Bild: privat

Sie halten einen indischen Prediger aus dem 19. Jahrhundert für den Messias und verehren einen in London lebenden Mann mit Bart und Turban als ihren Kalifen: Man könnte die "Ahmadiyya Muslim Jamaat" leicht für eine skurrile aber unbedeutende muslimische Splittergruppe halten. Doch damit würde man den 40.000 Anhängern unrecht tun. Viele von ihnen haben sich am Wochenende in Karlsruhe zu ihrer jährlichen Versammlung "Jalsa Salana" getroffen.

Wir waren dabei und haben mit einigen gesprochen.

Mit fast 100 Jahren reicht die Geschichte der Ahmadiyya weiter zurück als die jeder anderen islamischen Gruppierung in Deutschland. Damit gehören Ahmadis sogar schon länger zu Deutschland als die Mutter von Horst Seehofer. Und auch heute sind sie ihrer Zeit voraus: 

Als einzige islamische Organisation sind sie als Religionsgemeinschaft anerkannt und damit den Kirchen gleichgestellt. 

So offensiv wie keine andere islamische Strömung streiten junge Ahmadis mit Slogans wie "Liebe für alle, Hass für keinen" überall dort für einen gewaltfreien Islam, wo andere ihn infrage stellen: am Berliner Breitscheidplatz, in Chemnitz, in Fußgängerzonen und auf Facebook.

Eigentlich, könnte man meinen, sind sie längst in Deutschland angekommen. Doch in Zeiten von Rechtsruck und Islamfeindlichkeit müssen auch die Ahmadis immer noch – oder schon wieder – um ihren Platz in der Gesellschaft kämpfen. 

Sind sie das lebende Beispiel dafür, dass der Islam sehr wohl zu Deutschland gehört? Oder dafür, dass man sich als Muslim noch so sehr anstrengen kann und dennoch nicht akzeptiert wird? 

Wir haben junge Ahmadis gefragt, wie sie diese Zeiten erleben und warum zur Hölle sie ihr Wochenende in einer überfüllten Karlsruher Messehalle verbringen.

Hmayon Salim (36), Einkaufsleiter aus Dortmund: "Du wirst hier niemanden mit 'Merkel muss weg'-Slogan sehen."

(Bild: Fabian Goldmann)

"Hier auf der Veranstaltung herrscht 'echte Liebe' wie beim BVB, nur ohne die Kommerzialisierung. Das Zusammensein gibt mir die Energie, meinen Prinzipien treu zu bleiben, auch wenn das Leben manchmal unbequem ist. Zum Beispiel wenn meine Frau als Kopftuchträgerin abwertend behandelt wird oder ich wegen meines Barts als Terrorist bezeichnet werde. Aber auch, wenn ich mich frage: 'Soll ich meine Gebete verrichten oder vor Netflix sitzen und Döner essen?'

Was unsere Gemeinde auszeichnet: Wir stehen loyal zu unserem Land. Du wirst hier niemanden mit 'Merkel muss weg'-Slogan sehen. Trotz Chemnitz und ähnlichen Ereignissen ist es ein schönes Land. Und wir scheuen auch kein Gespräch. Einmal kam der [AfD-EU-Abgeordnete Jörg] Meuthen zu uns in die Moschee und wollte über den Islam reden. Da man merkt schnell, dass man – sobald es in die Tiefe geht – Kritik schnell entkräften kann. Es ist einfach nur Angstmacherei."

Khola Marjam Hübsch (37), Schrifstellerin und Speakerin aus Frankfurt: "Ich weiß, dass meine Gemeinde immer hinter mir steht."

(Bild: privat)

"Die Berichterstattung von außen ist schon öfter mal negativ. Uns wird beispielsweise Geschlechterapartheid vorgeworfen. Hast du die Nachrichten über das Festival in Schweden letztes Jahr mitbekommen? (bento) Das ist total aus dem Ruder gelaufen und infolgedessen hatten in diesem Jahr Cis-Männer keinen Zutritt. Frauen haben danach dann erzählt, wie es wahr: entspannt, offen, nicht ständig Flirt-Situationen. 

