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Die 29-Jährige ist der neue Star im US-Kongress – und zeigt, wie moderne Politik geht.

Alexandria Ocasio-Cortez ist 29 Jahre alt und sitzt seit Donnerstag im US-Kongress. Sie ist die jüngste Abgeordnete, die je gewählt wurde. Gemeinsam mit anderen will sie sich der Politik von Donald Trump stellen – und Mehrheiten zurückerobern.

Insgesamt 102 Frauen sitzen nun im US-Kongress – zwar nur ein Viertel aller Abgeordneten, aber dennoch mehr als je zuvor. Darunter sind offen lesbische Politikerinnen, die ersten indigenen Abgeordneten, die ersten Frauen, die Kopftuch tragen. (bento)

Alexandria Ocasio-Cortez ist das Gesicht dieser Gruppe junger Frauen – und deutsche Politikerinnen und Politiker können sich viel bei ihr abschauen.

Die New Yorker Abgeordnete zog für die Demokraten in den Kongress, sich selbst bezeichnet sie als demokratisch und sozialistisch. Im "60 Minutes"-Interview mit CBS nennt sie sich selbst außerdem "radikal" und gibt zu, auch mal Fakten zu verdrehen, wenn es "moralisch richtig" sei. Das ist fragwürdig. Gleichwohl gibt es aber drei Eigenschaften von "AOC", wie sie sich selbst nennt, die auch deutschen Abgeordneten gut stünden:

1 Alexandria Ocasio-Cortez ist im Netz zu Hause.

In Deutschland hat der Vorsitzende der Grünen, Robert Habeck, gerade seine Profile bei Facebook und Twitter gelöscht (bento). Viele ältere Abgeordnete haben gar nicht erst Social-Media-Kanäle – oder nutzen sie kaum. Ocasio-Cortez geht einen anderen Weg: maximales Sendungsbewusstsein, maximale Transparenz.

Auf Instagram folgen ihr 1,6 Millionen Nutzerinnen und Nutzer, auf Twitter knapp 2,2 Millionen. Damit hat "AOC" sogar Nancy Pelosi überholt, mit 78 Jahren eine Polit-Veteranin und als Vorsitzende des Repräsentantenhauses die mächtigste Frau in den USA.

Die Kanäle nutzt Ocasio-Cortez mal für politische Botschaften, mal für Bilder aus ihrem Alltag. Für ihre Wählerinnen ist sie so nahbar, für ihre Gegner immer bereit zu Diskussionen. Dass sie das Netz verstanden hat, zeigt nicht zuletzt ihr Talent für Memes. Als rechte Trolle sie mit einem alten Tanzvideo bloßstellen wollten, hat sie das ins Gegenteil verwandelt:

2 Sie hat keine Angst vor Krawall – in alle Richtungen.

US-Präsident Trump hat den Politbetrieb radikal verändert – für die ganze Welt. Er haut im Stundentakt Angriffe auf Twitter raus, pöbelt gegen Frauen, Oppositionelle, Journalisten, Ausländer, Muslime.

Auch "AOC" ist populistisch, braucht dafür aber keine Beleidigungen und baut auch keine Feindbilder auf Kosten von Minderheiten auf. Sie pöbelt lieber nach oben.

  • Im CBS-Interview nennt sie Trump einen Rassisten: "Der Präsident hat Rassismus sicher nicht erfunden, aber er gibt ihm eine Stimme."
  • Und auch vor der eigenen Partei macht sie nicht halt. Kaum in Washington angekommen, gesellte sie sich zu einem Sit-In von Klimaaktivisten, ausgerechnet vor dem Büro ihrer Fraktionschefin und Parteifreundin Nancy Pelosi.

Viele Bürgerinnen und Bürger haben oft das Gefühl, Politiker klüngeln in Hinterzimmern um ihre Posten. AOC zeigt, dass man dieses "Establishment" auf freche Art durchpusten kann.

3 "Radikalität" heißt für sie Prinzipientreue.

Eine der wichtigsten Themen, die "AOC" voranbringen will, ist der Klimaschutz. Sie sagt: Wird nicht genügend gegen die Erderwärmung getan, ist das schlecht für die Zukunft der Kinder und die Wirtschaft und überhaupt.

Also unterstützt sie den "Green New Deal", ein extrem progressives Klima-Vorhaben, das nicht weniger will, als die gesamte US-Energie 100 Prozent nachhaltig machen. Am liebsten morgen. Kritiker nennen das "radikal". Ocasio-Cortez antwortet:

„Es waren immer die Radikalen, die das Land verändert haben.“

Dann führt sie Abraham Lincoln an, der die Sklaverei abgeschafft hat und Franklin Roosevelt, der den Sozialstaat aufgebaut hat: 

Was heißt das jetzt?

Alexandria Ocasio-Cortez ist noch neu in der Politik – und wird sicher Fehler machen. Schon jetzt hat sie Probleme, all ihre politischen Forderungen in Interviews gut zu verteidigen. 

Was sie aber gut macht: "AOC" macht ihre Arbeit transparent, auch ihre Fehler. Und sie macht deutlich, wofür sie im politischen Streit einstehen will. 

Es ist im Grunde Trumpsche Politik, nur auf progressiv gedreht.


Streaming

Die Netflix-Serie "You" zeigt, wie unangenehm unser Datingverhalten manchmal ist

"Du wirst mich lieben" – das ist der bedrohlich klingende Untertitel der neuen Netflix-Serie "You".

In der Serie geht es um Joe, einen jungen Buchverkäufer. Er hat sich gerade von seiner Freundin getrennt und lernt bei der Arbeit Beck kennen, die ein Buch bei ihm kauft. Vom ersten Moment an ist er von ihr so begeistert, dass er nur noch an sie denken kann und sofort alles von ihr und über sie wissen möchte. Schnell wird deutlich: Joe ist ein obsessiver, narzisstischer Wahnsinniger.

Dennoch fühlt man sich als Zuschauer bereits in der ersten Folge ein wenig ertappt. Zum Beispiel in dem Moment, in dem Joe durch die Social-Media-Profile von Beck scrollt und innerhalb von kurzer Zeit sämtliche Fakten zusammengetragen hat. Er weiß, wo sie studiert hat, wo sie herkommt und wo sie wohnt. 

Unsere Generation ist damit aufgewachsen, noch vor dem ersten Treffen Informationen über Menschen zu haben, für die man sich vor zwanzig Jahren noch durch mindestens zwei Dates quälen musste.

Wer heutzutage jemanden kennenlernt und interessant findet, sucht die Person häufig bei Google. Oder bei Facebook und Instagram. Man schaut sich Fotos an und scrollt sich durch das Profil. In manchen Fällen sogar auch noch durch die Profile von verlinkten Personen und Freunden. 

Der Unterschied zu Joe: Wir sind in den meisten Fällen keine Serienkiller oder Stalker.  Schließlich verfolgen wir niemanden bis vor die Haustür oder lauern jemandem in der U-Bahn auf. Aber ist es nicht trotzdem manchmal unangenehm, wie stolz wir darauf sind, wenn wir mit unseren Recherchen Erfolg hatten? Wenn wir endlich herausgefunden haben, wer auf diesem einen Foto die Cousine und wer die Ex-Freundin ist?

Dabei kennen viele von uns dieses Gefühl, wenn jemand plötzlich das Profilbild bei Facebook von 2012 mit einem "Gefällt mir" markiert. Es ist wahnsinnig unangenehm. Wir stellen uns vor, wie diese Person auf unserem Profil war, unsere Fotos durchsucht und ein paar peinliche alte Statusmeldungen gelesen hat. Es fühlt sich an, als hätte jemand in unseren Schränken herumgewühlt – einfach nicht richtig.

Aber seien wir ehrlich: Sehr viele von uns scrollten selbst über dieses Profilbild von 2012. Wir passten allerdings sehr gut darauf auf, bloß nicht versehentlich auf "Like" zu drücken. Wenn wir zum ersten Mal mit Menschen sprechen, wissen wir manchmal schon, mit wem sie im letzten Sommerurlaub waren oder kennen die Lieblingsband. Wir sagen aber nichts. Damit niemand denkt, dass wir verrückte "Stalker" sind. Wir haben ja nur kurz mal "recherchiert".

Tausende Menschen werden in Deutschland jährlich gestalkt, online und offline. Als Stalking gelten Verhaltensweisen, bei denen Menschen nachgestellt wird. Die verfolgt, bedroht oder belästigt werden. Menschen, die gestalkt werden, leben in ständiger Angst. (SPIEGEL ONLINE)

Klar – es ist keine damit vergleichbare Bedrohung, wenn man auf dem Facebook-Profil einer Person herumschnüffelt, die man ganz gut findet. Zumal die Person die Informationen selbst hochgeladen hat. 

Trotzdem löschen wir Suchanfragen und hoffen, dass niemals veröffentlicht wird, wie häufig wir uns auf manchen Profilseiten aufhalten. Oder irgendwo nachzulesen ist, wie viel Zeit wir damit verbringen, zu überprüfen, wann jemand online ist. 

Joes Verhalten in "You" ist krankhaft, er ist ein gefährlicher Stalker, der in der Realität dringend professionelle Hilfe bräuchte. Aber er hält uns auch den Spiegel vor: 

Wir sollten hin und wieder zugeben, dass wir auch ein bisschen irre sind, wenn wir mal wieder auf dem Instagram-Profil des Bruders unserer Ex-Freundin herumscrollen.

Wie wäre es, wenn wir beim nächsten ersten Date nicht so tun, als wüssten wir nichts über das Gegenüber – sondern ihn direkt mit all diesen Informationen konfrontieren. Wenn wir einfach mal nachfragen, wie der Urlaub war oder warum er oder sie sich vor drei Jahren unbedingt die Haare blond färben musste. Es wäre doch eigentlich viel einfacher, weil man so auch den ganzen Smalltalk direkt überspringen könnte. Wir könnten direkt fragen, ob die Eltern getrennt sind, weil man bei Instagram immer nur ihren Vater auf Familienfotos sieht. Oder ob er noch oft an seinen Hund denkt, der vor vier Jahren gestorben ist. Gesprächsthemen hätte man so jedenfalls genug.