Bild: Privat

Unbekannte schmierten rassistische Botschaften an die Wände der Kulturfabrik Kampnagel in Hamburg. Identitäre störten Veranstaltungen im Berliner Gorki Theater. Und die AfD plädiert immer wieder in den Parlamenten des Landes für Kürzungen der finanziellen Mittel für Institutionen, die sich kritisch mit der Partei auseinandersetzen.

Die Kulturschaffenden haben genug davon: Mit der Initiative "die Vielen" wollen sie sich gegen Rechts stellen. 

"In diesem Land wurde schon einmal Kunst als entartet diffamiert und Kultur flächendeckend zu Propagandazwecken missbraucht. Millionen Menschen wurden ermordet oder gingen ins Exil, unter ihnen auch viele Künstler*innen", schreiben sie in ihrer "Erklärung der Vielen". Darin solidarisieren sich die Unterstützer mit Menschen in der Kunst- und Kulturlandschaft und deren Institutionen, die von rechten Positionen angegriffen und infrage gestellt werdern.

"Wir wehren die illegitimen Versuche der Rechtsnationalen ab, Kulturveranstaltungen für ihre Zwecke zu instrumentalisieren“, heißt es darin. Mehr als 500 Einrichtungen sind deutschlandweit dabei.

So versucht die AfD, Kultureinrichtungen juristisch anzugreifen

Kultureinrichtungen wie Theater oder Kreativzentren werden in ihrer künstlerischen Freiheit angegriffen. Der Weg führt auch über Gerichte: 

  • So klagte AfD-Politikerin Beatrix von Storch gegen das Stück "Fear", weil Fotos von ihr zu sehen waren. 
  • In Paderborn zeigte der AfD-Kreisverband das Theater wegen Verleumdung und Volksverhetzung an. Der Grund: Im Spielzeit-Heft waren Wahlergebnisse der NSDAP und der AfD gegenübergestellt. 
  • Die künstlerische Leiterin der Hamburger Kulturfabrik Kampnagel, Amelie Deuflhard, wurde von der AfD unter anderem wegen Schlepperei und eines Verstoßes gegen das Ausländergesetz angezeigt – weil Ende 2014 auf dem Gelände ein künstlerischer Aktionsraum für Flüchtlinge entstand. (Donaukurier

Wir haben junge Kulturschaffende gesprochen. Wie nehmen sie die Einflussnahme wahr? Und wie gehen sie künstlerisch damit um?

Rebecca Ajnwojner, 27, Dramaturgin am Gorki Theater

(Bild: Privat)

Bereits 2016 störten Anhänger der sogenannten Identitären Bewegung eine Diskussion über Glaubensfragen (taz). Auch in jüngster Zeit tauchen immer wieder Hassbotschaften auf den Social-Media-Plattformen des Theaters auf, sagt Dramaturgin Rebecca Ajnwojner. Von wem sie stammen, könne man oft nicht genau nachvollziehen. Von Seiten der AfD gibt es immer wieder Kritik am Gorki Theater, sie führten einen "Gesinnungskampf gegen die Freiheit Andersdenkender". So nennt es Hans-Joachim Berg, Mitglied des Kulturausschusses im Abgeordnetenhaus von Berlin. Gleichzeitig setzt er sich für die Kürzung öffentlicher Mittel für das Theater ein.

"Meine Kolleginnen, Kollegen und ich befinden uns in dem Dilemma, einerseits reagieren zu müssen und andererseits den Störerinnen und Störern nicht zu viel Aufmerksamkeit schenken zu wollen. Dann hätten sie ja gewonnen. Stattdessen versuchen wir Wege zu finden, für die Demokratie und die Freiheit der Kunst einzustehen. Sei es über die Organisation einer Demo, einer Aktion oder Diskursveranstaltungen.

Zum Beispiel haben wir das Exil Ensemble gegründet, um neu angekommene Künstlerinnen und Künstler einzuspannen, die in Deutschland im Exil leben. Wir stellen uns auch immer wieder die Frage: Was wird nicht erzählt, weil es bisher nicht beachtet wurde? Und wie können wir diese Geschichten umsetzen? Wir verstehen uns als Stadttheater und das heißt, die Themen, die die Menschen hier beschäftigen, beschäftigen uns auch. 

Wenn die AfD im Berliner Kulturausschuss behauptet, das Gorki Theater betreibe einen politischen Kulturkampf und stelle die Kunst in den Dienst einer einseitigen politischen Agenda, dann ist das schlichtweg eine Täter-Opfer-Verkehrung: Sie spricht uns den Kunst-Status ab, unsere Freiheit und unseren Auftrag, Kritik zu üben. Dabei will die AfD Botschaften streuen, indem sie Gelder bei uns streichen will, weil ihr nicht gefällt, was wir zu sagen haben."

Rebecca Reuter, 32, Dramaturgin am Staatstheater Mainz

(Bild: Stefano Di Buduo)

Mitte Dezember hatte der stellvertretende AfD-Fraktionsvorsitzende Joachim Paul im rheinland-pfälzischen Landtag beantragt, dass keine Kulturprojekte mit Landesmitteln gefördert werden sollten, die sich mit öffentlichen Aktionen gegen seine Partei stellen. Alle anderen Parteien hielten dagegen.

Bereits 2015 machte das Staatstheater in Mainz mit einer Protestaktion gegen die AfD auf sich aufmerksam, als es auf dem Balkon "Ode an die Freude" sang, während vor den Türen eine Kundgebung der Rechtspopulisten stattfand. Daraufhin erreichten das Theater zahlreiche Hassmails. "Ihr seid widerlich, ihr seid eine Schande für eure Vorfahren und für eure Kinder", hieß es darin oder: "Sie haben nichts aber auch gar nichts verstanden, vergnügen sie sich mit Steuergeldern und spielen alle die verlogenen Gutmenschen, die sie aber eben nicht sind."

"Die politische Entwicklung und die Haltung dieser Partei empfinden wir als gefährlich, natürlich reden wir auch mal beim Mittagessen darüber. Das bedeutet aber keinesfalls, dass wir davon auch nur geringfügig eingeschüchtert sind oder zulassen, dass es unseren Alltag beherrscht. Diese Entwicklung beschäftigt uns vor allem in der inhaltlichen und künstlerischen Auseinandersetzung, aber nicht in emotionalen Angstdebatten.

Wir setzen uns vor allem im Spielplan mit dem Rechtsruck auseinander. Ein Beispiel: Der Landtag in Mainz wird derzeit saniert, deshalb ist das Parlament ins Landesmuseum umgezogen, um dort zu tagen. Wir haben das zum Anlass genommen, ein Theaterstück zu konzipieren, dass sich mit der Frage beschäftigt: Gehört die Demokratie ins Museum? In dem Stück kommen Ansichten aller Parteien zu Wort – auch die Zitate der AfD. Auch wenn wir keine der Parteien beim Namen nennen. Es geht uns schließlich darum, Denkanstöße zu geben und nicht darum, zu sagen, wie jemand zu denken hat.

Das Theater kann sicherlich einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dass wir trotz verschiedener politischer Ansichten ins Gespräch kommen. Wir können Emotionen ansprechen, Utopien und Dystopien erproben, Denkimpulse geben, damit die Menschen sich einbringen, wieder mündiger werden. Denn ich glaube, was wichtiger denn je ist: Wir dürfen nicht allen Politikern die Generalschuld an allem geben, die Verantwortung eines Bürgers hört nicht an der Wahlurne auf."

Die Initiative "die Vielen"

Mittlerweile gibt es Erklärungen der Vielen aus Hamburg, Dresden und NRW. In der ersten aus Berlin heißt es: "Als Aktive der Kulturlandschaft in Deutschland stehen wir nicht über den Dingen, sondern auf einem Boden, von dem aus die größten Staatsverbrechen der Menschheitsgeschichte begangen wurden. In diesem Land wurde schon einmal Kunst als entartet diffamiert und Kultur flächendeckend zu Propagandazwecken missbraucht. Millionen Menschen wurden ermordet oder gingen ins Exil, unter ihnen auch viele Künstler*innen. ... Unsere Gesellschaft ist eine plurale Versammlung. Viele unterschiedliche Interessen treffen aufeinander und finden sich oft im Dazwischen. Demokratie muss täglich neu verhandelt werden – aber immer unter einer Voraussetzung: Es geht um Alle, um jede*n Einzelne*n als Wesen der vielen Möglichkeiten!"

Alina Buchberger, 28, Referentin der Intendantin, Kampnagel in Hamburg

(Bild: Privat)

Im vergangenen Sommer tauchten auf dem Gelände von Kampnagel, einem Veranstaltungsort für zeitgenössische darstellende Künste in Hamburg, vermehrt ausländerfeindliche Graffitis auf. "Refugees fuck off" war dort zu lesen und, auf Arabisch, "Geht zurück nach Hause". Kampnagel reichte Anzeige ein. Die Polizei ermittelte stattdessen wegen Sachbeschädigung, konnte die Täterinnen oder Täter aber nicht ausfindig machen, die Anzeige wurde eingestellt.

Auch deshalb schloss sich das Kampnagel-Team der Kampagne der "Vielen" an, initiierte eine Hamburger Erklärung. Wenig später reichte die AfD-Fraktion in der Hamburger Bürgerschaft große Anfrage ein, in der sie unter anderem die Gemeinnützigkeit von Kampnagel infrage stellt (AfD).

"Diese Graffitis richten sich gegen viele Freundinnen und Freunde von mir. So ein Graffiti an der Eingangstür macht mich wütend, wir diskutieren im Team darüber, reagieren aber gelassen: Alle halten die Augen offen und wir überkleben die Hassbotschaften mit unseren eigenen Stickern. 

Die AfD bereitet einen Nährboden für eine rassistische, aber auch für homophobe, transphobe und antifeministische Diskussionskultur. Sie versucht, eine völkisch-nationale Kultur zu etablieren und bestimmten Gruppen ihre Rechte abzusprechen.  

Alles, was sich 'links' von der AfD positioniert, wird als 'linksextrem' betitelt. Dann wäre ich auch extrem, in meinem Selbstverständnis empfinde ich mich aber klar als Teil der Mitte der Gesellschaft.

Wir setzen uns auf Kampnagel selbstverständlich für eine vielfältige Gesellschaft ein. Dazu positionieren wir uns klar mit unserem Programm. Zum Beispiel habe ich im Dezember eine Podiumsdiskussion über das Erbe des deutschen Kolonialismus organisiert. Das Wissen über die Kolonialgeschichte wird in der Erinnerungskultur verdrängt, dabei ist es absolut notwendig, um historische und gegenwärtige Strukturen des Rassismus zu verstehen und zu bekämpfen. Ich finde es wichtig, den Aktivist*innen und Wissenschaftler*innen zuzuhören, die seit Jahrzehnten an Produktion und Sichtbarkeit dieses Wissens arbeiten. 

Als Kunstinstitution haben wir die Möglichkeit  mit unserem Programm auch die Perspektiven stark zu machen, die sonst unterrepräsentiert sind.“

Leonie Kusterer, 31, und Elisabeth Krefta, 32, arbeiten seit September im Bereich Programm am Europäischen Zentrum der Künste Hellerau, Dresden. 

Aus Berlin und München zogen sie nach Dresden. So erleben sie die Stimmung:

"Pegida ist immer noch ein großes Thema. Als wir kürzlich montags durch die Stadt spazierten, haben wir die Demonstrantinnen und Demonstranten wieder bewusst wahrgenommen. Es gibt Orte in Dresden, da möchte man als weltoffener Mensch lieber nicht hingehen, in anderen Bezirken sieht es dann wieder komplett anders aus. Wir nehmen die Gegenbewegung zals groß und lauter wahr. In der "Dresdener Erklärung der Vielen" ist explizit genannt, dass wir uns gegen Pegida aussprechen.