So ist es auf der Jalsa auch. Auf der Frauen-Seite ist das ein Safe Space. Man betet gemeinsam, die Mäntel und Kopftücher werden ausgezogen, man ist unter sich, völlig entspannt. Trotzdem geht die Kritik manchen auch an die Substanz. Ich kenne einige, die deshalb keine so öffentliche Arbeit wie ich machen. Dass sich trotzdem so viele Ahmadis engagieren, hat auch mit dem Kalifen und unsere Struktur zu tun. Wenn ich mal Probleme habe, weiß ich, dass meine Gemeinde hinter mir steht und ich mich an den Kalifen wenden kann."

Hamed Chaudry (25), Youtuber aus Jagel: "Der Koran lehrt uns, deinem Land gegenüber Loyal zu sein."

(Bild: Fabian Goldmann)

"Ich hab mich immer heimisch gefühlt in Deutschland. In der Verfassung steht Religions- und Meinungsfreiheit, das bedeutet mir viel. Auch der Koran lehrt uns, deinem Land gegenüber loyal zu sein. Für mich ist ganz klar. Deutschland ist mein Land. 

Aber trotzdem gibt es immer mal wieder Situation, da denkst du, jeder ist gegen dich. Einmal war ich in Berlin mit meiner Schwester und Cousine unterwegs, beide tragen Kopftuch. Als wir in die U-Bahn einsteigen wollten, schrie uns eine ältere deutsche Frau auf Englisch an, wir dürften nicht hereinkommen. Aber wegen solchen Erlebnissen werde ich mich nicht abschotten und sagen, dass alle Deutsche so sind. Auf der Jalsa geht es mir darum, das Spirituelle aufzunehmen und zu erfrischen. Das gemeinsame Gebet ist einfach toll. Aber auch mit Freunden darüber zu sprechen, sich gegenseitig zu motivieren. Im Alltag ist so ein Austausch schwieriger."

Durre Ajam Hübsch (30), Studienreferendarin aus Darmstadt: "Überzeugen kann man nur, wenn man sich länger begegnet."

(Bild: privat)

"Ich bin in einen Ahmadi-Haushalt geboren und deshalb schon von klein auf hier. Die Jalsa war immer schon das Highlight im Jahr. Wenn die eine Versammlung zu Ende geht, wartet man auf die nächste. Das gemeinsame Beten ist so unfassbar schön, dass ich es gar nicht in Worte fassen kann. Wenn du um vier Uhr beim Morgengebet bist, ist das einfach magisch. Jeder hat hier seine Aufgabe, die er macht und wird dadurch Teil des Ganzen. Die Leute sind alle mit Herzblut dabei. Es ist beeindruckend, wenn Leute mit Doktortitel ehrenamtlich drei Tage hintereinander die Toiletten putzen

Klar wäre es schön, wenn mehr Nicht-Ahamadis auch mal mit anderen Themen auf uns zu kommen als die üblichen Vorurteile gegen Muslime. Aber es ist auch wichtig, dass wir bei kritischen Themen ein Angebot machen. Wenn nicht wir, wer dann? Überzeugen kann man sowieso nur, wenn man sich länger begegnet. Die Leute, die hier zur offenen Tür hinein spazieren, nehmen aber zumindest eine schöne Erinnerung mit."

Was Ahmadi von anderen Muslimen unterscheidet

Während die Mehrheit der Muslime noch auf die Rückkehr des Messias wartet, war er bei den Ahmadis schon da: Ende des 19. Jahrhunderts erklärte sich in Nordindien Mirza Ghulam Ahmad zum Nachfolger des Propheten Mohammeds. Von orthodoxen Muslimen verfolgt, mussten viele Ahmadis ihre indische und pakistanische Heimat verlassen. Stärker als andere islamische Strömungen betonen sie in ihrer Theologie die Friedfertigkeit des Islam; die gewalttätigen Komponenten des Dschihad und die Todesstrafe auf Apostasie lehnen sie hingegen ab. Ihr derzeitiges geistiges Oberhaupt ist Kalif Mirza Masrur Ahmad, der im Londoner Exil lebt. 

