Bild: Marc Röhlig
Woher weiß die Partei, wer sie gewählt hat?

Es ist schön in Paska. Die Gemeinde im thüringischen Saale-Orla-Kreis hat einen Ententeich und einen Spielplatz in der Dorfmitte, eine kleine Kirche und ein Gemeindezentrum. Drum herum stehen alte Vierseithöfe im Fachwerkstil, viele sind aufwendig saniert. Dort wohnen heute keine Bauern mehr, sondern Familien mit Kleinkindern.

Doch etwas stimmt nicht in Paska. 

Bei den letzten Landtagswahlen wurde das 100-Einwohner-Dorf zur Thüringer AfD-Hochburg – nun ist die Dorfgemeinschaft gespalten. 

60 der insgesamt 86 Wahlberichtigten füllten einen Stimmzettel aus – 37 davon gaben ihre Zweitstimme der AfD, also knapp zwei Drittel (Wahlergebnis Thüringen). Die restlichen Stimmen verteilen sich auf zehn weitere Parteien, acht Stimmen für die Linke sind dabei, eine einzige für die Grünen.

Die absoluten Zahlen sind nicht hoch. Doch im Dorf stehen sie für reale Konflikte. Gerade weil es wenige sind, die hier Tür an Tür wohnen, wirkt sich das Ergebnis aus. Es gibt in Paska nun jene, die für die Rechtspopulisten stimmten. Und alle anderen. Und die AfD befeuert die Spaltung.

Ortswappen in Paska: Ein geteiltes Dorf.

"Durch unser Dorf geht ein richtiger Riss", sagt Karl, "und der ist seit der Wahl noch mal spürbarer geworden". Karl ist 23 Jahre alt und kommt aus Paska, seit mehr als 100 Jahren lebe seine Familie schon hier. Er selbst studiert mittlerweile in Jena, kommt aber für die Wochenenden heim. "Dann merkt man, dass es eine gedrückte Stimmung in Paska gibt."

Viele mieden sich im Alltag oder hätten nichts mehr zu bereden. Bei Dorffesten bleibe die Hälfte der Nicht-AfD-Wähler daheim, "die anderen" hätten den öffentlichen Raum übernommen. 

Zur Wahl hat Karl für Grün gestimmt. Er ist diese eine Stimme. Karl heißt eigentlich anders. Er sagt, im Dorf könne sich zwar jeder denken, wer er ist – aber weil er Ressentiments von außerhalb fürchtet, will er seinen richtigen Namen lieber für sich behalten. 

„Nach der Wahl hatten wir ein Dorffest. Dort haben sich viele als AfD-Fans geoutet, einer trug sogar ein Shirt mit der Aufschrift "62,7 Prozent".“

62,7 Prozent ist die Quote der AfD in Paska. Es war die höchste in ganz Thüringen. Nun ist diese Quote auch eine Garantie für Lob von oben:

Durch das Dorf kursiert seit Tagen eine Einladung für ein Treffen an diesem Samstag mit Björn Höcke bei Rouladen und Klößen. Es soll ein "Danke" an die rechtspopulistische Hälfte im Dorf sein.

Ein entsprechendes Schreiben soll der AfD-Gebietsverband Saale-Orla Ende November verteilt haben. bento liegt eine Kopie vor. Neben Karl bestätigt eine weitere, unabhängige Quelle die Authentizität des Briefs. Der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke werde kommen, sowie der stellvertrende Bundessprecher und Geraer Bundestagsabgeordnete Stephan Brandner. "Essen sowie die Getränke sind für Sie natürlich kostenlos", heißt es im Brief. Das Schreiben ist "an die Einwohner von Paska" addressiert.

AfD-Einladung an die wohlgesonnenen Wählerinnen und Wähler in Paska.

Doch damit sind offenbar nicht alle Einwohner von Paska gemeint. Denn nicht alle Haushalte fanden eine Einladung in ihrem Briefkasten, sondern wie es aussieht nur jene, die die AfD gewählt haben sollen. Da im Ort mittlerweile jeder von jedem wisse, wer wie gewählt habe, sei es auch nicht schwer, die Briefe entsprechend zu verteilen, sagt Karl.

„Meine Familie hat so einen Brief nicht erhalten – wir sehen das stolz als Auszeichnung.“

Es ist das eine, ob Menschen untereinander darüber sprechen, welche Partei sie unterstützen. Es ist etwas anderes, wenn eine Partei weiß, welche Bürgerinnen und Bürger sie gewählt haben und welche nicht. In Deutschland gilt das Wahlgeheimnis. Es soll Wählerinnen und Wähler davor schützen, dass ihre Stimmabgabe von außen beeinflusst wird und es ihnen ermöglichen, ihr Kreuz wirklich da zu setzen, wo sie es für richtig halten. Es soll verhindern, dass Wähler unter Druck gesetzt werden. Oder dass sie auf irgendeine Art dafür abgestraft werden können, die vermeintlich falsche Partei gewählt zu haben. 

Es gibt einen guten Grund dafür, warum Parteien nicht wissen dürfen, wer sie wählt. Es könnte letztlich zu einer Zweiklassengesellschaft mitten in der Demokratie führen.

Zwei weitere Familien bestätigen gegenüber bento, von dem Brief zu wissen, ihn selbst aber nicht erhalten zu haben. Insgesamt wurden so mindestens zehn Wahlberechtigte außen vor gelassen. "Die Spannungen im Ort hatten sich gerade beruhigt", sagt eine Frau, die anonym bleiben möchte. "Diese Einladung kocht nun alles wieder hoch." Wie oder von wem die Einladung in Paska verteilt wurde, kann sie nicht sagen. Eine andere Bewohnerin witzelt am Telefon: 

„Da gibt‘s Ente – mit extra brauner Soß!“

Darauf habe sie sowieso keine Lust.

