Bild: dpa/Michael Kappeler
Ein Blick in das geleakte Parteiprogramm

Gerade war ich auf einer AfD-Veranstaltung. In Sachsen-Anhalts Hauptstadt Magdeburg sprach der dortige AfD-Vorsitzende André Poggenburg. Es war die letzte Großveranstaltung vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, bei der die AfD dem vorläufigen amtlichen Endergebnis zufolge mit 24,2 Prozent der Stimmen zweitstärkste Partei hinter der CDU wurde.

Poggenburg hatte kaum angesetzt, da unterbrach er, um einen Parteifreund anzukündigen: Björn Höcke, den AfD-Chef von Thüringen. Der Saal begann zu klatschen, Poggenburg eilte hinaus, um ihn abzuholen. Dann kam er allein zurück.

Dabei war Höcke bereits da: Mit gefalteten Händen wartete er draußen im dunklen Flur. Drinnen redete Poggenburg weiter. Erst, als er von einer Schicksalswahl – "nicht einer, sondern der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt" – sprach, kam Björn Höcke dazu. Später schaut er in den Saal, sagt, es fehle bislang ein Wort für "die Verbundenheit, für unsere neue Gemeinschaft, für unsere neue blaue Gemeinschaft".

"Höcke, Höcke, Höcke", steigerte sich der Saal in einen Chor.

Der Parteiheld lauernden im dunklen Flur, die Jubelrufe, die Schicksalsreden: Das alles kam mir vor, als werbe hier keine Partei um Stimmen, sondern eine religiöse Bewegung um Jünger.

Wenig später gelangte ein Entwurf für das Parteiprogramm der AfD an die Öffentlichkeit – und mir wurde einiges klar. (Hier eine Kopie bei correctiv.org) Bislang hat die Partei kein richtiges Programm, nur eine kurze Programmatik im Netz und viel Wut auf den Marktplätzen dieser Republik.

In Bildern. Das steht im Parteiprogramm:
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Nun gibt es die AfD schwarz auf weiß. Und sie ist in meinen Augen tatsächlich keine Partei mehr: Sie ist eine Sekte.

"Zusammengefunden haben wir uns als Bürger mit unterschiedlicher Geschichte und Erfahrung. [...] Das geschah in dem Bewusstsein, dass es an der Zeit war, ungeachtet aller Unterschiede, gemeinsam zu handeln."

Die Partei beschwört eine Gemeinschaft, die Auffangbecken für alle ist und gemeinsam gegen das Böse ankämpfen will. Das Böse ist hier die Regierung, "deren selbstherrliche Willkür sind wir nicht länger bereit hinzunehmen". Und die, die nach Erlösung suchen, verweigern sich "dem Weg in die Knechtschaft".

So geht es weiter. Die AfD erzeugt ein Wir gegen Die. Wir sind freie Bürger, die die Wahrheit kennen – also erleuchtet wurden. Die sind eine "machtvolle politische Führungsgruppen" der Parteien eines "übermächtigen Bevormundungs- und Ideologie-Staats", sind Bürger, die nicht an die AfD glauben. Im Parteiprogramm heißen sie "Untertanen".

In ihren Reden ist die AfD noch deutlicher: Parteien und Medien werden als "System" bezeichnet, als gebe es eine Allianz aus beiden, die Deutschland kontrolliert. Wer das erkannt hat, der soll ich der Wahrheit zuwenden und kämpfen. Alexander Gauland, stellvertretender Sprecher der AfD, empfiehlt, die Parteien zu "zersetzen", so dass sie "nicht mehr in der Lage sind, deutschfeindliche Politik zu betreiben".

In Bildern. Die Akteure der Neuen Rechten:
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Solche Sprüche ziehen bei den Anhängern. Unter vielen hat sich längst ein Gefühl der Hilflosigkeit, des Abgehängtseins eingestellt. "Die da oben" machen Politik für sich, der Bürger bleibt ohne Halt zurück. Auch Sekten fischen gerne unter den Verzweifelten, versprechen neuen Halt und Geborgenheit in der Gemeinschaft.

Ein 19-Jähriger im Saal in Magdeburg hat Angst: "Das Handeln der Bundesregierung ist natürlich total inakzeptabel. Man lässt einfach fremde Leute hier rein und weiß noch nicht mal, wer sie sind. Alle Parteien ziehen da mit, alle stehen für dasselbe." Von der AfD erhofft er sich nun schärferes Durchgreifen. "Die NPD ist für mich da ultrarechts, da ist die AfD schon ein guter Kompromiss."

Ein Mädchen, 17 Jahre alt, ist mit Blick auf Flüchtlinge besorgt, "was da so alles reinkommt". Ein anderer junger Anhänger sagt, er sei Unternehmer und bei ihm sei schon "versucht worden, einzubrechen". Ein anderer sagt: "Die AfD hat Mut dazu, das zu sagen, was andere nicht so in den Mund nehmen würden."

Die AfD wird wieder Ordnung in das irdische Chaos bringen.

Zurück zu Björn Höcke und seinem Auftritt in Magdeburg. Wie quasi-religiös die AfD auf mich wirkt, wird vor allem bei seinen Reden deutlich. Als er auf der Wahlveranstaltung in Sachsen-Anhalt sprach, empfahl er seinen Jüngern schließlich biblische Bilder:

"Während ihr wie Löwen für euer Land kämpft, kämpfen die alten Kräfte wie Schlangen gegen euch."

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