Aniq Ahmed (26), Imam aus Reinheim: "Wenn die Leute mit unseren Frauen sprechen merken sie, dass sie nicht unterdrückt werden."

"Als Kind habe ich hier schon Wasser an die alten Herren zu verteilt. Da war ich ziemlich stolz darauf. Seitdem komme ich immer wieder gern her: die familiäre Stimmung die, Emotionalität, wenn man den Kalifen sieht, das Gefühl der Erleuchtung. Letztes Jahr bin ich mit meinem Theologie-Studium fertig geworden und arbeite jetzt als Imam. 

Wir haben eine Hotline, da können Menschen uns 24 Stunden mit ihren Fragen anrufen. Außerdem machen wir Veranstaltungen in ganz Deutschland, mit denen wir versuchen Vorurteile abzubauen und den Leuten zu zeigen, dass wir friedliche Menschen sind. Das funktioniert bei vielen – aber natürlich nur bei denen, die auch zu uns kommen. Viele trauen sich ja erst gar nicht hinein in die Moschee. Häufig gibt es Fragen nach Gewalt und Frauenunterdrückung. Aber spätestens, wenn die Leute mit unseren Frauen sprechen, merken sie, dass dieses Bild nicht stimmt."

Nida Gondal (29), Lehrerin aus Bielefeld: "Wenn nach einem Gespräch gar nichts hängen bleibt, ist man schon traurig."

Nida Gondal (links) und Rameza Bhutti auf der Jalsa.

"Ich bin hier, um Spiritualität zu tanken, aber auch, um mich nützlich zu machen. Zum Beispiel im irreligiösen Dialog. Das finde ich besonders interessant, weil man da nicht nur unter sich ist, sondern auch die Möglichkeit hat, mit Leuten zu sprechen, die keine Muslime sind oder die kritisch sind. Ein Gast hatte mal die Bibel dabei und wollte mit mir Textstellen vergleichen. Es gibt häufig kritische Fragen: übers Kopftuch, die Gleichstellung der Frau oder wie es einem denn so in Deutschland gehe. Wenn dann nach einem Gespräch gar nichts hängen bleibt, ist man schon traurig darüber, dass man die Vorurteile nicht ausräumen konnte

In den sieben, acht Jahren, in denen ich das schon mache, haben die Vorbehalte der Menschen, mit denen ich spreche, eher zugenommen. Die Offenheit war früher größer. Aber wir müssen auch nicht immer überzeugen. Wichtig ist, dass man miteinander spricht und dass unsere Stimme auch mal gehört wird."

Rameza Bhutti (22), Studentin aus Horb bei Stuttgart: "Winfried Kretschmann war noch nie da."

"Ich bin 22 Jahre alt uns solange komme ich auch schon zur Jalsa. Für mich ist es das Highlight im Jahr. Es ist schön, all diese Begegnungen zu haben und von der der spirituellen Atmosphäre zu profitieren. Man trifft auf Menschen aus Deutschland und der ganzen Welt. Es ist wie eine große Familienfeier. Für drei Tage bauen wir uns hier unsere eigene kleine Stadt auf, in der jeder ganz andere Rolle hat und fühlen uns sehr wohl dabei. Ein Stück weit ist das auch eine Flucht aus dem Alltag

Wenn nicht hier bin, studiere ich Politikwissenschaft und Soziologie. Zurzeit mache ich ein Praktikum im Staatsministerium. Es wäre natürlich toll, wenn es auch von dort mehr Akzeptanz gäbe. Jedes Jahr treffen sich 40.000 Menschen hier für eine Friedenskonferenz aber der Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann, war noch nie da. Trotzdem erfahren jedes Jahr mehr Menschen, dass es so eine Veranstaltung gibt. Ich denke, die Akzeptanz wächst. Da bin ich optimistisch."


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