Doch die Ungleichbehandlung spaltet das Dorf. "Hier wussten auch vorher schon alle, wie die politischen Fahnen ausgerichtet sind", sagt Karl, "aber nun sind die Fronten verhärtet". Bei Festen oder Veranstaltungen würden sich nun nur noch die AfD-Wähler treffen, die übrigen Paskaer blieben daheim. "Es war schon immer schwer, über Politik zu sprechen. Jetzt passiert das gar nicht mehr."

Seine und andere Familien würden über Möglichkeiten nachdenken, sich den anderen wieder anzunähern, sagt Karl. Ein Runder Tisch zum Beispiel, "aber da fehlt halt auch der neutrale Mediator". Also schweige man sich weiter an.

Paska geht es nicht schlecht. Zwar gibt es keinen Bäcker mehr und der Bus kommt nur noch selten. Trotzdem ist der Spielplatz neu eingerüstet, Ende der Neunziger wurde das Dorf in einer Thüringer Initiative umfangreich saniert. Das Saale-Gebiet ist ein beliebtes Ferienziel, die Region gehört zu den wirtschaftsstärksten in Thüringen.

Dass seine Heimat nun zur AfD-Hochburg wird, betrübt Karl. "In den Tagen nach der Wahl habe ich von vielen Freunden Nachrichten bekommen, Kommilitonen kamen im Hörsaal auf mich zu und sprachen mir Beileid aus." Und immer wieder sei die Frage gekommen: Was ist da bei euch los?

Presseanfragen an die AfD zu der Veranstaltung blieben sowohl vom Kreisverband als auch der Thüringer Landtagsfraktion bis zum Samstagmittag unbeantwortet. Auch der Gasthof wollte sich nicht äußern. Es ist daher unklar, auf welcher Grundlage die Partei die Haushalte ausgewählt hat, an die sie die Einladungen verteilt hat.

Mit Björn Höcke und Stephan Brandner treffen die Paskaer zudem zwei besonders umstrittene Thüringer AfD-Größen zur Dankesfeier. 

Höcke ist eine der führenden Figuren des völkischen Flügels, mittlerweile darf er amtlich als "Faschist" bezeichnet werden (MDR). Wer seine Reden hört und seine Schriften liest, weiß, dass der Politiker offen rassistische Positionen vertritt. Der Jurist Brandner war bis vor Kurzem Vorsitzender des Rechtsausschusses des Bundestags. Weil er immer wieder durch rassistische Provokationen auffiel, wurde er der Funktion enthoben – etwas, das es in der Geschichte des Bundestags zuvor noch nicht gegeben hatte (DER SPIEGEL). Auf ihrem jüngsten Parteitag wählte ihn die AfD in den Bundesvorstand.

Immerhin, sagt Karl, hoffe er, dass die exklusive Einladung einigen Paskaern nun die Augen öffne. Nicht alle würden sich wirklich mit den Inhalten der AfD auseinandersetzen. "Nach dem Samstag kann wenigstens keiner mehr sagen, er wisse nicht, wer Höcke ist."

Mitarbeit: Fabian Schmidt


Gerechtigkeit

Spendensammlung für Frauenhass: Wikimannia steht vor dem Aus - angeblich
Experten halten das angekündigte Aus für einen Fake.

"Wikimannia wird sterben." Diese Ankündigung, die seit einigen Tagen auf der Startseite des antifeministischen Hetzportals prangt, sorgte in sozialen Medien für Jubel. "Es ist nicht alles schlecht an 2019", schreibt beispielsweise der Journalist Mario Sixtus auf Twitter. Auch medial wird das selbsterklärte Aus aufgegriffen. Aber ist Wikimannia wirklich am Ende? Experten zweifeln daran.

Was ist Wikimannia? 

Seit 2009 gibt es das Portal, das von sich selbst behauptet, "eine Wissens-Datenbank über Be­nach­teili­gun­gen von Jungen und Männern, sowie Be­vor­zu­gun­gen von Maiden und Frauen" zu sein. Der Name soll suggerieren: Eine Art Wikipedia aus männlicher Sicht. Wer genau hinter Wikimannia steckt, ist unbekannt, der Name im Impressum ist wahrscheinlich gefälscht (taz).

Auf den ersten Blick sieht die Seite Wikipedia zum Verwechseln ähnlich. Ein genauerer Blick auf die Inhalte lässt jedoch schnell erkennen, dass es sich nicht um eine wertfreie Sammlung von Informationen handelt. Das große Feindbild der Seite ist der Feminismus, laut Wikimannia "ein skrupelloses Netzwerk aus narzisstischen Frauen und unter­würfigen Männern." 

In insgesamt mehr als 5400 Artikeln wird die angebliche Benachteiligung von Männern in der Gesellschaft beschrieben. Als vorgebliche Belege dafür dienen willkürlich zusammengesammelte Zitate, Social-Media-Posts und Einträge aus rechtsexremen Blogs. 

Wie funktioniert Wikimannia? 

Ein großer Teil des Arbeitsprinzips der Wikimannia sind diffamierende Artikel zu Einzelpersonen, die sich feministisch engagieren. Wie zum Beispiel Jasna Strick. Wenn man die Autorin und Mitinitiatorin des feministischen #Aufschrei googelt, steht der Wikimannia-Eintrag an dritter Stelle. "Immer wieder muss ich Menschen erklären, dass das keine seriöse Quelle ist." Selbst in Interviews mit professionellen Journalisten sei sie auf Infos angesprochen worden, die nur bei Wikimannia zu finden sind.