Bild: AfDentskalender
Sie nennen sich das "Gespenst des Populismus".

Eine schicke Bar in Kreuzberg: dunkles Parkett, gediegenes Licht, Kirsche im Cocktailglas – hier treffe ich die, die sich das "Gespenst des Populismus" nennen.

Seit drei Wochen trollen die Aktionskünstlerinnen und -künstler die AfD und andere rechte Gruppen – mit Fake-Werbeplakaten, Lichtinstallationen und Anti-AfD-Plätzchenrezepten. "AfDentskalender" nennen sie das. (bento berichtete)

Die Idee dahinter ist nicht neu: Seit einigen Jahren machen in Deutschland immer öfter politische Aktionskünstler auf sich aufmerksam. Bekannt sind vor allem die Aktionen des Zentrums für Politische Schönheit und vom Peng!-Collective. "Der Modus", die Gruppe hinter dem AfDentskalender, gibt sich aber besonders geheimnisvoll – und selbstbewusst. 

Wir wollten wissen: Wer sind die Aktivistinnen und Aktivisten? Und was sagen sie zur Kritik an ihren Aktionen?

"Der Modus" war einverstanden mit dem Interview. Mitten im gentrifizierten Berliner Stadtteil Kreuzberg wollen sie sich treffen, nicht weit von der hippen Oranienstraße, die voller kleiner Läden für teure Turnschuhe und Bars mit Vintagemöbeln ist.

Es kommen: zwei Menschen, ein Mann und eine Frau, mit Hoodie und Rollkragenpullover, zwischen 25 und 35. Sie wirken nett und ein bisschen aufgeregt. Ich frage, ob sie öfter herkommen. Die Antwort: vielleicht. Ihre vollen Namen wollen sie auch nicht verraten. Sie wollen "das Gespenst Milan" und "das Gespenst Anna" genannt werden.

(Bild: Der Modus)

Eure Namen und Gesichter tauchen nirgendwo auf. Wer seid ihr eigentlich?

Anna: Wir sind der "Modus" und haben im Dezember in einer Hau-Ruck-Aktion den Afdentskalender gestartet. Der "Modus" ist ein Zusammenschluss von mittlerweile über 50 Leuten und einer großen Masse an Followern. 

Milan: Eher Assoziierten.

Wer steckt hinter dem "AfDenzkalender"?

Ein Zusammenschluss namens Modus, eine Gruppe von mehr als 50 Menschen. Darin seien unter anderem Aktivistinnen, Künstler, Juristinnen, Musiker, Filmschaffende, Lehrerinnen vernetzt, sagt die Gruppe gegenüber bento. Alle Aktionen würden im Team besprochen – einmal die Woche treffe sich Modus. "Uns vereint der Wunsch, unsere Kernkompetenzen sinnvoll einzusetzen im Kampf gegen den aktuellen Rechtsruck", schreiben sie über sich.

Ihr seid beide eher so Ende 20, eher akademischer Hintergrund, weiß.

Anna: Ja, aber unsere Gruppe ist sehr divers. 

Ihr schreibt von Künstlerinnen, Juristinnen, Stundentinnen. Ich habe mich gefragt, wo die Friseure und Verkäuferinnen sind?

Anna: Das waren nur Beispiele. Es gibt Leute die Handwerker sind, Schulabbrecher und nicht nur Deutsche. 

Wie kommt ihr auf 50?

Milan: Die Zahl ist ein bisschen wahllos. 

Anna: Wir sind kein Verein mit fester Mitgliederzahl: jede Woche können Leute dazukommen, mitplanen, mitgestalten. Die Social-Media-Accounts verwalten fünf oder sechs Leute. Wir wollen nur den Startschuss setzen, aber die anderen sollen mitmachen. Deswegen nennen wir uns auch das Gespenst des Populismus.

Über ihre Gruppe wollen die beiden nicht sprechen. Wer ist dabei? Streiten sie manchmal über die kontroversen Aktionen? Wo haben sie sich gefunden? Telefonkette mit mehr als hundert Leuten, sagt Anna, als sei es ihr gerade eingefallen. Ich weiß nicht, ob ich das glauben soll. Wo fand das erste Treffen statt? Irgendwo, sagt Milan. Wir drehen uns im Kreis. Nur so viel erzählen sie: es gebe sie erst seit sechs Wochen. Gegründet hätten sie sich am Tag der #Unteilbar-Demo in Berlin, bei der 240.000 Menschen für eine solidarische Gesellschaft demonstriert hatten. (bento berichtete)

Milan: Wir alle kamen gerade von da, mit so einem beschwingten Gefühl: als hätte man Rückendeckung von 250.000 Leuten. Wir sind die Mitte der Gesellschaft. Es ist bewundernswert, was die Antifa gegen Rechts leistet, aber die Mitte, die droht, abzudriften – die erreichen sie nicht.

