Gedanken einer Russlanddeutschen

Jahrelang musste ich erklären, was es eigentlich bedeutet, "russlanddeutsch" zu sein. Zwischen zwei Kulturen zu stecken, nicht vollständig Deutsch, aber auch nicht Russisch. Seit ein paar Wochen muss ich das nicht mehr, denn die meisten haben jetzt ein Bild im Kopf: Das sind doch die, die auf die Straße gehen, um gegen Flüchtlinge zu protestieren. Die, die sich von dem russischen Fernsehen aufhetzen lasen. Die, die sich für die besseren Migranten halten und von der AfD umworben werden.

Waren wir nicht seit mehr als zwei Jahrzehnten politisch nahezu unsichtbar? Kaum auffällig? Und gut integriert? Laut einem Bericht des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge von 2013 haben wir eine relativ hohe schulische und berufliche Ausbildung, die Arbeitslosigkeit bei Russlanddeutschen ist gering, die Kriminalitätsrate rückläufig und kaum noch erhöht (Bericht als PDF).

In Nürnberg versammelte sich im Februar die Bürgerinitiative "Sichere Heimat" zu einer Kundgebung. Nach Angaben der Initiatoren stehen hinter der Initiative größtenteils Russlanddeutsche.

Ich möchte verstehen, warum seit Jahresbeginn russlanddeutsche Gruppen protestieren. Deswegen rede ich mit meiner Familie und mit Bekannten, verschlinge alle Nachrichten dazu.

So wie Berichte über den Fall des russlanddeutschen Mädchens, das in Berlin entführt und missbraucht worden sein soll. Es gab viele Gerüchte, wenig Fakten. Russische Medien berichteten, Asylbewerber seien die Täter. Sogar der russische Außenminister Sergej Lawrow warf den deutschen Behörden vor, die Realität in diesem Fall zu verheimlichen. In mehreren Städten versammelten sich daraufhin Russlanddeutsche, um gegen Flüchtlinge zu demonstrieren – teilweise gemeinsam mit Pegida und der AfD. Zwei Wochen später gestand das Mädchen, die Geschichte erfunden zu haben (SPIEGEL ONLINE).

Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl besucht in Stuttgart das 26. Bundestreffen der Russlandddeutschen (Bild: dpa )
In Russland wurden sie immer als Deutsche gesehen – in Deutschland gelten sie als Russen.

Wie kann das sein, dass eine Menschengruppe, die selbst vor Jahren zugewandert ist, für rechtspopulistische Parteien plötzlich so interessant geworden ist? Bisher galten Russlanddeutsche eher als apolitisch und tendenziell den Unionsparteien zugewandt. Jannis Panagiotidis, Migrationsforscher von der Uni Osnabrück sagt: "Unter der Kohl-Regierung wurden die Russlanddeutschen nach Deutschland geholt." Dafür seien Spätaussiedler der CDU heute noch dankbar. Zudem seien viele Russlanddeutsche sehr konservativ eingestellt.

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Aufgrund ihrer deutschen Vergangenheit sind die meisten Russlanddeutschen sehr stolz auf ihre Identität. Meine Familie mütterlicherseits ist beispielsweise vor mehr als zweihundert Jahren aus Süddeutschland in den Kaukasus ausgewandert, dort lebte sie in einer deutschen Siedlung. Während des zweiten Weltkriegs wurden alle deutschstämmigen Einwohner nach Sibirien und Kasachstan deportiert – wo sie ihre deutsche Kultur und Tradition zum großen Teil bewahrten. Anfang der Neunzigerjahre siedelten meine Großeltern wieder um, diesmal nach Deutschland. So oder sehr ähnlich sind die Familiengeschichten auch bei den rund anderen 2,5 Millionen Russlanddeutschen. Das verbindet.

Während viele Russlanddeutsche meiner Generation entweder schon in Deutschland geboren wurden oder den größten Teil des Lebens hier verbracht haben, erlebten unsere Eltern und Großeltern einen starken Identitätsbruch. In Russland wurden sie immer als Deutsche gesehen – in Deutschland gelten sie als Russen. Den Traum vom Deutschsein im eigenen Land erfüllte sich nicht sofort, sie mussten dafür arbeiten.

