Bild: gettyimages.de / Thomas Lohnes

Tatsächlich könnte mir die AfD egal sein. Wenn ich rausgehe, wenn ich ausgehe, wenn ich im Supermarkt nach den Kartoffeln greife und mir vom Personal freundlich geholfen wird, erlebe ich ein schönes Deutschland. Ein friedliches, ein organisiertes Deutschland, das wunderbar zu dem Leben passt, das ich Ende letzten Jahres hier begonnen habe.

Ich bin weiß, ich habe studiert, ich lebe nicht am Rande des Existenzminimums.

Drei gute Gründe, den Sorglos-Sommer mit Adiletten und frischem Obst auf dem Balkon zu verbringen, hin und wieder ein schickes Foto auf Instagram zu posten – ohne auch nur einmal über den Rechtsruck nachzudenken. Oder was Rainer Brüderle damit zu tun hat.

Meine eigenen Privilegien, sie bilden die Grundlage für ein bequemes Dasein im deutschen Status Quo. Also, wenn ich nicht gerade eine Frau wäre – aber lassen wir den Konjunktiv gemeinsam mit der Genderdiskussion mal ausnahmsweise beiseite.

Schöne Deutsche Land

Die AfD und ihre Anhänger tragen zu einem Klima bei, das Kriminelle dazu ermutigt, Flüchtlingsheime anzuzünden. Zur Auffrischung: Für 2015 verzeichnete das Bundeskriminalamt (BKA) bisher 1027 Straftaten gegen Flüchtlingsunterkünfte, darunter konnten 918 klar "rechtsmotivierten Tätern" zugeordnet werden.

Ob man Informationen wie diese überhaupt an sich heranlässt, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Von der eigenen psychischen Verfassung, zum Beispiel – aber auch von der potentiellen Gefahr, selbst einmal Opfer einer politisch motivierten Tat zu werden.

Mir wird unwohl, wenn ich so etwas lese. Was ich dann sehe, ist ein hässliches, ein kräftezehrendes Deutschland – das fern meiner subjektiven Wahrnehmung auf all jene wartet, die nicht mit der vermeintlich richtigen Hautfarbe oder dem richtigen Job in dieses Land immigriert sind.

Ich wiederum gehöre selbstverständlich zum deutschen Repertoire. Nicht nur, weil ich das Deutsch-Sein mit all seinen kulturellen Facetten inkorporiert habe, sondern vor allem, weil ich weiß bin. Als Teil der migrantischen Wohlstandsgesellschaft falle ich auf den ersten Blick nicht auf, obwohl ich weder Deutsche noch "ganze" Österreicherin bin. Meine osteuropäische Herkunft ist höchstens interessant. Andere haben nicht so viel Glück.

Zu gerne wird ein Unterschied gemacht, zwischen den "guten" und den "schlechten" Ausländern, den "ehrlichen" und "unehrlichen". Während Schweden ganz generell für ihre fortschrittliche Politik und ihr Feingefühl für Design gefeiert werden, weiß man nur wenig über die Bevölkerung Eritreas.

Dass man Deutschland die Existenz einer AfD im Alltag nicht unmittelbar anmerkt, wenn man den "richtigen" Nachnamen hat, mag stimmen. Aber nur weil ich – wie viele weiße Migranten in Deutschland – selbst nicht direkt bei Björn Höckes "Wir gegen Die" Parolen mitgemeint bin, heißt das doch noch lange nicht, dass ich ausgrenzende Praxen im Sinne meiner eigenen Unversehrtheit ignorieren oder gar leugnen kann?

"Wir haben Freiheit, Gerechtigkeit, Demokratie, friedliches Miteinander nicht gepachtet, sie sind nicht selbstverständlich", sagt die Journalistin und Bloggerin Kübra Gümüşay in ihrer Rede auf der re:publica zu organisierter Liebe.

Wenn sich Menschen für ihre rassistischen Äußerungen nicht mehr schämen, seien wir mit unserer Empörung irgendwann zu spät dran. "Wir – die Gesamtgesellschaft – müssen lauter sein, als diejenigen die Hass verbreiten und Ressentiments schüren. Indem wir uns klarer positionieren, indem wir uns rechtzeitig positionieren und empören und wachsam sind."

Eine AfD zu ertragen ist ein Privileg, das Schwarze und People of Color nicht haben.
Ozan Keskinkilic

Nun lässt sich niemand gerne von neunmalklugen Dies-und-das-Studenten sagen, dass er den Anschluss an die Moderne verpasst hätte. Selbst, wenn es stimmt. Dieses scheinbar bevormundende Engagement, das Diskriminierungs-Aktivisten und leidenschaftliche Binnen-I-Benutzer*innen betreiben, ist anstrengend. So anstrengend, dass man jeglichen Gegenwind auch gerne bleiben lassen würde.

Ich persönlich fürchte mich ja weitaus weniger vorm Binnen-I als vor Politikern, die das Dichtmachen der Grenzen, ja am besten der ganzen EU, als Lösung aller Probleme sehen; die eine "Überfremdung" der Gesellschaft prophezeien, als ob die Rückkehr ins 18. Jahrhundert tatsächlich eine realistische Option wäre.

Was soll daran bitte gut sein?

Die Gutmenschen, sagen sie dann, werden schon noch sehen! Gesehen habe ich in meinen bisherigen 24 Lebensjahren einiges, gemeine Ausländer waren nicht dabei. Dabei bin ich weder in einem allgemein als gut anerkannten Bezirk aufgewachsen, noch wohne ich jetzt im Hamburger Hipster-Viertel.

Auch das, kann man jetzt behaupten, ist eine verzerrte Wahrnehmung und hat mit jener anderer Bevölkerungsgruppen wenig gemein.

(Bild: gettyimages.de / Clemens Bilan )

Ich halte es mit der Schrifstellerin Sibylle Berg: "Wir können so viel Helene Fischer hören, wie wir wollen, die alte Welt bekommen wir trotzdem nicht wieder". Die Menschen, sie hätten "abwechselnd Furcht vor den Terroristen, der Überfremdung, den Asylbewerbern, den Rechten, den Russen, der Veränderung der Welt im Allgemeinen und ihres Lebens im Besonderen." Die Furcht alleine sollte man keinem verübeln.

Rückzug ins Private als geistige Kapitulation

Denn natürlich ist es in solch einer für alle Bevölkerungsschichten überfordernden und vor allem neuen Situation einfacher, sich zurückziehen. Wegzuschauen. Nicht zu diskutieren, sondern abzuwarten. Bis sich die Probleme irgendwann von selbst lösen. Nur wird das auf lange Sicht nicht reichen. Die Angst vor dem eigenen sozialen Abstieg, man merkt sie vielen an.

Solidarität zu zeigen, online als auch offline, ist für mich ein erster Schritt dieser Entwicklung entgegenzusteuern.

Es gibt viele Möglichkeiten zu helfen, statt sich im gemachten Nest auszuruhen. Sei es mit Deutschunterricht, Hilfe bei Behördengängen oder Spenden. Mit Aufklärung, Aktivismus und Richtigstellung. Das hat nichts mit Selbstabkapselung gegen fremdes Gedankengut zu tun. Sondern mit Menschlichkeit.

Nochmal zusammengefasst: Die AfD leugnet den Klimawandel, setzt sich für Atomkraft und verschärfte Datenspeicherung ("Datenschutz darf kein Täterschutz sein") ein. Sie fordert – zumindest in Baden-Württemberg – die "konsequente Einforderung der Unterrichtsdisziplin" und möchte Kinder dazu bringen, "ihr biologisches Geschlecht anzunehmen".

Niedrige Geburtenraten in deutschen Bundesländern wollte die AfD noch im Januar keinesfalls mit Zuwanderung kompensieren, sondern bestenfalls mit einer "Willkommenskultur für Un- und Neugeborene", die Abtreibungen hart verurteilt. Mittlerweile hat sich die AfD ein Grundsatzprogramm gegeben. Besonders wichtig ist der AfD der Schutz Deutschlands vor "Masseneinwanderung aus islamischen Staaten“.

Noch Fragen?

Wer die neue Rechte ignoriert oder schönredet, kann vielleicht heute besser schlafen – verliert aber gleichzeitig das Bewusstsein und die Empathie für Menschen, die Tag für Tag dafür kämpfen, als Mitglied einer Gesellschaft anerkannt zu werden. Angenommen zu werden; sogar dann noch, wenn sie hier geboren wurden. Die Verantwortung gegen Vorurteile zu arbeiten, liegt nicht bei den Betroffenen – sondern bei uns allen.

Lass uns Freunde werden!


Musik

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