Wir haben eine Betroffenen aus dem Video aufgespürt – und uns die Wahrheit erklären lassen.

Die AfD macht kurz vor der Landtagswahl Stimmung mit einem Video, das beweisen soll, wie gleichgeschaltet Deutschland sei: Zu sehen sind mehrere Personen, die in einem Sprechchor vor den Gefahren der Vergangenheit warnen. Ein Dirigent macht dazu zackige Bewegungen.

Der Videoschnipsel wurde am Rande der "Unteilbar"-Demo am vergangenen Wochenende in Dresden aufgenommen. Dort hatten am Sonnabend rund 40.000 Menschen für eine offene und freie Gesellschaft demonstriert (MDR). 

Der Chor stand auf der Bühne, er war ein Programmpunkt der Demo. Er stammt aus einem Theaterstück, das von einem Deutschland unter AfD-Herrschaft handelt. 

Das Video wurde in rassistischen Telegram-Gruppen und auf Twitter veröffentlicht – ohne zu erwähnen, woher der Chor stammt.

Unter anderem die Junge Alternative Sachsen und der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke griffen das Video auf und teilten es auf Facebook. Dort schreibt Höcke zum Video, Kinder würden in Deutschland "zu seelenlosen Sprechpuppen dressiert" und seien extra mit Bussen nach Dresden gekarrt worden, um dort die Bürgerinnen und Bürger "zu belehren".

Es gibt nur einen Haken: Das Theaterstück wird am Schauspielhaus Dresden aufgeführt. 

Es heißt  "Das blaue Wunder". Eine Sprecherin bestätigte bento auf Nachfrage, dass die Szene aus dem Stück auf der Bühne der "Unteilbar"-Demo gezeigt wurde. 

Im Stück brechen Dresdnerinnen und Dresdner mit einem Schiff auf und wählen dafür einen "rechten Kurs". Ein blaues Buch wird ihnen zur Bibel für den Weg, im Buch finden sich reale Aussagen von AfD-Politikern, unter anderem von Alexander Gauland und Björn Höcke. Sie werden wie Propheten behandelt. 

Susi* ist eine der Aktivistinnen auf der Bühne. Im Video ist sie mit der türkisfarbenen Bluse in der ersten Reihe. Am Mittwoch hat sie erstmals von den Posts der Identitären erfahren. Nun sagt sie:

Ich fühle mich missbraucht.

An den Vorwürfen von Höcke und anderen sei nichts dran, sagt Susi. Aber Wirkung würden sie trotzdem zeigen: "Was bei uns jetzt an Hassnachrichten eingeht, nimmt groteske Züge an."

Im Stück entsteht so eine Diktatur. 

Zum Schluss treten echte Dresdnerinnen und Dresdner auf die Bühne und bilden einen "Bürgerchor" – eben jenen Chor, der auch auf der "Unteilbar"-Bühne stand. Er setzt sich aus Menschen zusammen, die sich im realen Leben gegen rechte Gewalt und Intoleranz engagieren, unter anderem "Mission Lifeline" und die Intiative "Herz statt Hetze" sind dabei.

Der Text des Chors wurde nicht von Regisseur Volker Lösch vorgegeben, die Bürgerinnen und Bürger haben ihn selbst erarbeitet. Sie ermutigen das Theaterpublikum, sich gegen rechte Hetze zu wehren und aktiv an der Zivilgesellschaft teilzunehmen. Susi ist eine derer, die im Chor mitwirken. Sie engagiert sich in Dresden in der Flüchtlingshilfe, nimmt immer Montags bei Anti-Pegida-Demos teil und war nach eigenen Angaben bei jeder der insgesamt zehn Aufführungen seit Anfang des Jahres mit auf der Bühne im Schauspielhaus.

Den ganzen Kontext verschweigt die AfD bei der Verbreitung des Videos jedoch.

Wenn Höcke behauptet, das seien keine Dresdner, sondern in "Bussen und Sonderzügen" Herangekarrte, muss Susi lachen. "Jeder auf der Bühne ist aus Dresden und engagiert sich zum Teil schon seit Jahren für Mitmenschlichkeit und gegen rechten Hass", sagt sie. Auch der Vorwurf, es handele sich um Schülerinnen und Schüler sei falsch, sagt Susi. Tatsächlich stehen auf der Bühne Menschen zwischen 20 und 70 Jahren. 

Warum wirkt der Chor trotzdem so "dressiert"? Einfach, weil der Chor erst dann seine Wirkung entfalte, wenn alle im gleichen Takt sprechen. Der Dirigent sei ein Theaterpädagoge, er mache die Bewegungen, damit alle in der gleichen Sekunde den gleichen Satz betonen, sagt Susi. Den Text hätten die Teilnehmer des Chors lange diskutiert, bis jeder mit allen Sätzen einverstanden war. Vorgegeben war nichts. "Wir sind nicht dressiert", sagt Susi. Sie seien einfach nur Menschen, die beweisen wollten, dass nicht alle in Sachsen der AfD hinterherlaufen.

Das hätten sie auch auf der Bühne gezeigt. Die bunten Blusen, die die Frauen in der ersten Reihe trugen, hatten hinten Buchstaben aufgestickt, sagt Susi. Nach ihrem Aufsager hätten sie sich rumgedreht, "No AfD", konnten dann alle lesen. Im Video, das die AfD nun verbreitet, ist dieser Teil jedoch nicht zu sehen. 

*Susis Nachnamen nennen wir zu ihrem Schutz nicht. Er ist der Redaktion bekannt.


Fühlen

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