Bild: dpa; Montage: bento

Der baden-württembergische AfD-Landtagsabgeordnete Wolfgang Gedeon fordert ein Ende der Stolperstein-Aktionen. Mit den Steinen wird in vielen deutschen Städten der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Gedeon bezeichnet sie nun als "Erinnerungs-Diktatur".

Auf seiner Homepage hat er einen öffentlichen Brief gegen die Steine veröffentlicht. Den Brief richtet Gedeon vor allem an den Oberbürgermeister der Stadt Singen. 

Der Hintergrund: Singen plant, drei Stolpersteine für Ernst Thälmann und seine Familie zu verlegen. Thälmann war zur Zeit des Nationalsozialismus Chef der Kommunistischen Partei Deutschlands und wurde von den Nazis verfolgt. 1944 wurden er und seine Familie im Konzentrationslager Buchenwald getötet.

Nun behauptet AfDler Gedeon über die Stolpersteine: 

"Mit ihren Aktionen versuchen die Stolperstein-Initiatoren ihren Mitmenschen eine bestimmte Erinnerungs-Kultur aufzuzwingen und ihnen vorzuschreiben, wie sie wann wessen zu gedenken hätten."

Die Forderung erinnert an den Thüringer AfD-Chef Björn Höcke, der im Januar vergangenen Jahres ebenfalls ein Ende der "lächerlichen Bewältigungspolitik" forderte (bento). Das hatte Höcke damals bei seiner Rede in Dresden gesagt:

"Die Deutschen sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in seine Hauptstadt pflanzt."
Er meint: Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Es erinnert an die Ermordung von sechs Millionen Juden im 2. Weltkrieg.
"Bis heute sind wir nicht in der Lage, unsere eigenen Opfer zu betrauern."
Er meint: Anstatt an die Opfer der Nazis zu erinnern, sollte Deutschland gefallenen Soldaten mehr Beachtung schenken.
"Diese lächerliche Bewältigungspolitik lähmt uns. Wir brauchen eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad."
Und die Erinnerungskultur sei eine "nach 1945 begonnenen Umerziehung", die Demokratisierung eine "Rodung deutscher Wurzeln".
Er meint: Wir sollen uns auf die NS-Zeit besinnen. Alles danach war von den USA inspirierter demokratischer Quatsch.
Die Alliierten wollten "mit der Bombardierung der deutschen Städte nichts anderes als uns unsere kollektive Identität rauben."
"Ich möchte euch als neue Preußen", rief er den Jugend-Mitgliedern der AfD zu.
Er meint: Er will einen neuen Militärstaat, ein autoritäres Deutschland wie zu Kaisers Zeiten.
Die AfD dürfe nicht "den Kontakt zu befreundeten Bürgerbewegungen verlieren".
Er meint: vor allem die fremdenfeindliche Pegida. Offiziell hält die AfD eigentlich Abstand.
Die Rede ist auf dem YouTube-Kanal des rechten Mediums "CompactTV" zu sehen.
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Wer ist Gedeon?

Der AfD-Politiker sitzt im Landtag von Baden-Württemberg – dort allerdings als fraktionsloser Einzelabgeordneter. Er fällt immer wieder durch antisemitische Äußerungen auf, selbst in der Partei ist er umstritten. Mehrere AfDler wollten Gedeon bereits aus der Partei ausschließen (bento). Das Ausschlussverfahren wurde jedoch im Dezember aus Mangel an Beweisen eingestellt

Anderen mangelt es nicht an Beweisen: Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, nennt Gedeon offiziell einen Holocaust-Leugner. Der AfD-Politiker wollte dagegen klagen, verlor aber erst kürzlich vor Gericht. (Die Zeit)

Worum geht es bei der Stolperstein-Aktion?

Die Stolpersteine werden seit vielen Jahren durch den Künstler Gunter Demnig in ganz Europa verlegt. Es handelt sich um kleine goldene Pflastersteine, auf denen Namen und Lebensdaten von Opfern der Nationalsozialisten eingraviert sind. (Stolpersteine.eu)

  • So sehen die Stolpersteine aus:
Wer durch eine Stadt spaziert, wird durch die Steine so auf die Vergangenheit des Ortes aufmerksam gemacht – und erfährt, wie viele Leben durch die Nationalsozialisten ausgelöscht wurden.

Meist werden die Steine vor dem letzten Wohnsitz der Betroffenen ins Gehwegpflaster eingelassen. Oft handelt es sich um jüdische Familien, derer gedacht wird. Aber auch andere NS-Opfer – Opfer des Euthanasieprogramms oder politisch Verfolgte zum Beispiel – bekommen Stolpersteine.

In ganz Europa sind nach Angaben von Demnig mittlerweile mehr als 60.000 Steine verlegt, die meisten davon in Deutschland.

Der AfD-Politiker Gedeon will nun aus zwei Gründen gegen die Stolpersteine vorgehen: 

  1. Ihm ist die Erinnerungskultur zuwider. 
  2. Ihm ist speziell auch Ernst Thälmann zuwider. Der Kommunist wollte angeblich eine "rote Diktatur" in Deutschland errichten, schreibt Gedeon. Ihn jetzt zu würdigen, verwandele Deutschland in eine "Groß-DDR"

Dass es eine der wahrscheinlich spannendsten Leistungen Deutschlands ist, sich kritisch mit seiner Vergangenheit auseinander zu setzen und an düstere Kapitel zu erinnern, scheint der Abgeordnete der AfD nicht zu verstehen. 

Dabei kann man sich durchaus um die Form des Gedenkens streiten: 

So sprach sich die ehemalige Vorsitzende des Zentralrates der Juden, Charlotte Knoblauch, wiederholt gegen die Gedenksteine aus – allerdings aus ganz anderen Gründen. "Für mich ist der Gedanke unerträglich, dass diese Menschen und die Erinnerung an sie erneut mit Füßen getreten wird", sagte sie bei einer Debatte um Stolpersteine in München. Unter anderem wegen ihres Engagements sind Stolpersteine München auf öffentlichem Grund untersagt. (Süddeutsche Zeitung)

Und der ehemalige Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Hamburgs, Daniel Killy, warf dem Künstler vor, sich einen "politisch korrekt ummantelten Businessplan" geschaffen zu haben. (NDR)

Eine Sache ist aber für alle klar: Das Gedenken an den Holocaust ist wichtig für Deutschland – ob in Schulbüchern, auf Steinen oder in Form von Denkmälern.


Fühlen

Hilfe, ich werde 30! Warum hinterfrage ich plötzlich mein Leben?
"Warum stehe ich lieber im Club als ein Kinderzimmer einzurichten?"

Ich werde 30 Jahre alt. Ein Alter, das an einige Stigma gebunden ist. Der 30. Geburtstag gilt in unserer Gesellschaft als Wendepunkt im Leben. 

Und wo stehe ich? 

Klar, ich bin weniger impulsiv als noch vor einigen Jahren. Ich weiß, was ich in einer Beziehung nicht will. Und ich brauche keine Lupe mehr, um die ersten Falten zu sehen.