Ich bin jetzt Melanie, 54, wohne in Sachsen-Anhalt, bin verheiratet, Mutter und habe Angst vor dem Islam.

Ihr kennt sie, die Screenshots auf Facebook, in denen Menschen Hasstiraden absondern – über Flüchtlinge zum Beispiel oder Angela Merkel. In meinem Facebook-Umfeld kommt so etwas allerdings nie vor. Wo kann man diese Leute treffen? Wie kommt man in diese Kreise, um Rassismus und Hatespeech zu erleben?

Um einen Eindruck zu gewinnen, habe ich Anfang vergangener Woche das Fake-Profil "Melanie" ins Leben gerufen: Melanie ist 54 Jahre alt, wohnt in Sachsen-Anhalt, ist verheiratet, Mutter und hat Angst vor dem Islam. Und Melanie hat sich auf die Suche gemacht, um Gleichgesinnte auf Facebook zu finden. Sie hat sie gefunden.

Ich habe mir keine große Mühe bei Melanie gegeben: eine Deutschlandflagge als Header und eine Katze als Profilbild – fertig war mein "besorgtes" Alter Ego. Damit erhoffte ich mir, in einschlägige Facebook-Gruppen eintreten zu können. Hat funktioniert. Das war aber noch nicht alles: In nicht einmal 24 Stunden hatte Melanie 103 neue Facebook-Freunde. Sie wurde angeschrieben, angeflirtet, direkt in den Kreis der Unterstützer mit reingezogen. Beziehungsweise: Ich wurde reingezogen. Ich bin Melanie.

Die schweren Zeiten. Der Zusammenhalt. Wir Patrioten. Angst haben sie, Angst haben sie alle. Die Frauen trauen sich ohne ihre Männer nicht mehr aus dem Haus. Alle wollen sich Hunde anschaffen, ich werde gefragt, ob ich auch immer mein Pfefferspray dabei habe. Ja, sage ich, und dass ich mir einen großen Hund kaufen wolle. Mein Mann sei oft auf Montage, erzähle ich. Daraufhin bekomme ich Tipps zu Hunderassen und auch Hinweise, wie ich meinen vierbeinigen Begleiter in eine scharfe Waffe verwandeln könne.

Fotostrecke: Was "Melanie" auf Facebook entdeckt hat
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Die vertrauensseligen Rechten

Die Menschen, die mir dort begegnen, sind überraschend offen. Sofort werde ich von allen akzeptiert und integriert, obwohl ich fremd bin. Zur Erinnerung: Es geht hier um Menschen, die Angst vor Ausländern haben und sich nicht mehr unbewaffnet auf die Straße trauen. Diese Menschen erzählen mir – Katzenprofilbild mit Deutschlandflagge und Menschennamen – sofort unglaublich private Details. Von sich aus. Ohne, dass ich nachgefragt habe. Es ist die regelrechte Erleichterung: Juhu, wieder eine von uns. Eine wie wir. Wir sind das Volk! Wir sind viele! Und wir sind alle Freunde.

Anja erzählt, dass ihr Sohn bei der Bundeswehr sei. Wir sprechen über das Loslassen von Kindern, die Leere, die zurückbleibt, wenn sie aus dem Haus sind. Dass man dann oft einsam ist. Dass man Angst hat, allein im großen Haus. "Als er nach Mali musste, hatte ich große Angst", schreibt sie. Ich fühle mich ein bisschen schuldig. Niemals hätte ich damit gerechnet, dass sich mir die Menschen so schnell so naiv und blauäugig öffnen. Sie schwanken irgendwo zwischen Angst vor allem Fremden und einer grenzenlosen Gutmütigkeit Menschen gegenüber, die Deutsch sind.

Anja schickt mir Fotos von ihrer Familie und ihren Hunden. Ich stelle fest: Diese Frau ist mir nicht unsympathisch. Wie jemand, den man kennt. Sie könnte eine Freundin meiner Mutter sein – sie mag lustige Facebook-Sprüche und -Spiele. Sie scheint ein netter, harmloser Mensch zu sein, der ein bisschen Angst hat. Dennoch: Ihre Facebook-Seite ist voll mit rechten Verschwörungstheorien, ihre öffentliche Gruppenliste ist einschlägig. Hinzukommen jene versteckten, gewalttätig rechten Gruppen, die sie im öffentlichen Profil verbirgt.

Ich halte mich zurück. Ich möchte nicht, dass diese Leute denken, wir seien Freunde. Ich möchte sie nicht emotional betrügen, ich möchte nur wissen, was in diesem dunklen Bereich Facebooks abgeht. Daher konzentriere ich mich auf Gruppen und meine Timeline – private Konversationen versuche ich zu meiden. Die Facebook-Gruppen heißen: Heimatliebe, Merkel muss weg, Volksabstimmung, Absetzung Bundesregierung, Deutschland den Deutschen, Wir sind das VOLK.

Es gibt Hunderte Gruppen und die meisten haben Tausende Mitglieder. Melanie ist passiv. Melanie liest, statt zu posten. Was sie dort findet, rangiert von milde abgedreht bis zum gewalttätigen, rechten Rassismus. Ihre Facebook-Freundin Anja liebt Russland und Putin. Und: Sie hasst Angela Merkel. Diese ist die Gallionsfigur des Hasses – ein Feindbild, in dem sich all die Wut und der Abscheu einer großen Gruppe Enttäuschter, Verlierer und Abgehängter bündeln. Anjas und Melanies gemeinsamen Freunde wünschen der Kanzlerin teilweise den Tod.

Der Hass schlaucht mich langsam

Ich merke, wie ich es schon ab dem zweiten Tag immer anstrengender finde, mich in Melanies Account einzuloggen. Meine mehr als 100 Facebook-Freunde posten wie im Wahn Artikel um Artikel, Bild um Bild. Das Thema ist immer dasselbe: Die AfD ist toll, Merkel muss weg. Privates posten sie fast gar nicht, es geht immer nur um den Hass gegen die Bundesregierung.

Ich fühle mich zunehmend niedergeschlagen beim Scrollen durch die Timeline. Diese Menschen sind nur damit beschäftigt, Angst zu erzeugen und aufzuwiegeln. Und es sind viele. Sie versuchen, mich als neues Lämmchen in der Herde einzunehmen und aufzuputschen. Es zieht mich emotional runter, es nagt an mir, es schafft mich. Ich hätte nicht gedacht, dass mir das so nahe gehen wird.

Ich mag Anja. Ich würde ihr gerne erklären, dass die meisten ihrer Ängste nicht nötig sind. Dass sie sich diese Sorgen gar nicht machen müsste. Ich kann jedoch nicht aus meiner Rolle fallen – auch, weil ich denke, dass viele dieser Menschen tatsächlich gefährlich sind. Anja vielleicht nicht, aber Klaus, der gerne mal einen Flüchtling verprügeln würde und Messer sammelt. Ich möchte nicht auffliegen. Ich lese:

Meinungsfreiheit existiert nicht! Man darf nicht einmal mehr zehn kleine Negerlein singen! Merkel ist wie Hitler, sie unterdrückt das Volk! Meinungsdiktatur! Gutmenschengeklüngel! Merkeldiktatur! Gesinnungsterror! Frau Petry for Kanzlerin!

Ich bekomme Kopfschmerzen.

Der organisierte Widerstand

Widerstand. Noch so ein Wort, das dauernd fällt. Widerstand gegen die Merkel-Diktatur. Widerstand gegen den "linksgrünversifften Gutmenschenterror durch die BRD GmbH". Ganz vorn dabei ist mein Facebook-Freund Peter. Auf einer Skala von 1 (Besorgte Omi auf Pegida-Demo, wegen der Rentenkürzung) bis 10 (NSU-Mitglied) ist dieser Mann auf jeden Fall irgendwo zwischen 8 und 9 anzusiedeln. Das Gewaltpotential ist da. Ein Mensch, dem man nicht im Dunkeln begegnen will. Eigentlich will man ihm nie begegnen. Er macht mir Angst.

Peter postet circa 40- bis 50-Mal am Tag auf Facebook und engagiert sich aktiv im "Widerstand".

Er scheint außerdem die rechte Demo am Samstag vor dem Reichstag irgendwie mit organisiert zu haben. "Sturm auf den Reichstag" nannte er es. Die zuständigen Beamten waren überrascht von der hohen Teilnehmerzahl (sueddeutsche.de). Das hat mich gewundert: In den einschlägigen Gruppen wurde alles im Voraus sehr groß angekündigt.

Ich dachte eigentlich, dass die Polizei ebenfalls in diesen Gruppen unterwegs ist. Man hätte es wissen können, hätte man da einen Blick hineingeworfen, denke ich.

Ich weiß nicht, wo alle diese Energie für ihren Hass hernehmen, verstehe nicht, woraus er gespeist wird. Betrachte ich meine neuen Facebook-Freunde, sind es Menschen aus eher ländlichem Raum mit tendentiell geringer Bildung. Ein Arzt ist dabei. Geldnot scheinen die meisten nicht zu haben, viele besitzen ein Eigenheim und ein bis zwei Autos. Fotos von Carports und Jägerzäunen werden in meine Timeline gespült. Aber Besitz kann man verlieren, das macht auch verletztlich. Arbeitslose und "Okay-Verdiener" reichen sich hier die Hand verbunden im Hass.

Und dann ist da eben noch die Sache mit den Frauen. Das Bild des vergewaltigenden und überpotenten Muslim hält sich hartnäckig. Man findet Fotos in den Gruppen, in denen hellhäutige und blonde Frauen mit Männern mit afrikanischen Wurzeln tanzen. Die Bildunterschriften lauten "Rassenschande" oder "Das ist keine Frau, sondern eine Schlampe". Die Angst, dass fremdländische Männer uns die deutschen Frauen wegnehmen.

Das alles ist so absurd wie die kruden Verschwörungstheorien. Ich möchte zurück in meine Welt, in meine Filterbubble aus toleranten, weltoffenen Menschen, eine Filterbubble aus Künstlern, Politikern und meinen Freunden. Menschen, vor denen ich keine Angst habe.

Das wahre Gesicht der AfD? Eine Verschwörung

In Melanies Facebook-Gruppen machte sich vor den Landtagswahlen schon seit Tagen freudige Erwartung breit. Viele wollten die AfD wählen. Dabei kennen sie das Wahlprogramm kaum, sondern nur die Flüchtlingspolitik. Ist auch egal, Merkel muss weg, wer hat denn da Zeit für Details?

Das gemeinnützige Recherchezentrum Correctiv hat auf seiner Facebook-Seite das bisher unter Verschluss gehaltene Wahlprogramm der AfD veröffentlicht:

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Für mich liest sich das Programm ziemlich schlimm. Falls meine neuen Freunde es doch kennen, verstehen sie es entweder falsch oder sind der "Merkel-Propaganda" komplett verfallen. Wenn wir jetzt nichts täten, wachen wir bald in der Scharia auf!

Ich bin müde. Melanie ist auch müde. Es ist Sonntag und ich muss zwei Vorträge vorbereiten. Ich logge mich aus. Tschüs Melanie. Tschüs Anja. Tschüs Peter.

Dieser Text ist zuerst auf La Vie Vagabonde erschienen. Die Namen der erwähnten Personen wurden geändert.

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