Bild: Jonas Stickelbroeck/Fritz Heyer
Der Staatsschutz ermittelt wegen Volksverhetzung, eine Expertin hält das Berufen auf Satire für eine "durchschaubare Strategie".

Menschen mit Knochen im krausen Haar bedrängen Frauen im Schwimmbad. Männer mit Turban und vollverschleierte Frauen schweben säbelschwingend auf fliegenden Teppichen um den Kölner Dom. Frauen mit Kopftuch stehen in einer großen Gruppe versammelt, umgeben von Massen an Kindern. 

All das sind Darstellungen aus dem Buch "Nordrhein-Westfalen zum Ausmalen", das die AfD-Fraktion aus dem Landtag in NRW herausgegeben hat. Das Malbuch lag auf einem von der Fraktion veranstalteten Bürgerdialog am Montag in Krefeld aus. 

Die Zeichnungen, die mit "Roberto Obscuro" signiert sind, sind voller rassistischer Klischees. Bei der Polizei ist eine Anzeige eingegangen, der Staatsschutz ermittelt wegen des Verdachts der Volksverhetzung. 

AfD-interne Kritk: "Widerlich"

Über den Fall wurde bundesweit berichtet, jetzt gibt es auch Kritik aus der AfD selbst. Burkhard Schröder, Sprecher der AfD Krefeld, bezeichnet das Malbuch als "vollkommen geschmacklos". Er selbst habe bei dem Bürgerdialog am Montag ein Grußwort gesprochen, sagte er bento, nach eigenen Angaben jedoch erst am nächsten Tag erfahren, was in den ausgelegten Malbüchern abgebildet ist. 

Er hätte "niemals zugelassen, dass die Bücher bei der Veranstaltung ausgelegt werden", wenn er den Inhalt gekannt hätte. Der AfD-Fraktion habe er deutlich gemacht, dass er über die Aktion verärgert sei. Besonders "die Darstellung der Schwarzen mit Knochen im Haar" finde er "widerlich". Als rassistisch will er das Buch jedoch nicht bezeichnen.

NRW-AfD spricht von "Satire für Erwachsene" - und rudert zurück

Die nordrhein-westfälische AfD antwortet nicht auf Nachfragen, sondern schickt eine Pressemitteilung. Die Kritik an ihrem Malbuch sei ein "absurder Angriff auf die Satirefreiheit". Das Buch sei von einigen "Linksextremisten der Antifa" entdeckt worden, die darin einen "angeblichen Skandal" sehen wollten. Es seien keine Schwarzen mit Knochen im Haar abgebildet, sondern "Mitteleuropäerinnen mit Badekappen".

Es handle sich bei dem Buch um einen "Kunstband mit satirischen Skizzen zur Lage des Landes", das an ein "Malbuch für Erwachsene" angelehnt sei. 

Das Malbuch, das bento in digitaler Form vorliegt, soll sich also an Erwachsene richten? Im darin enthaltenen Grußwort der Fraktion klingt das anders. "Liebe Leser, liebe Freunde, liebe Kinder", heißt es da. Ein Bild sage manchmal mehr als tausend Worte und erreiche Betrachter aller Altersstufen und Bevölkerungsschichten. Das Ausmalen ermögliche "spielerische Formen der Aneignung politischer Themen". 

Der Fraktionsvorsitzende Markus Wagner tönt: "Wenn Antifa-Extremisten die Kunstfreiheit angreifen, kann es nur eine Antwort geben: Wir erhöhen die Auflage!"

Nur einen Tag später rudert die Fraktion in einer weiteren Pressemitteilung zurück. Nach genauerer Überprüfung habe man festgestellt, dass einige Skizzen im Malbuch "so definitiv nicht in Ordnung" seien. Dass die Malbücher in dieser angeblich nicht freigegebenen Version auslagen, sei ein "organisatorischer Fehler" gewesen. Der Fraktionsvorsitzende Wagner will nun nicht mehr die Auflage erhöhen, sondern bezeichnet seine Einschätzung vom Vortag als "Fehler".

Humor zur Rekrutierung für rechte Bewegungen

Die ursprünglich gewählte Taktik der AfD ist nicht neu: Das Berufen auf Satire sei eine durchschaubare Strategie der AfD, um sich weniger angreifbar zu machen, sagt Katharina Kleinen-von Königslöw. Die Kommunikationswissenschaftlerin ist Professorin an der Uni Hamburg und Expertin für politische Satire. "Rechte Bewegungen nutzen Satire und politischen Humor, um die Grenzen des Sagbaren zu verschieben und ihre Ideen massentauglicher zu machen." Humor werde, vor allem in sozialen Medien, gezielt eingesetzt, um Nachwuchs für rechte Bewegungen zu rekrutieren. Die Strategie sei vor allem in den USA verbreitet, werde jedoch zunehmend auch von der Neuen Rechten in Deutschland genutzt. 

Die Assoziation einiger Nutzer in sozialen Medien, die sich von den Abbildungen an antisemitische Karikaturen aus der Zeit des Nationalsozialismus erinnert fühlen, kann Katharina nachvollziehen. "Die Art, wie die dargestellten Personen enthumanisiert werden, ähnelt sich durchaus," sagt sie. 

Sie traut es der AfD auch zu, das Buch entgegen ihrer Behauptung explizit für Kinder entwickelt zu haben. In der Bewertung sei das ein wichtiger Unterschied: "Im Gegensatz zu Erwachsenen können Kinder nicht einordnen, was sie da sehen. Sie sind beeinflussbarer." 

"Das muss öffentlich werden, Leute müssen sich mit mir aufregen"

Gesehen haben das Malbuch Jonas Stickelbroeck und Fritz Heyer. Beide sind 20 Jahre alt und seit kurzem Mitglieder der Grünen Jugend Krefeld. 

Im Gespräch mit bento berichten sie, dass sie zunächst auf einer Demonstration gegen den von der AfD veranstalteten Bürgerdialog gewesen seien. Danach hätten sie sich entschlossen, sich auf AfD-Veranstaltung umzusehen und dort einige Info-Materialien – darunter das Malbuch – mitgenommen. 

Genauer angesehen haben die beiden sich das Buch erst auf dem Heimweg. Und sie waren schockiert. "So plumpen, offenen Rassismus hätte ich selbst der AfD nicht zugetraut," sagt Fritz. Jonas entscheidet sich, Auszüge aus dem Buch bei Twitter zu veröffentlichen. "Ich war in dem Moment so angepisst, dass ich dachte: Das muss öffentlich werden, Leute müssen sich mit mir aufregen," sagt er. 

Dass ihre Veröffentlichung solche Wellen schlägt, hätten die beiden "niemals erwartet". Dass sie damit AfD-Sympathisanten von der Partei abbringen, glauben sie nicht. Ihr Ziel sei es, "die AfD als die rassistische Partei zu zeigen, die sie ist". Sie dürfe mit ihrem Rassismus nicht durchkommen. Eigentlich hätten sie auch vorgehabt, die Partei selbst anzuzeigen. Jemand anderes sei ihnen jedoch zuvorgekommen. 


Uni und Arbeit

Homeoffice ist das schlimmste Office
Unser Autor hat von zu Hause aus gearbeitet – und war davon nicht begeistert.

Ich habe neulich einen Tag von zu Hause gearbeitet. Homeoffice – darauf waren viele in meinem Freundeskreis sofort neidisch. Ich müsse mir zum Arbeiten nicht mal eine Hose anziehen, sagten einige. Niemand merke, wenn ich einfach einen Tag lang nichts leiste. Mein Bett könne mein Arbeitsplatz sein. All das bekam ich mantraartig zu hören.

Dass die Arbeit im Homeoffice auch nerven kann, kann sich kaum jemand vorstellen.

Meinen ersten Homeoffice-Tag machte ich, weil Maler das Bad meiner Wohnung streichen mussten. Den Termin konnte ich nicht verschieben. Hätte ich nicht zu Hause gearbeitet, hätte ich mir extra einen Tag Urlaub nehmen müssen. Außerdem lässt mein Job es – in der Theorie – zu, dass ich nicht ständig im Büro sein muss. Zum Arbeiten brauche ich nur meinen Laptop und eine funktionierende Internetverbindung. Für viele klingt das traumhaft. Ich muss ehrlich sein: für mich eigentlich auch. Bis ich das Homeoffice-Modell selbst ausprobiert habe.

