Einen Tag vor Weihnachten fielen in Aleppo keine Bomben mehr. Nach mehr als fünf Jahren Kampf hatte die syrische Armee die Stadt Ende Dezember 2016 komplett erobert (bento). In Syrien herrscht seit bald sechs Jahren Bürgerkrieg – die Handelsmetropole Aleppo im Norden galt als der am härtesten umkämpfte Ort. Fast täglich gab es Berichte aus "der Hölle von Aleppo", wie der Kampf bald genannt wurde.

Jetzt, knapp zwei Monate später, hört man nur noch wenig aus der "Hölle": Die syrische Regierung sagt, sie habe die Stadt befreit und baue sie nun wieder auf. Rebellen sagen, sie seien vertrieben worden, zwangsevakuiert – und das Regime von Baschar al-Assad bringe weiter Menschen um. Was stimmt, ist unklar.

bento hat daher in den vergangenen Wochen mit mehreren Menschen aus Aleppo gesprochen – denen, die in der Stadt blieben und denen, die sie verlassen haben.

Tayma, 26, sagt, dass die Stadt jetzt sicher sei – aber sie nachts immer noch Angst habe. "Russen kontrollieren jetzt die Straßen", sagt sie. Und Abdulkafi, 31, berichtet von Freunden, die in Foltergefängnissen verschwunden sind. "In den Augen des syrischen Regimes sind wir alle Terroristen."

Die Fakten zum Durchklicken – Was du über Aleppo wissen musst:
Aleppo war im Laufe des Krieges zweigeteilt: Den Westen kontrollierte die syrische Regierung, im Osten hatten sich Rebellen verschanzt.
Was es noch komplizierter macht: Auf der Seite der Syrer kämpften russische und iranische Soldaten und Milizen aus dem Libanon.
Und ein Teil der Stadt war auch unter Kontrolle kurdischer Truppen.
Im Laufe des Krieges übernahmen im Osten immer mehr islamistische Milizen.
Die Bürger der Stadt lebten zwischen den Fronten, bald gelangten kaum noch Lebensmittel und Medizin nach Aleppo.
Vor dem Krieg kostete ein Brot 25 Syrische Pfund, heute sind es bis zu 500 Pfund (etwa 2,20 Euro).
Ab Ende 2015 bombardierte die russische Luftwaffe Ost-Aleppo beinahe täglich, auch Krankenhäuser und Schulen.
Im Dezember 2016 verhandelte Russland einen Waffenstillstand für die Stadt – die Bürger im Osten wurden evakuiert.
Insgesamt sind bis Ende 2016 mehr als 31.000 Menschen in Aleppo ums Leben gekommen (Violation Documention Center)
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So sah die Stadt vor der Rückeroberung durch Assad aus:

Mittlerweile sind die Rebellen (blau) von der Armee (rot) komplett aus der Stadt gedrängt – halten aber weiter ländliche Gebiete westlich der Stadt (hier findest du eine aktuelle Karte).

Wie wir recherchiert haben

Wir haben mit rund einem Dutzend Menschen gesprochen – sowohl aus den ehemaligen Rebellengebieten wie aus Stadtteilen, die von Assad-Getreuen kontrolliert wurden. Über vertrauenswürdige Kontakte in Syrien sind wir ins Gespräch gekommen, Interviews wurden über WhatsApp, Skype und via Facebook geführt.

Die meisten Gesprächspartner hatten Angst vor einer Veröffentlichung: Viele fürchten, vom Assad-Regime verfolgt zu werden, wenn sie über ihren Alltag sprechen. Drei wollten ihre Erfahrungen jedoch zu Protokoll geben. Ihre Aussagen decken sich mit denen der anderen.

Das sagen Menschen aus Aleppo heute:
Abdulkafi, 31 Jahre

Abdulkafi hatte im Osten von Aleppo gewohnt und dort als Englischlehrer gearbeitet. Er wurde im Dezember mit seiner Frau und seiner Tochter evakuiert, hatte allerdings Angst, in ein von Assad-treuen Truppen kontrolliertes Gebiet zu gehen. Er wohnt derzeit in einem Dorf außerhalb von Aleppo, das Gebiet wird von Rebellen kontrolliert.

Abdulkafi mit seiner Tochter

"Glaube nicht, dass Aleppo jetzt frei ist – es ist vielmehr ein Freiluftgefängnis. Russische und iranische Soldaten haben die Stadt unter sich aufgeteilt, die Hisbollah und andere Getreue von Assad patrouillieren auch in der Stadt.

Viele meiner Freunde aus Aleppo sind in Foltergefängnisse gebracht worden, auch die Frauen. In den Augen des syrischen Regimes sind wir alle Terroristen. Meine Frau, meine elfjährige Tochter und ich – und das nur, weil wir im falschen Teil Aleppos lebten.

Zur Info:

Assad ist für seine Foltergefängnisse berüchtigt: Zwischen 2011 und 2015 sollen 13.000 Menschen in syrischen Gefängnissen zu Tode gequält worden sein (bento). Informanten haben Bilder außer Landes geschmuggelt, die die Opfer belegen (bento).

Kollegen, Schüler und Bekannte von mir wurden dahingerafft durch die Angriffe des Regimes. Die vergangenen fünf Jahre waren der Horror: Jedes Mal, wenn ich zum Brot holen rausging, habe ich mich von meiner Frau und meiner Tochter verabschiedet – vielleicht würde ich sie nie wieder sehen.

Die Bomben, die Scharfschützen auf den Dächern und die Milizen in den Straßen, irgendwann kam mir das alles wie das Jenseits vor. Es fühlt sich an, als wohne das Böse direkt unter uns und raubt uns jede Menschlichkeit. Ich sah Menschen mit grausamen Verletzungen unter Trümmern begraben und blieb irgendwann einfach gleichgültig. Irgendwann wurde der ganze Horror unwirklich.

Ich sah Menschen mit grausamen Verletzungen unter Trümmern begraben und blieb irgendwann einfach gleichgültig.
Abdulkafi

Als die Evakuierung beschlossen wurde, hatte ich das nicht als Befreiung empfunden. Es war eher eine tagelange Demütigung. Assad stellte sich der internationalen Gemeinschaft als Wohltäter dar, tatsächlich wurden wir aus unseren Wohnungen vertrieben und standen über Stunden bei Minusgraden in der Kälte. Meine Familie und ich mussten 20 Stunden in unserem Bus warten. Er war für 24 Personen auslegt, mehr als 100 wurden hineingetrieben. Wir durften nicht essen und trinken, die Soldaten lachten nur. Die Kinder weinten, irgendwann stank es nach Urin.

Ein Freund von mir wurde aus der Warteschlange geholt und vor den Augen von Helfern des Roten Kreuzes und der Uno umgebracht. Ich glaube, die Weltöffentlichkeit hat uns im Stich gelassen und ist wahrscheinlich einfach froh, dass Assad nun Aleppo wieder in der Hand hat."

Der Syrienkrieg in Zahlen:
Der Syrienkrieg begann im März 2011 – nach wenigen Wochen friedlichen Protests.
Knapp eine halbe Millionen Menschen sind ums Leben gekommen – jeder zehnte Syrer.
Nachweislich wurden Giftgas und geächtete Splitterbomben eingesetzt.
Die durchschnittliche Lebenserwartung ist von 70,5 Jahre auf 55,4 Jahre gesunken.
Die Hälfte der Bevölkerung ist auf der Flucht. Mehr als sechs Millionen davon im eigenen Land.
Drei Millionen Menschen haben Syrien verlassen, die meisten leben in Flüchtlingslagern in den Nachbarländern.
85 Prozent der Menschen in Syrien lebten 2015 in Armut. Zwei Drittel aller Syrer haben ihre Jobs verloren.
Jeder Fünfte verdient sein Geld nun mit dem Krieg: als Kämpfer, Kidnapper, Plünderer oder Schleuser.
Die Hälfte der Kinder im schulpflichtigen Alter geht nicht mehr zur Schule.
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Tayma, 26 Jahre

Tayma kommt aus dem Westen der Stadt – der war über die Jahre relativ sicher. Die gefährlichen Straßenkämpfe gab es zwischen Islamisten, Rebellen und Regierungstruppen im Osten der Stadt. Tayma hat ein Ingenieurstudium abgeschlossen und engagiert sich für soziale Projekte.

Tayma möchte aus Sicherheitsgründen nicht erkannt werden.

"Die vergangenen Jahre waren ziemlich hart. Gerade in den vergangenen Monaten nahmen die Bombardierungen zu, die Kämpfe wurden intensiver.

Aleppo war mal die Wirtschaftsmetropole des Landes, jetzt war der Handel komplett zusammengebrochen, Fabriken zerstört. Viele Studenten konnten ihre Abschlüsse nicht machen, Jobs gab es keine mehr. Das einzige Business, das boomte, war die Hilfsindustrie – viele von uns engagierten sich ehrenamtlich in NGOs.

In den Medien wird ja oft von einer Spaltung Aleppos in Ost und West gesprochen. Tatsächlich gab es immer Austausch, und wir jungen Syrer benutzen auch die Label 'Ost' und 'West' nicht. Nur in den letzten Wochen der Belagerung konnten wir nicht in den Ostteil gelangen. Doch seit die Islamisten verschwunden sind, können sich viele Familien endlich wieder vereinigen.

