Kritik? Ja, aber bitte persönlich!

In mehreren Bundesländern gibt es jetzt eine Meldeplattform, wo Schülerinnen und Schüler melden sollen, wenn ihre Lehrerinnen oder Lehrer die AfD kritisieren. 

Im Grunde handelt es sich bei der Plattform um ein Kontaktformular, über das Schülerinnen Lehrer melden sollen. Sollte ein "begründeter Anfangsverdacht" bestehen, dass tatsächlich ein Verstoß vorliege, werde man die Nachricht an die Schulbehörde weiterleiten, schreibt die AfD. (bento)

Von Seiten der Lehrerinnen und Lehrer gab es Kritik an den Meldeplattformen: Ilka Hoffmann von der Deutschen Lehrergewerkschaft GEW sagte, die Portale seien ein Aufruf zur Denunziation, wo man sich anonym eintragen und Lehrkräfte ungeprüft beschuldigen könne (tagesschau.de).

Ein junger Politiklehrer hat sich bei bento gemeldet. Er empfindet die Meldeplattform der AfD als Bedrohung. 

Warum? Was macht das mit ihm, seinem Unterrricht, und vor allem: der Beziehung zu seinen Schülerinnen und Schülern und ihren Eltern? Das hat er für uns aufgeschrieben. 

Max Power*, 28 Jahre alt, aus Nordrhein-Westfalen

Sieben Jahre. Solange dauerte meine Ausbildung zum Lehrer. Im letzten Monat endete mein Referendariat, ich habe nun eine Festanstellung. Man könnte meinen, dass sei ein Grund zur Freude. Doch es ist kompliziert. Ich bin Politiklehrer.

Mitte des Jahres las ich, die AfD wolle ein Online-Meldeportal für Lehrerinnen und Lehrer einführen. Schüler sollen dort diejenigen melden, die sich in der Schule gegen die Alternative für Deutschland aussprechen. Damals schien es absurd, rechtlich nicht umsetzbar.

Dann sprach Alexander Gauland davon, dass das Dritte Reich ein "Vogelschiss in der deutschen Geschichte" sei. Ich sprach im Politikunterricht meines Oberstufenkurses sowohl über Gaulands Aussage als auch die angedachte Meldeplattform. Ich erklärte den Schülern, wie es um mich als Politiklehrer steht, sprach mit ihnen über den Beutelsbacher Konsens und die freiheitliche demokratische Grundordnung. Was das konkret bedeutet, dazu später mehr.

Mein Fazit, das ich auch den Oberstufenschülerinnen und -schülern damals mitteilte: Wer mich melden möchte, wenn ich mich gegen Gauland ausspreche, solle dies gerne tun.

Heute ist die Situation anders.

Mittlerweile gibt es die Meldeplattform wirklich. An meiner Schule beschwerte sich jüngst ein Elternteil beim Schulleiter, der Politikunterricht seines Kindes sei zu einseitig. Klar, solche Beschwerden gäbe es vielleicht auch, wenn keine Meldeplattformen existierten. Aber mir kommt es so vor, als schüre die Idee der AfD die Skepsis und den Argwohn der Eltern meiner Schülerinnen und Schüler. 

Was, wenn es soweit geht, dass sich jemand über mich beim Schulministerium beschwert? 

Ich stehe derzeit noch für drei Jahre unter Probe. Erst danach erhalte ich eine Verbeamtung auf Lebenszeit. Das alles, weil die AfD öffentlich verbreitet, es sei Bürgerrecht, dass jeder Mensch nun Lehrerinnen und Lehrer im Internet öffentlich anprangern, ja sogar denunzieren darf. 

Wie kommt das? 

Die Meldeplattformen verfolgen aktuell vor allem das Ziel der Verunsicherung. Lehrer sollen darüber ins Grübeln kommen, welche Themen sie noch im Unterricht behandeln dürfen. Und sie sollen Angst vor weiteren Beschwerden haben, so wie ich. 

Die AfD fürchtet, dass die Schüler zu einer falschen politischen Meinung (also nicht die der AfD) erzogen werden. Dies dürfe aufgrund des Neutralitätsgebots für Lehrer nicht passieren. Wer dagegen verstößt, soll gemeldet werden.

Die Neutralität eines jeden Lehrers wird in der Didaktik diskutiert. Der eingangs erwähnte Beutelsbacher Konsens verlangt drei Prinzipien von der politischen Bildung

  • Überwältigungsverbot
  • Kontroversität 
  • Schülerorientierung

Konkret heißt das, dass ich Schülern nicht meine eigene Meinung aufzwingen darf. 

Kontroverse gesellschaftliche Themen müssen auch kontrovers im Unterricht behandelt werden. Der Politikunterricht soll die Schüler dazu befähigen, sich am politischen Prozess zu beteiligen. Das Überwältigungsverbot ist jedoch nicht deckungsgleich mit einer geforderten Neutralität.

Die Meinung eines Lehrers kann in den Unterricht einfließen, wenn er die Kontroversität schärfen möchte. Das Verbot der privaten Seenotrettung kann von der gesamten Klasse als unmenschlich und falsch angesehen werden. Dann wäre es die Aufgabe eines guten Politiklehrers, die Gegenseite zu stärken, indem neue Argumente und Meinungen in die Diskussion eingebracht werden. Eine vollkommene politische Enthaltsamkeit wird daher vom Lehrer nicht erwartet, das bestätigen auch Gerichtsurteile.

Der persönliche Kontakt mit den Eltern ist mir sehr wichtig. Ich als junger Lehrer bin um Feedback bemüht und nutze bei allen Klassen mehrmals im Schuljahr anonyme Fragebögen. Nur so kann ich erfahren, wie mein Unterricht bei den Schülern ankommt. Zudem finden drei Mal im Jahr Elternsprechtage statt. Auch hier ergeben sich wichtige Gespräche, aus denen ich erfahre, wie mein Unterricht zu Hause am Küchentisch wahrgenommen wird.

Eine Meldeplattform kann dieses bereichernde Verhältnis zwischen Lehrern, Eltern und Schülern zerstören.

Die Kommunikation erfolgt nicht mehr persönlich oder direkt, sondern anonym. Probleme, Missverständnisse werden nicht mehr gelöst, sondern politisch instrumentalisiert. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass Lehrerinnen und Lehrer Eltern oder Schüler als potenzieller Gegner der eigenen Unterrichtsinhalte wahrnehmen.

Das soll nicht bedeuten, dass ich grundsätzlich gegen Beschwerden beim Schulleiter oder der jeweiligen Landesregierung bin – diese können gerechtfertigt sein. 

Verhält sich eine Lehrperson aus Sicht von Eltern oder Schülern falsch, darf und muss sie kritisiert werden. Ich empfehle jedoch, zunächst das Gespräch mit dem jeweiligen Lehrer zu suchen. Im Lehrberuf steht man tagtäglich vor bis zu 200 unterschiedlichen Schülern, jedem gerecht zu werden, ist utopisch. Kleinere Probleme klären sich meist schnell in einem persönlichen Gespräch.

Was bedeutet das alles für mich als Politiklehrer?

Ich veröffentliche diesen Text nicht unter meinem richtigen Namen. Ich habe lange überlegt. Man könnte mir die Entscheidung als Schwäche auslegen. Doch für mich zeigt sie etwas ganz Anderes: Die Bedrohung ist real. Ich möchte nicht denunziert werden und vielleicht meinen Beruf verlieren.

Es ist für mich wichtiger, weiter als Politiklehrer wirken zu dürfen. Mit dem Beutelsbacher Konsens, mit einer gemäßigten Neutralität, mit den Mitteln der freiheitlich demokratischen Grundordnung. 

Gegen Hetze. Gegen Menschenhass. Gegen die undemokratischen Personen dieser vermeintlichen Alternative für Deutschland.

*aus im Text genannten Gründen möchte der Lehrer anonym bleiben. Den Namen Max Power hat er sich selbst gewünscht. 

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24 sehr gute Adventskalender für 2018
Von schräg bis lecker