Bild: dpa / Jan Woitas

1989 macht ein Fotograf eine Aufnahme in Leipzig. Dreißig Jahre später nutzt die AfD das Motiv für ihre Zwecke. Nun geht der Enkel des Fotografen dagegen vor. In einem Tweet schreibt Martin Neuhof, 34, sein Opa würde sich im Grab umdrehen, wenn er wüsste wofür sein Bild benutzt werde.

Wir haben mit Neuhof über die Wahlplakate in Leipzig und seinen verstorbenen Opa gesprochen.

Was ist passiert?

In Leipzig wirbt die AfD derzeit mit zahlreichen Plaketen, denn am 26. Mai finden parallel zur EU-Wahl auch Kommunalwahlen in Sachsen statt. An vielen Stellen in der Stadt steht ein meterhohes Schwarz-Weiß-Bild mit dem Slogan "Kommunalwahl 2019 Wende für Leipzig". Es zeigt eine Montagsdemonstration in Leipzig am 16. Oktober 1989. Die AfD suggeriert damit: 1989 war der Umsturz möglich, jetzt sei er es auch.

Nur hinkt der Vergleich: Damals gingen Bürgerinnen und Bürger gegen die DDR-Regierung auf die Straße, gegen ein Regime, das seine Menschen hinter einer Mauer einsperrte, sie überwachen und auf sie schießen ließ. Heute leben wir in einer freien Demokratie, die mag nicht perfekt sein – mit einer Diktatur ist sie dennoch nicht vergleichbar.

Fotografiert hat die friedlichen Demonstrationen damals Friedrich Gahlbeck, der heute nicht mehr lebt. Vermutlich würde er sich sehr darüber aufregen, erklärt uns Martin Neuhof im Gespräch. Der Enkel bekam von einem Bekannten den Hinweis, die AfD nutze ein Foto seines Opas sowohl auf Wahlplakaten als auch auf Facebook – jetzt wehrt er sich dagegen.

Welche Geschichte steckt hinter dem Foto?

Friedrich Gahlbeck lebte damals selbst in Leipzig, war Fotograf und habe eine politisch eher linke Einstellung gehabt, sagt Neuhof über seinen verstorbenen Opa. Wie genau er zum DDR-Regime stand, konnte Neuhof nicht mit ihm besprechen, da er selbst noch zu jung war.

"Ich erinnere mich noch daran, wie ich als Kind mit ihm in der Dunkelkammer Fotos entwickelte." Er sei eine Inspiration für ihn gewesen. Martin Neuhof ist heute selbst Fotograf in Leipzig. Schon in der Vergangenheit hat er sich immer wieder gegen Rechtsradikalismus engagiert: Als Initiator des "NoLegida"-Bündnisses gegen den Leipziger Pegida-Ableger, aber auch künstlerisch mit einer Fotoaktion, die engagierte Menschen zeigt. 

Sein Großvater hat davon nichts mehr mitbekommen. Die Bildrechte für einige seiner Fotos liegen mittlerweile beim Bundesarchiv. Die Behörde habe die Bilder unter Creative Commons-Lizenzen online gestellt, so Neuhof. Das bedeutet: Die Bilder dürfen von jedem verwendet werden, müssen allerdings einen Hinweis auf den Urheber und einen Link zur Lizenz beinhalten. Außerdem muss ersichtlich sein, ob Änderungen vorgenommen wurden.

Bei einem Facebook-Post, auf den Neuhof zuerst aufmerksam gemacht wurde, habe die AfD das nach seinen Aussagen nicht getan. "Also habe ich beim Bundesarchiv Bescheid gesagt", sagt Neuhof. Die Behörde habe die AfD Leipzig abgemahnt und inzwischen sei der Post gelöscht.

Wenige Tage später erreichte Neuhof eine weitere E-Mail: An vielen Orten in Leipzig waren inzwischen Wahlplakate mit demselben Fotomotiv aufgetaucht – ohne Copyright-Angaben. 

Ich war schockiert. Mein Opa hätte das überhaupt nicht gut gefunden. Es macht mich sehr traurig und wütend, was mit dem Bild passiert.
Martin Neuhof

Martin Neuhof wendete sich an einen Anwalt. Der riet ihm, die Sache öffentlich zu machen. In einem Tweet bat Neuhof die Leipziger deshalb, ihm die Standorte des Plakats zu schicken.

"Der Post wurde auf Twitter und Facebook häufig geteilt. Das hilft natürlich, den Druck zu erhöhen. Ich bekam Ratschläge und viele halfen mir. Auf Facebook gab es ein paar Anfeindungen, die ignoriere ich aber."

Das ist nicht das erste Mal, das sich die AfD dem Vorwurf stellen muss ein Foto missbräulich verwendet zu haben: Im Dezember vergangenen Jahres leitete die Staatsanwaltschaft Chemnitz ein Ermittlungsverfahren gegen AfD-Politiker Björn Höcke ein (SPIEGEL ONLINE). 

Bei einer Demonstration wurde das Foto des Gewaltopfers Sophia L. gezeigt – ohne die erforderliche Einwilligung der Eltern. Tatverdächtig im Fall der getöteten Tramperin Sophia L. war ein Lkw-Fahrer aus Marokko. Die Angehörigen der jungen Frau hatten sich mit ihrer Anzeige dagegen gewandt, dass mit dem Bild bei der Demonstration in Chemnitz Stimmung gegen Flüchtlinge gemacht worden sei. 

Höcke hatte an der Demonstration teilgenommen und ein entsprechendes Foto auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht. Die Staatsanwaltschaft hat das Ermittlungsverfahren inzwischen eingestellt, weil Höcke weder Anmelder des Aufzugs noch Versammlungsleiter gewesen sei (SPIEGEL ONLINE).

Wie geht es nun weiter?

Inzwischen hat Neuhof eine Liste mit über 30 Standorten zusammengetragen. Auf einigen Fotos der Wahlplakate ist ein Lizenzhinweis zu sehen, der offenbar nachträglich aufgeklebt wurde.

"Wenn Bilder aus dem Bundesarchiv ohne entsprechenden Lizenzhinweis verwendet werden, gehen wir der Sache nach, um unsere Fotografen zu schützen", heißt es in der Pressestelle des Bundesarchivs. Verfüge das Bild allerdings über einen entsprechenden Lizenzhinweis, könne man die Verwendung nicht abmahnen.

Neuhofs Anwalt Jonas Kahl sagt, er sei der Meinung, dass die Verwendung des Fotos ohne Lizenzhinweis nicht zulässig gewesen sei. Es sei allerdings noch nicht abschließend geklärt, ob die AfD aufgrund des Verstoßes das Bild nun gar nicht mehr nutzen dürfe, oder nur mit entsprechendem Lizenzhinweis.

Neuhof habe mit sich gehadert, ob er die Geschichte publik macht. Hätte er es nicht gemacht, hätte er jetzt mehr Ruhe. "Ich denke jetzt ständig wieder an meinen Opa." Martin Neuhof findet aber: Die Geschichte muss erzählt werden, um zu zeigen, was die AfD in Leipzig macht. 

"Ich finde es krass, dass die AfD die Wende instrumentalisiert. Das macht mich traurig. Sie nutzt sie für sich und das wäre nicht die Auffassung meines Opas gewesen."
Martin Neuhof



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