Wenn ich verlässliche Infos will, konzentriere ich mich auf Facebook-Einträge von Freunden in den verschiedenen Stadtteilen. Klar, ich schaue mir auch klassische Nachrichtenseiten an, aber deren Infos sind alle sehr politisiert – zum Beispiel bei RT, Al-Mauadeen oder Al-Jazeera.

Zur Info:

RT ist ein russischer Sender, Al-Mauadeen ein libanesischer – sie berichten positiv über die syrische Regierung. Al-Jazeera hingegen ist ein Sender aus Katar – und konzentriert sich auf die Verbrechen Assads.

Tatsächlich ist die Stadt wieder sicherer geworden. Klar gibt es noch Bombardierungen – aber deutlich weniger. Die ersten Händler im Zentrum machen wieder Geschäfte auf, Häuser werden wieder bewohnbar. Strom und Wasser haben wir allerdings immer noch nicht regelmäßig.

Am Wochenende kann man wieder in Cafés oder Kinos gehen, du spürst bei den Menschen dieses verzweifelte Verlangen nach ein bisschen Spaß. Kann man singen, wenn andere gestorben sind? Die Wahrheit ist: Viele haben so viel verloren, dass sie selbst den kleinsten Moment auskosten. Allerdings gehe ich abends nicht länger als bis 22 Uhr raus.

Kann man singen, wenn andere gestorben sind?
Tayma

Jetzt sind auch überall Russen, um Überfälle zu verhindern. Sie regeln den Verkehr, kontrollieren die Gegend – sie spielen jetzt Aleppos Polizei. Und auf vielen Dächern siehst du jetzt drei Flaggen; eine für Putin, eine für die Hisbollah, eine für Assad. Früher gab es nur eine einzige, die syrische Flagge.

Aber die Menschen, die hier geblieben sind, wollen sich nicht unterkriegen lassen. Wir Syrer sind kein geteiltes Volk – es sind die militärischen Kräfte, die Linien ziehen und uns gewaltsam ihre Ideologien aufzwingen wollen."

Muhamad, 29 Jahre

Muhamad hat Jura an der University of Aleppo im Westen der Stadt studiert. 2010, ein Jahr vor Beginn des Bürgerkrieges, wurde er zum Militärdienst eingezogen. Als der Krieg begann, desertierte Muhamad – und geriet auf Seiten der Rebellen gleich in zwei Konflikte: Zwischen 2012 und 2014 lebte er im belagerten Daraja, dann kehrte er ins eingekesselte Aleppo zurück.

"Die Evakuierung Aleppos war eine große Farce. Als uns das Regime zusicherte, die Stadt verlassen zu dürfen, kamen gleich am ersten Tag Menschenmassen zu den Bussen, die uns rausbringen sollten – und wir wurden alle wieder weggeschickt. Am zweiten Tag verhinderten iranische Milizen, dass wir in die Busse einsteigen. Frauen und Kinder weinten vor Angst.

Am dritten Tag durfte ich ausreisen, musste allerdings 14 Stunden im Bus warten – ohne Wasser und Essen. Irgendwann wurde der Hunger schmerzhaft. Als wir losfuhren, kam als erstes ein russischer Checkpoint. Die Soldaten sagten, wir könnten mit ihnen gehen und seien in Sicherheit. Es ist aber keiner ausgestiegen. Syrische Soldaten hatten wir während der ganzen Evakuierung keine gesehen. Da gibt es, glaube ich, kaum noch welche.

Zur Info:

JFS steht für "Dschabhat Fatah al-Sham", eine islamistische Miliz. Früher hieß sie Nusra-Front und galt als Untergruppe von Al-Qaida.

Ich wurde nach Idlib gebracht. Die Stadt ist unter Kontrolle von der JFS, das sind nur Militante und Extremisten. Außerdem verlangen sie hohe Preise für Essen und Medizin.

Ich habe Angst vor denen, sie sind genauso schlimm wie Präsident Baschar al-Assad. Beide Seiten wissen, dass ich mich in Aleppo als Reporter engagiert habe – und dass ich sowohl kritisch über Assad wie auch kritisch über Al-Qaida und den IS berichtet habe. Erst vor wenigen Tagen haben die JFS-Typen bei meinem Freund eingebrochen und ihn ausgeraubt.

Ich habe Angst vor den Islamisten, sie sind genauso schlimm wie Assad.
Muhamad

Meinen Freunden im Westen von Aleppo geht es auch nicht besser. Sie berichten, Anhänger von Assad haben Häuser beschlagnahmt und Geschäfte ausgeraubt. Ein Kumpel wurde verprügelt, sein Auto gestohlen. Das ist die Freiheit, die das Regime verspricht."

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