Ihr seid gegen die AfD, das ist klar. Aber wofür steht ihr eigentlich sonst noch?

Anna: Dass alle Menschen gleich sind und wir in einer Gesellschaft leben wo jeder frei ist zu tun und zu lassen was er will, innerhalb unserer Gesetze. Darauf konnten wir uns alle einigen. Wir wollten erstmal keinen theoretischen Streit.

Die AfD war der erste Schritt, weil wir uns auf die einigen konnten.

Dafür habt ihr ein ziemlich klares Feindbild.

Milan: Die AfD war der erste Schritt, weil wir uns auf die einigen konnten. Dieses Feindbild ist aber nicht die Ursache des Problems, eher ein Symptom der gespaltenen Gesellschaft. Die Ursache ist viel größer, viel weiter verstrickt und viel unpersonalisierter als die AfD.

Wir reden schon eine Stunde und ich weiß noch immer nicht viel über die beiden. Milan geht einen zweiten Weißwein holen. Es läuft schlechter R'nB. Neben uns klappert die Barfrau mit dem Cocktailmixer. 

Mal ehrlich: die AfD ist ein ziemlich einfaches Ziel.

Anna: Total. Darum ging es auch. Dabei soll es aber nicht bleiben.

Milan: Nee. Was heißt denn zu einfach? Die haben 15 Prozent in allen Länderparlamenten und drohen in Sachsen die Wahl zu gewinnen. So einfach scheint mir das nicht. 

Stimmt es, dass nicht alle Aktionen von euch sind?

Anna: Ja. Es gab zum Beispiel in Köln ein Kölsch-Plakat, das wurde einfach unter dem Hashtag veröffentlicht und wir haben das erst dann entdeckt. Das war eine schöne Kette.

(Bild: AfDentskalender)

Ihr habt Coca Cola gezwungen, sich zur AfD zu positionieren. Muss das sein, dass sich heute jeder positioniert?

Anna: Ja.

Milan: Und die aus der AfD trinken jetzt keine Cola mehr.

Modus ist auch ein Modus, in dem wir sind: das Grundgesetz und die Menschenrechte.

Habt ihr auch mal eine Aktion nicht geteilt?

Anna: Bisher nicht.

Aber ihr entscheidet, wer dabei sein darf.

Anna: Modus ist eine Gruppe, aber Modus ist auch ein Modus, in dem wir sind: das Grundgesetz und die Menschenrechte. Wer auch im Modus ist, der ist dabei. Das entscheiden wir nicht. 

Milan: Natürlich gibt es eine qualitative Hürde. Um es mal sozialwissenschaftlich zu sagen.

Eines eurer Ziele war die Junge Freiheit, eine Zeitung. Muss eine Demokratie sowas nicht aushalten? Auch die Pressefreiheit steht im Grundgesetz. 

Milan: Ja, aber die Junge Freiheit muss auch uns aushalten. Es gibt das Argument von Rechts, wir würden deren Meinungsfreiheit unterdrücken. Das stimmt nicht. Wir sagen nur: uns gefällt nicht, was ihr da macht. Auf Demokratie zu rekurrieren, ist die größte Heuchelei von denen.

Im Grundgesetz steht auch, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Am 20. Dezember habt ihr Bilder von Mülltonnen geteilt, die mit den Gesichtern von rechten Politikern tapeziert waren. Darunter war Alice Weidel, die überlegt wohl gerade, mit ihren Kindern nach Berlin zu ziehen.

Anna: Ich finde, die Kinder müssten Alice Weidel dann fragen: Mama, warum bist du auf diesem Müllkorb? Ich weiß nicht, was sie dann entgeget, aber das würde mich sehr interessieren. Jemanden auf eine Mülltonne zu drucken, ist ein Angriff – ein harter Angriff. Aber ich sehe noch nicht, wo ihre Würde elementar verletzt wäre.

Milan: Zumal sie eine Person des öffentlichen Lebens ist. Auf den Mülltonnen erscheint genau diese öffentliche Person.

Das ist ihren Kindern aber vermutlich egal. 

Milan: Ja, das ist natürlich für die unmöglich zu unterscheiden. Aber ich frage mich: ob die Kinder von Alice Weidel das entscheidende Kriterium sein können, um zu bestimmen, was Menschenwürde ausmacht und ob sie verletzt ist? 

Habt ihr Grenzen? 

Milan: Nicht bewusst illegal handeln. Eigentumsverletzung, Gewalt und so weiter. Die Grenze ist der Rahmen der Legalität. Wobei man Gesetze ja auch auslegen kann. 

Ihr polarisiert. Treibt ihr damit die Spaltung nicht noch weiter voran? Muss man nicht eher …

Milan: Eher was? Die Spaltung ist sowieso vorhanden. Ein bestimmter Teil ist für Leute wie uns sowieso gar nicht erreichbar.

…eher das Gespräch suchen, vermitteln. 

Milan: Man muss deutlich darauf hinweisen, dass etwas falsch läuft.

Anna: Es ist viel zu spät dafür. Wir dürfen keine Kompromisse mehr machen. Wenn wir nicht polemisch werden, landen wir irgendwann an einem Punkt, an dem wir nicht mehr streiten können.

Darf eigentlich jeder eurer 50 Assoziierten bento in eurem Namen ein Interview geben?

Milan: Nein, das würden wir schon untereinander abstimmen. Wir wollen auf keinen Fall, dass jemand sagt, dass er das Gesicht des Modus ist. 

Anna: Traumszenario wäre aber, dass sich 1000 Leute als Modus bezeichnen und wir wissen nicht, wer das ist und haben die noch nie getroffen. 

Ist das Türchen Nummer 24 eigentlich das größte?

Milan: Vielleicht. 

Die beiden lassen durchblicken: hinter dem letzten Türchen steckt die Aufforderung, Weihnachten zur Konfrontation zu nutzen. Zum Austausch mit Freunden und Familie – auch mit dieser einen Tante, von der man schon immer vermutet, dass sie AfD wählt. Mit einer beschaulichen Weihnacht wäre es dann vorbei.

 


Grün

Für diese neuen Eier wurden keine Küken geschreddert
Was #respeggt bedeutet und wo du die Eier bekommst.

Das Töten von männlichen Küken aus wirtschaftlichen Gründen könnte in Deutschland bald ein Ende haben. Nun werden bereits erste Eier verkauft, die das "Respeggt"-Logo tragen. Das bedeutet: Für die Produktion dieser Eier mussten keine lebenden, männlichen Küken getötet werden. Das liegt an einer neuen, einfachen Methode, mit der "männliche" Eier schon früh erkannt werden. (Guardian)

1 Wie funkioniert die neue Technologie? 

Forschende der Uni Leipzig haben ein Verfahren entwickelt, mit dem die Hormone in noch nicht geschlüpften Eiern untersucht werden können. Dafür wird mit einem Laser ein winziges Loch in die Schale gebrannt und eine Probe des Harns entnommen. Ist der noch nicht empfindungsfähige Embryo im Ei männlich, wird das Ei gar nicht erst nicht ausgebrütet

2 Was kosten die "Respeggt"-Eier?

Eine 6er-Schale kostet etwa zehn Cent mehr als eine herkömmliche Packung Freiland-Eier. 

3 Wo kann ich die Eier kaufen?

Bisher nur in Rewe- und Penny-Märkten in Berlin. Bis Ende 2019 soll es die Eier aber in mehreren tausend Supermärkten in Deutschland geben. 

4 Wieso werden männliche Küken getötet?

Nur weibliche Hühner können Eier legen. Außerdem wachsen weibliche Tiere schneller und etwickeln größere Brüste, sie sind daher als Fleischlieferantinnen beliebter. Männliche Küken sind zumindest für die Eier-Industrie nutzlos und für die Fleischindustrie weniger "ergiebig". In der Mast landen trotzdem viele männliche Tiere. (Animal Rights Watch)

Viele werden aber trotzdem kurz nach dem Schlüpfen getötet.

5 Wie viele Küken sind betroffen?

Etwa 45 Millionen männliche Küken werden bisher pro Jahr in Deutschland getötet. In der Fachwelt werden sie daher "Eintagsküken" genannt (Zeit Online). Weltweit sollen es nach Angaben von "respeggt" bis zu vier Milliarden Küken im Jahr sein.

6 Wie werden die Küken bisher getötet?

Die männlichen Küken werden an einem Laufband von Menschen aussortiert und in Tonnen oder Behälter gelegt. Die meisten werden darin vergast und anschließend geschreddert. Viele ersticken schon vorher am Gewicht ihrer Artgenossen, die auf ihnen liegen. Ein kleiner Teil der Küken wird an Zoos und Zoofachgeschäfte als Futter verkauft, der größere Teil wird aber bislang entsorgt.