüber haben wir mit Markus Erlwein gesprochen. Er ist der Pressesprecher des Volksbegehrens und einer der Organisatoren der Kampagne "Rettet die Bienen".