Bild: dpa/privat/AfD; Montage: bento
Im Interview erklärt er, warum es dabei nicht nur um seine Würde geht.

Alassa Mfouapon, 30, aus Kamerun, hatte es nach eigenen Aussagen nicht leicht, nach Deutschland zu fliehen: 2014 habe er Kamerun verlassen, nach Abschluss seines Studiums, nachdem seine Frau im Bürgerkrieg angeschossen wurde. In Libyen sei er von seiner Frau und dem Sohn getrennt worden. Alassa sei dann eingesperrt und gefoltert worden, dann habe er die Überfahrt nach Italien geschafft. Als seine Frau auch über das Mittelmeer floh, sei das Boot gekentert, der zweijährige Sohn sei ertrunken.

Jetzt muss er sich in Deutschland dagegen wehren, ein "Rädelsführer" und Gewalttäter zu sein.

Auslöser war ein Vorfall aus dem Frühjahr 2018: In einer Erstaufnahmeeinrichtung in Ellwangen waren damals Geflüchtete und Polizisten aneinandergeraten. Die Geflüchteten wollten die geplante Abschiebung eines Freundes verhindern, friedlich, sagen sie. Die Polizei wollte sich den Protest nicht gefallen lassen und rückte mit 500 Beamten zu einer Großrazzia an. (mehr dazu bei bento)

Was rechtens war und wer recht hat, wird seither diskutiert. Vor allem die "Bild" und die AfD stellten den Vorfall als kriminellen Übergriff von Geflüchteten dar. Die AfD-Co-Chefin Alice Weidel bezeichnete ihn als "Rädelsführer" von Unruhen. Die "Bild" behauptete, er sei bei Tumulten "mittendrin" gewesen.

Alassa aber sagt: Er habe nie Unruhen organisiert und gegen niemanden Gewalt ausgeübt. Er werde von Weidel und der "Bild" verleumdet.

Die "Bild" verlor bereits im Februar vor dem Hamburger Landgericht gegen Alassa: Sie darf Teile ihres Artikels über Alassa nicht weiter verbreiten (taz). Alassas Anwalt Frank Stierlin sagte zu bento, die Chancen stünden nun gut, dass das Urteil gegen Alice Weidel ähnlich ausfällt. Eine Entscheidung soll am 20. September fallen.

Wir haben Alassa gefragt, warum es ihm so wichtig ist, richtigzustellen, was  AfD und "Bild" über Geflohene verbreiten und was er sich von dem Prozess erhofft.

(Bild: privat)

Alassa wird vom "Freundeskreis Alassa" unterstützt, einem Verein, in dem sich auch Aktivisten der linksradikalen MLPD organisieren.

Alassa, was ist aus deiner Sicht damals in Ellwangen passiert?

"Das war Ende April. Vier Polizisten sind gekommen, um unseren Freund abzuholen. Sie hatten ihm direkt Handschellen angelegt, er hat geweint. Wir haben eine friedliche Demo dagegen organisiert. Friedlich, weil wir niemanden angriffen haben – wir haben uns einfach nur vor das Polizeiauto gestellt."

Du warst mit dabei?

"Ja."

Wie ging es dann weiter?

"Sie fuhren weg und kamen mit vielen Polizisten zurück, mehr als 500. Wir haben nicht verstanden, was das sollte. Es war ein sehr brutaler Angriff, eine richtige Machtdemonstration. Viele von uns haben damals alle Hoffnung verloren. Sie sind in alle Zimmer gestürmt, haben Türen eingebrochen ohne anzuklopfen. Sie haben gemacht, was sie wollten."

Du sprichst von einem Angriff.

"Ja, sie waren sehr brutal. Sie haben uns mit Plastik-Handschellen gefesselt und unsere Räume durchsucht."

Das ist über den Vorfall in Ellwangen bekannt:

Die Polizei war zwei Mal in Ellwangen. Einen ersten Einsatz brach sie ab, in der Pressemitteilung bezeichnete sie die Geflüchteten damals als "extrem aggressiv und gewaltbereit", ein Polizeiauto sei beschädigt worden. Nach Recherchen der taz gibt es aber Zweifel, ob es in Ellwangen tatsächlich Gewalt und einen Angriff gegeben hat.

Drei Tage später kam die Polizei mit einem Großaufgebot von 500 Beamten wieder. In der Pressemitteilung begründete die Polizei ihr Vorgehen damit, einen "rechtsfreien Raum" in der Einrichtung verhindern zu wollen. 292 Personen wurden laut einer späteren Pressemitteilung kontrolliert, 23 leisteten Widerstand. Bei dem Einsatz wurden insgesamt elf Bewohner verletzt.

Das Amtsgericht Ellwangen hat nun eine Untersuchung eingeleitet, ob die Razzia überhaupt rechtens war (Stuttgarter Nachrichten).

Wie hast du danach die Medienberichte über den Vorfall wahrgenommen?

"Es gab sehr viele Artikel. Die meisten waren eher auf unserer Seite und haben die Ungerechtigkeit gegen uns thematisiert. