Bild: dpa / Martin Schutt

Die AfD geriert sich als Anti-Flüchtlingspartei, flirtet mit Pegida – und hat offenbar Erfolg damit: In einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Insa gewinnt die Partei einen halben Prozentpunkt hinzu und liegt nun bei 10,5 Prozent. Erstmals ist die AfD in einer bundesweiten Umfrage drittstärkste Partei, noch vor Linken und Grünen. Was treibt die Wähler zur AfD? Profitieren die Rechtspopulisten von der Flüchtlingskrise und dem Terror von Paris? Die "Bild"-Zeitung erklärt, die Partei profitiere "vor allem von ihrem Anti-Asyl-Kurs."

Es gibt mehrere Gründe, mit solchen Interpretationen vorsichtig zu sein:

1. Es haben gar nicht unbedingt 10,5 Prozent der Befragten die AfD genannt

Für die Umfrage hat Insa 2057 zufällig ausgewählte deutsche Wahlberechtigte online befragt. Es liegt nahe, zu denken, dass gut 200 von diesen Menschen die AfD als ihre erste Wahl angegeben haben.

Das stimmt wahrscheinlich gar nicht: Weil man in Online-Umfragen manche Menschen – etwa die ohne Internetzugang – gar nicht erreicht, muss das Institut Annahmen darüber treffen, wie diese abgestimmt hätten. Normalerweise werden dazu tatsächlich Befragte, die zum Beispiel ähnlich alt oder ähnlich wohlhabend sind wie die Nicht-Befragten, höher gewichtet als andere.

Das ist nötig, damit die Umfrage dem Ziel der Repräsentativität näherkommt. Trifft ein Institut aber die falschen Annahmen, verfälscht das das Ergebnis.

2. Die 0,5 Prozent Unterschied sind statistisch nicht signifikant

"Woran erkennt man, ob ein Sozialwissenschaftler Humor hat? Er verwendet Nachkommastellen." Dieser Nerd-Witz für Politologen fasst zusammen, was von der Pseudogenauigkeit mancher Umfragen zu halten ist. Umfragen sind eine ungenaue Wissenschaft, egal wie gewissenhaft sie durchgeführt wurden.

Dass die AfD 0,5 Prozentpunkte vor Linken und Grünen liegt, bedeutet – statistisch betrachtet – überhaupt nichts. Unterschiede innerhalb der sogenannten Schwankungsbreite können rein zufällig sein, etwa weil diesmal einfach mehr AfDler als Linke auf die Online-Umfrage reagierten. Schließlich wird bei der Umfrage von rund 2000 Menschen auf die gesamte Wahlbevölkerung hochgerechnet. Die Schwankungsbreite liegt in diesem Fall rund zwei Prozent. Veränderung unterhalb dieses Wertes sind bedeutungslos.

Dass Hochrechnungen ungenau sind, ist keinem Umfrageinstitut vorzuwerfen. Dass in der Insa-Umfrage aber sogar von 10,5 Prozent die Rede ist, drängt den Eindruck beim Leser auf, der Wert sei besonders exakt.

3. Insa ist ein umstrittenes Institut

Die AfD hat in der Insa-Umfrage zwischen 2,5 und 5,5 Prozentpunkte mehr als in denen der anderen großen Umfrageinstitute. (wahlrecht.de)

Dazu ist interessant zu wissen: Insa-Chef Hermann Binkert hat eine Geschichte mit der AfD. Der ehemalige CDU-Politiker Binkert bekam 2014 den Vorsitz der AfD in Thüringen angetragen und gilt auch heute noch als "eine Art Hausdemoskop der AfD". (DER SPIEGEL)

Zwar gibt es auch bei anderen Umfrageinstituten Verquickungen mit Parteien: Forsa-Chef Manfred Güllner ist SPD-Mitglied und Duz-Freund von Ex-Kanzler Gerhard Schröder. So nah an der Macht in einer Partei wie Binkert bei der AfD war aber niemand.

Trotzdem könnte der AfD-Aufschwung echt sein.

Manches spricht auch für die Insa-Umfrage. So wurde sie zwischen Freitag und Montag durchgeführt – also größtenteils nach den Anschlägen in Paris. Die Befragungen der Konkurrenzinstitute stammen aus der Zeit vor den Anschlägen. Kann sein, dass der islamistische Terror den Rechtspopulisten Wähler zugetrieben hat.

Kann aber auch nicht sein. Erst, wenn sich der Trend über mehrere Wochen und quer durch die Institute stabilisiert, kann man einen Zusammenhang vermuten. Auf Basis einer einzelnen Umfrage kann man es nicht.