Wir verstehen unsere Institution als Schutzraum für die Demokratie. Es gab eine Veranstaltung, die sich mit den Kriegserlebnissen im Ersten Weltkrieg auseinandergesetzt hat, ein anderes, das sich mit Fluchtgeschichten aus mehreren Perspektiven bschäftigte, auch feministische Themen sind uns wichtig. 

Was politisch auf uns einprasselt, versuchen wir gemeinsam künstlerisch umzusetzen. Dabei geraten wir unter den Kollegen und Kolleginnen nicht aneinander, weil wir uns einig sind, dass wir ein weltoffenes Haus sind. Wenn die AfD Theater oder Kultureinrichtungen als links bezeichnet, verstehen wir das nicht. Diesem Rechts-Links-Denken möchten wir uns als Institution entziehen. Es geht uns vielmehr darum, demokratisch zu sein – in unseren Workshops und kulturellen Angeboten achten wir darauf, Schutzraum zu sein und trotzdem offen zu bleiben."


Today

So gut feiert "Saturday Night Live" die neuen starken Frauen im US-Kongress ab

Der US-Präsident Donald Trump ist für frauenverachtende Sprüche bekannt, unter anderem dem, wir er Frauen "an die Pussy" grabschen würde, und beschränkt – seit er im Amt ist – immer wieder Frauenrechte. Unter anderem mit einem Gesetz für weniger Selbstbestimmung bei Abtreibungen oder einer heimlichen Neudefinition dessen, was als häusliche Gewalt gilt.

Donald Trumps Politik dürfte einer der Gründe sein, warum im aktuellen US-Kongress so viele Frauen wie noch nie zuvor sitzen.

Insgesamt 102 Frauen sind es – zwar immer noch nur ein Viertel aller Abgeordneten, aber dennoch mehr als in den bisherigen Legislaturperioden. Darunter sind offen lesbische Politikerinnen, die ersten indigenen Abgeordneten, die ersten Frauen, die Kopftuch tragen. (bento)

Erst kürzlich haben sie bei Trumps Rede zur Lage der Nation gezeigt, dass sie sich ihren Platz im US-Kongress erobert haben – und nicht wieder hergeben wollen. Mit einem subtilen Outfit – alle trugen weiß wie einst die Suffrageten – machten sie auf die Wichtigkeit von Frauenrechten aufmerksam.

Die Suffrageten waren Frauenrechtlerinnen, die Anfang des 20. Jahrhundertes für ein allgemeines Wahlrecht demonstriert hatten. Bis dahin durften in Großbritannien und den USA nur Männer wählen. 

Die Comedyshow "Saturday Night Live" hat die Politikerinnen in weiß nun mit einem besonderen Sketch gewürdigt – und sie zu Action-Heldinnen gemacht.

"Saturday Night Live" war früher für albernen Slapstick bekannt, seit Donald Trump im Amt ist, wird das Format jedoch deutlich politischer. Der Schauspieler Alec Baldwin schlüpft regelmäßig in die Rolle des US-Präsidenten, spielt ihn als dümmlichen Tumbling. Andere Schauspieler und Komiker von Matt Damon über Ben Stiller bis hin zu Kate McKinnon übernehmen ebenfalls Rollen aus dem Weißen Haus.

Nun treten eine ganze Reihe von Schauspielerinnen an, um die neuen Politikerinnen zu mimen. Der Clip wirkt wie ein Intro zu einer Actionserie aus den Siebzigern, wie ein A-Team für Abgeordnete. "Sie mögen weiß tragen, aber sie sind nicht alle weiß", ruft die Stimme aus dem Off – dazu kickboxen sich die Politikerinnen Ilhan Omar, Alexandria Ocasio-Cortez und Maxine Waters durchs Bild.

Allerdings geht es nicht nur um Politik. Sondern um Dinge, die jede Frau immer noch erfahren muss: Geringschätzung, fehlende Gleichbehandlung im Job, schwierige Aufstiegschancen. "Am Anfang waren sie Frauen", sagt die Stimme, "dann waren sie Frauen, die die Schnauze voll hatten". Und dann eben Frauen, die die Dinge selbst in die Hand nehmen.

Hier kannst du den "Saturday Night Live"-Clip mit den "Congress Women" sehen: