Bild: Künstler mit Herz Brandenburg
Ein Interview über Zivilcourage, ein gar nicht so ödes Brandenburg und Ideen gegen Rechts.

Eine junge Frau schlendert in Latzhose durch eine Stadt in Brandenburg. Sie singt von einem bunten Leben, das hier möglich ist. Und vom AfD-Wahlprogramm, das dazu so gar nicht passe. Die Frau heißt Anja Neumann, ist 29 Jahre alt und kommt aus Eberswalde. Gemeinsam mit rund 200 Künstlerinnen, Musikern und Kreativen hat Anja an dem Lied gebastelt. 

Herausgekommen ist der Song "Wir nich!", der Menschen davon abhalten soll, bei der Landtagswahl in Brandenburg für die AfD zu stimmen.

Am 1. September wird gewählt. Die AfD liegt in aktuellen Umfragen bei 20 Prozent, Landeschef Andreas Kalbitz gehört dem völkischen Flügel um Björn Höcke an. Er hat gute Chancen, seine AfD zur stärksten Kraft im Landtag zu machen.

Die "Künstler mit Herz Brandenburg" wollen das verhindern. Ihre Idee haben sie von Kreativen aus Bayern, die vor einem Jahr ein ähnliches Anti-AfD-Lied aufnahmen. Nun wurde "Wir nich!" mehr als 34.000 Mal angesehen. 

Aber reicht ein Video, um etwas zu verändern? 

(Bild: Künstler mit Herz Brandenburg)

Im Video bekommst du einen Anruf einer Freundin, die verkündet, die AfD wählen zu wollen. Gab es diesen Anruf wirklich?

"Nein, bei mir persönlich nicht. Aber das Video ist ja ein Gruppenprojekt, das eine Geschichte erzählen will, wie sie in Brandenburg in diesen Tagen passieren könnte. Alle Mitwirkenden sind aus Brandenburg oder arbeiten hier. Unser aller Ideen sind in das Lied eingeflossen, also denke ich schon, dass es den einen oder anderen gab, der so was schon mal so oder ähnlich erlebt hat."

Was ist die Botschaft des Videos?

"In der Öffentlichkeit wird Brandenburg oft – und das schon seit vielen Jahren – als ein Dunkeldeutschland dargestellt, in dem es nicht viel gibt außer einer schwachen Infrastruktur und Menschen mit rechter Gesinnung. 

Tatsächlich gibt es ein buntes Brandenburg – das weit mehr Unterstützerinnen und Unterstützer hat, als es die AfD in diesen Tagen glauben machen möchte.

Das wollten wir sichtbar machen.

Wir haben viele Herausforderungen vor uns, sei es bei der Integration, beim Klimaschutz oder jeglichen Fragen zur sozialen Gerechtigkeit. Und da helfen Parteien nicht weiter, die uns spalten wollen. Egal, welche politische Ansichten wir jeweils haben: Wir müssen doch immer noch dialogfähig bleiben."

Wenn aus deinem direkten Umfeld keiner AfD wählt, ist ja eher wenig Dialog.

"Nur weil ich keine Freunde habe, die die AfD wählen, heißt das ja nicht, dass ich keine Menschen kenne, die das tun. In meinem Familien- und Bekanntenkreis gibt es schon den einen oder anderen, bei dem die Haltung beim Thema AfD entschieden auseinandergeht. Und durch meine Arbeit bin ich die vergangenen zwei Jahre regelmäßig in Kontakt mit Menschen mit rechten und rückwärtsgewandten Positionen gewesen, wie sie auch die AfD vertritt. Ich arbeite in einem die Zivilgesellschaft adressierenden Klimaschutz-Projekt. Da wurde es oft sehr, sehr schnell politisch." 

Was hast du von ihnen gelernt?

"Ich habe ganz deutlich gemerkt, dass es einen entscheidenden Unterschied zwischen AfD-Politikern und AfD-Wählern gibt. Viele, die die Partei wählen oder gutheißen, vertreten deren Inhalte noch lange nicht – zumal längst nicht alle diese konkret benennen können. 