Pünktlich um 8.30 Uhr saß ich am Esstisch vor dem Laptop. Ein frischer Kaffee stand neben mir. Ich war in alle notwendigen Systeme eingeloggt. Eigentlich war alles genauso wie im Büro. Bis es um 9 Uhr an der Tür klingelte. Die Handwerker waren da.

Die erste – unfreiwillige – Pause des Tages brachte mich aus dem Konzept.

Als ich eine Viertelstunde später wieder vor meinem Laptop saß, musste ich mich erst neu sortieren. Was wollte ich noch mal in welcher Reihenfolge machen? Als ich wieder richtig loslegte, war es schon 9.30 Uhr.

Im Büro bringt mir der Austausch mit meinen Kolleginnen und Kollegen sehr viel. Wenn ich mal nicht weiter weiß, frage ich jemand um Rat. In einem kreativen Job wie meinem ist das extrem hilfreich. Zu Hause fehlte mir diese Interaktion. Als ich nicht vorankam, saß ich mit leerem Blick am Esstisch. Also machte ich mir noch einen Kaffee, schaute bei den Handwerkern vorbei und setzte mich wieder vor meinen Laptop.

Ich fühlte mich allein. Niemand um mich herum telefonierte, machte Witze oder fragte mich, wo ich am Vorabend Essen war. Einigen Menschen mag die Ruhe helfen – fühlen sie sich doch von Kolleginnen und Kollegen und der Grundlautstärke eines Großraumbüros eher gestört. 

Mich machte die Stille unruhig. Mir fehlte die Struktur, die mir das gewohnte Arbeitsumfeld gibt.

Normalerweise komme ich morgens ins Büro – und fahre neun Stunden später wieder nach Hause. Manchmal lese ich in der U-Bahn schon E-Mails auf meinem Handy. Eigentlich beginnt mein Arbeitstag aber erst, wenn ich am Schreibtisch sitze. Und er endet, wenn ich ihn wieder verlasse. Danach habe ich Freizeit und kann abschalten.

Menschen, die viel von zu Hause aus arbeiten, leiden laut dem Fehlzeiten-Report der Krankenkasse AOK unter stärkeren psychischen Belastungen (DER SPIEGEL).

73 Prozent der Befragten, die häufig im Homeoffice arbeiten, fühlten sich in den vergangenen zwölf Monaten erschöpft.

Bei Beschäftigten, die ausschließlich im Büro tätig waren, waren es nur 66 Prozent. Auch über Wut und Verärgerung klagten fast 70 Prozent der Leute, die häufig von zu Hause arbeiteten. Im Büro waren es nur 59 Prozent. Zudem plagten Lustlosigkeit, Konzentrationsprobleme und Schlafstörungen Menschen im Homeoffice häufiger als die, die im Büro arbeiten.

An meinem Homeoffice-Tag vermischte sich mein privates Freiheitsgefühl mit meinem Arbeitskosmos. Da, wo ich normalerweise entspanne, esse und auch mal ein Glas Wein trinke, musste ich auf einmal hochkonzentriert arbeiten. Irgendwie war ich langsamer als sonst. Dabei machte ich nicht mal eine richtige Mittagspause, sondern holte mir nur fix ein halbes Hähnchen vom Imbiss unten im Haus. Ich aß es vor meinem Laptop. Und versuchte währenddessen weiter, produktiv zu sein.

Dass mein Einzelfall nicht repräsentativ für alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ist, weiß ich. Es gibt bestimmt Menschen, die von zu Hause aus sogar effektiver arbeiten als im Büro. Beim Fehlzeiten-Report etwa gaben drei Viertel der Befragten an, daheim konzentrierter arbeiten zu können als am Arbeitsplatz. 

Manchmal macht Homeoffice auch einfach Sinn. Weil man um 15 Uhr schon die Kinder von der Kita abholt. Weil der Arbeitsweg extrem lang ist. Oder weil man, wie ich, die Wohnungstür für die Handwerker aufmachen muss. Dann ist es eine geschickte Lösung.