Aufgrund dieser Geschichte bestehen viele Russlanddeutsche auf das "Deutschsein", manche mehr, manche weniger. Sie betrachteten ihren Hintergrund häufig als Berechtigung in Deutschland zu sein, bestätigt Panagiotidis.

Ein Migrationshintergrund macht nicht zwingend toleranter.
Jannis Panagiotidis, Migrationsforscher

Diesen Identitätsstolz versuchen viele rechte Parteien für sich zu nutzen: Seit 2008 gibt es einen eigenen Arbeitskreis in Zusammenarbeit mit den "Russlanddeutschen Konservativen" für Russlanddeutsche in der NPD. Die Partei wandte sich im Sommer 2003 mit Flugblättern an "alle deutschen Brüder und Schwestern aus Rußland!" Darauf die Aufforderung: "Kommt zu uns und kämpft mit uns zusammen für ein Deutschland, das wieder so wird, wie es unsere Väter einst kannten." Nicht allen in der NPD gefiel das, manchen fehlte das "Germanen-Gen". (Mehr dazu schreibt den Artikel von die Soziologin Tatiana Golova im Band "Zuhause fremd. Russlanddeutsche zwischen Russland und Deutschland" ab S. 241.)

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Inzwischen umwirbt eben auch die AfD die Russlanddeutschen: Schon 2014 übersetzte sie ihr Wahlprogramm auf Russisch und mischt bei den Protesten der Russlanddeutschen mit. So begrüßte sie zum Beispiel bei einer Kundgebung in Thüringen die Teilnehmer auch auf Russisch ("Die Welt").

Panagiotidis sagt: "Russlanddeutsche haben ein Profil, das auf viele AfD-Wähler zutrifft und auch potentiell für die AfD interessant ist. Sie sind ehemalige CDU-Wähler und Nicht-Wähler und häufig sozial-schwächer gestellt." Er vermutet, dass die CDU sich zuletzt nicht mehr so stark um die Interessen der Russlanddeutschen gekümmert hat – das habe die AfD erkannt.

Oskar Lafontaine war 1996 noch SPD-Chef, später wechselte er zur Partei Die Linke.

Nur weil die AfD um die Russlanddeutschen wirbt, heißt es natürlich nicht, dass die auch darauf eingehen. Und trotzdem: Viele haben offenbar tatsächlich Angst vor weiterer Zuwanderung, dabei sind sie doch selbst zugewandert. Warum? Sie haben doch diese Form der Ablehnung selbst erlebt, als in den Neunzigerjahren jährlich mehr als 100.000 Russlanddeutsche ins Land kamen. Unter anderem sagte der damalige SPD-Chef Oscar Lafontaine 1996, Russlanddeutsche würden Wohnungen für deutsche Sozialfamilien wegnehmen, sie würden direkt in die Arbeitslosigkeit geholt werden "und die Sozialkassen belasten" (DER SPIEGEL).

Panagiotidis wundert das nicht. Er sagt: "Ein Migrationshintergrund macht nicht zwingend toleranter." Das gelte oft auch für andere Migrationsgruppen: "Durch die Abgrenzung zu neuen Zuwanderern wird auch eine Art Angekommen-sein signalisiert."

Mich beunruhigt, wie die AfD um die Russlanddeutschen buhlt – und mich besorgt, wenn sie darauf eingehen und damit als "die Russlanddeutschen" wahrgenommen werden. Gleichzeitig beruhigt mich, dass sich zum Beispiel die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland, der größte Interessenverband der Russlanddeutschen, explizit von den Demonstrationen der vergangenen Wochen distanziert. Hinzukommen die unzähligen Russlanddeutschen, die sich beispielsweise für Geflüchtete einsetzen. Nur fallen sie nicht als Russlanddeutsche auf, weil sie einen deutschen Nachnamen haben und deutsch ihre Muttersprache ist. So wie bei mir zum Beispiel. "Die" Russlanddeutschen gibt es nun mal nicht.

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