Menschen, die die AfD wählen, sind nicht gleichzusetzen mit Radikalen.

Es sind vor allem Menschen mit ernstzunehmenden Sorgen und oftmals ungehörten Problemen. Wenn wir ins Gespräch kommen, geht es schon nach wenigen Minuten nicht mehr ums Klima oder Geflüchtete – sondern um ganz persönliche Schicksale."

Die AfD beruft sich darauf, einfach die Stimme rechts der Mitte zu sein. Andere bezeichnen die Partei als rechtsradikal oder gar rechtsextrem. Wie erlebst du sie?

"Wenn man sich deren politische Ziele anschaut, sprechen diese eigentlich für sich. Aber ich will nicht so viel über die AfD reden! Im Video zeigen wir doch, dass Brandenburg mehr ist als die AfD."

Okay, sorry. Aber da sich das Video gezielt am Wahlprogramm der AfD abarbeitet, frage ich halt auch nach der AfD. 

"Schon klar. Aber ich muss die Partei trotzdem nicht einordnen, das tut die von alleine. Im Wahlprogramm gibt es Vorschläge, die für mich nicht in eine Demokratie passen. Aber noch Mal: Ich will nicht gegen die AfD kämpfen, sondern für ein buntes Brandenburg. Wir sollten uns nicht von Wut leiten lassen, sondern lieber von Ideen."

Ideen! Hast du direkt eine parat?

"Ja: zuhören! Seit der Wende wurde die Vergangenheit kaum aufgearbeitet und da haben viele im Osten immer noch Redebedarf – dazu fehlten und fehlen meist Zeit, Geduld und der passende Raum. Die anderen Parteien hätten in der Vergangenheit mehr auf die Menschen zugehen müssen. Das müssen wir als Gesellschaft nachholen, auch wenn wir die Zeit, so wie ich, teils ja gar nicht selbst miterlebt haben. Wir müssen die ernst nehmen und denen zuhören, die sich abgehängt fühlen und daher zur AfD laufen. Denn die macht ja gerade genau damit Wahlkampf."

Wie die AfD im Osten Wahlkampf macht

Kern der Wahlstrategie ist der Slogan "Wende 2.0" – also der Aufruf an die Bürger, die friedliche Revolution von 1989 abzuschließen oder zu erneuern. Der Vorwurf dahinter: Deutschland unter Angela Merkel sei vergleichbar mit der SED-Diktatur der DDR.

Viele Bürgerrechtlerinnen und Bürgerrechtler, die damals gegen das echte SED-Regime auf die Straße gingen, wehren sich gegen die Vereinnahmung, nennen die AfD "geschichtsvergessen". 1989 gingen Menschen für mehr Freiheiten auf die Straße, die AfD heute stehe aber nicht für Freiheiten. (SPIEGEL ONLINE)

Besonders makaber: Vor allem Thüringenchef Björn Höcke wirbt mit der Wende und suggeriert bei Wahlkampfauftritten, er sei damals dabei gewesen. Tatsächlich ist Höcke Westdeutscher und war während der Demonstrationen 17 Jahre alt.

Jetzt sind wir doch wieder bei der AfD. Was ist bei deinem Zuhören wollen anders als bei dem Angebot, das die AfD macht?

"Die Partei gibt keine ehrlichen, menschlichen und sachlichen Antworten auf die bestehenden Probleme. Wenn ich mit Menschen ins Gespräch komme, dann geht es um Miete, um Jobs und um die Schule der Kinder. Nicht darum, an wem sie ihren Hass abreagieren möchten."

Wie machst du das nun konkret, zuhören?

"Ich gehe zum Beispiel in die Kneipe – dann bin ich nicht mehr in meiner Blase und begegne anderen Menschen und ihren Geschichten. Natürlich sind wir dann oft unterschiedlicher Meinung, aber ich habe bisher nur selten erlebt, dass die Fronten so verhärtet sind, dass man sich nicht mehr respektvoll unterhalten kann. Im Gespräch merke ich dann, der meint das gar nicht so, wie er es in seiner ersten Wut gesagt hat. Der hat das Herz eigentlich doch an der richtigen Stelle."

Also auf zum AfD-Stand und die Menschen dort einfach mal ansprechen!?

"Eigentlich doch überall im Alltag. Das ist ja auch Zivilcourage: Nicht schweigen, den Mund aufmachen."

Wir als stille Mehrheit dürfen uns nicht von den wenigen klein machen lassen, die Hass verbreiten.

Woher wisst ihr denn, dass ihr die "stille Mehrheit" seid? 

"Das merke ich in meinen Gesprächen. Das merke ich bei all den Menschen, die sich am Video beteiligen wollten. Und das merke ich jetzt vor allem bei den vielen positiven Rückmeldungen! Ich hoffe, das Video ermutigt andere, nun ebenfalls nicht zu schweigen und sich stark zu machen für ein respektvolles und tolerantes Miteinander auf Augenhöhe."

Aber hätte es dann nicht wütender werden müssen? Ihr zeichnet ein Bild von einem sehr lieblichen Brandenburg.

"Nein, das würde ich nicht sagen. Wir zeichnen ein Bild von einem sehr konstruktiven Brandenburg, in dem Neues entstehen kann, wenn wir gemeinsam anpacken. Wut rauszulassen ist gut und wichtig, aber Emotionen dürfen nicht der Katalysator für politische Entscheidungen sein."

Wenn jetzt so viel Aufmerksamkeit auf den Wahlen im Osten liegt, hilft das eurem Kampf für Toleranz?

"Eher nicht. Das Bild von Brandenburg in den Medien hat wenig mit der Realität zu tun. Der Fokus liegt oft nicht auf den vielen Engagierten, die hier Rechtsextremen die Stirn bieten oder sich teils über Jahrzehnte hinweg für ein solidarisches und vielfältiges Miteinander einsetzen."

Was wird, wenn nun die AfD doch stärkste Kraft wird?

"Puh, wie geht es mir dann? Nicht gut. Aber ich will darauf vertrauen, dass die stille Mehrheit in Brandenburg nun ebenfalls lauter wird."


Future

Wenn du diese fünf Eigenschaften hast, wärst du vermutlich ein guter Pilot
Was braucht es wohl alles, um ein guter Pilot oder eine gute Pilotin zu sein?

Welche Eigenschaften sind ein Indiz dafür, dass das mit dir und der Fliegerei etwas werden könnte? Das erklärt Dirk Schulz (41), Pilot bei der Lufthansa. Die Faszination für’s Fliegen hat er selbst beim Fallschirmspringen entdeckt und hat während seines Soziologie-Studiums entschieden, dass er Berufspilot werden will. Das Studium hat er trotzdem zu Ende gebracht und es hat ihm mehr genützt, als man vielleicht denken würde.

Und was ist mit dir? Hast du das, was es braucht, um Pilot/in zu werden?

1.) Du bist offen gegenüber anderen Menschen

„Wir arbeiten oft mit Menschen zusammen, die wir nicht kennen. Und dann auch mal unter Bedingungen, die uns viel abverlangen. Ich bin zum Beispiel neulich mit einem Kapitän geflogen, den ich nicht kannte. Wir hatten an diesem Tag viele Gewitter zu erwarten. Und vor jedem Flug müssen wir uns vorbereiten mit allem was dazu gehört: Einschätzung der Wetterlage, Spritsituation, Ausweichmöglichkeiten. Dem dann gerecht zu werden mit jemandem, den man noch nie getroffen hat, in einem komplexen Umfeld, ist immer eine hohe Anforderung.

Jeder muss mit jedem zusammenarbeiten können, auch ohne große Warm-up-Phase. Ich beobachte, dass das meist sehr gut funktioniert. Diese Offenheit scheint eine der wichtigsten Eigenschaften zu sein, nach denen im Ausbildungsprogramm ausgewählt wird.

Mein Soziologiestudium hat mir hier auch viel gebracht. In der Soziologie geht es ja immer um soziale Systeme – das kann eine Sportgruppe sein, das kann aber auch eine Crew sein. Das Studium fließt also in jedem Fall in meine Arbeit heute ein, indem ich die Erkenntnisse selbst nutze.“

2.) Du kannst deine eigenen Befindlichkeiten für die Sache zurückstellen

„Es darf an Board keine Konkurrenzsituation herrschen. Das Schlimmste ist eigentlich, wenn man gegeneinander arbeitet oder man das Gefühl hat, der oder die andere nimmt meine Arbeit nicht an. Das muss man vermeiden. Wie der mich findet oder wie ich den finde, das muss in den Hintergrund treten. Auch unter widrigen Umständen oder mitten in der Nacht, wenn der Köper das Signal sendet: du gehörst jetzt ins Bett. Man muss einfach trotzdem gut zusammenzuarbeiten.

Dazu gehört, die eigenen Befindlichkeiten nicht so hoch zu bewerten, sondern in den Vordergrund zu stellen, wie wir im Team bestmöglich zusammenarbeiten können, um den Tag zu bewältigen. Denn grundsätzlich sind wir immer in einer Situation, die theoretisch Gefahren mit sich bringen kann. Und wir schaffen es dennoch, das auf ein sehr sicheres Niveau zu heben, indem wir alle gut zusammenspielen.“

3.) Du kannst kritisch denken, bist aber nicht stur

„Das Hinterfragen ist als Grundeigenschaft wichtig und es ist sogar als Verfahren implementiert. Zum Beispiel ist es so, dass wenn man zum ersten Mal mit einem neuen Kapitän zusammenarbeitet, man explizit über die Art der Zusammenarbeit redet. Und der Grundtenor dabei ist immer: Wenn dir etwas auffällt, was dir komisch vorkommt, und du dich fragst, warum macht der das jetzt, dann sprich mich drauf an!

Der Kapitän hat dennoch den Hut auf. Es wird dann am Ende nicht demokratisch abgestimmt. Aber er hat dann alles an der Hand, um eine gute Entscheidung zu treffen.“

4.) Du hast kein Problem damit, einen Fehler zuzugeben

„Fehler können passieren, das ist menschlich. Es ist allerdings sehr wichtig, dass Fehler gemeldet und ausgewertet werden, damit wir daraus lernen können. Ein wiederholter Fehler kann zum Beispiel ein Indiz dafür sein, dass ein Verfahren geändert werden muss.“

5.) Du genießt ein Arbeitsleben, das nicht Mo-Fr und 9to5 abläuft

„Das Leben als Pilot oder Pilotin ist ein Lebensstil, der mit dem normalen 9to5 nicht synchronisiert ist. Das muss man wissen. Aber da gibt es ja eine Reihe Berufe, bei denen es unregelmäßige Schichtarbeit gibt. Unterm Strich empfinde ich das als großen Vorteil.

Bei mir ist es so, dass ich schon seit acht Jahren in Teilzeit arbeite. Die passe ich von Jahr zu Jahr unseren Anforderungen zuhause an. Ich habe zwei Kinder und bin verheiratet. Die Teilzeit kann ich jedes Jahr neu beantragen und dann hoffen, dass das auch so klappt, wie ich mir das wünsche. Ich hatte da bisher viel Glück. 80 Prozent zu arbeiten, heißt bei uns: mindestens die Hälfte des Monats frei zu haben. Plus 34 Tage Urlaub.

Also das ganz selbstverständliche ‚Am Wochenende ist halt frei, da grillen wir‘ klappt bei mir nicht immer. Dafür war ich dann aber zum Beispiel einer der wenigen Elternteile, die Zeit hatten, bei den Bundesjugendspielen zu helfen. Ich hatte dadurch schon viele Situationen, in denen ich wesentlich flexibler war als andere.“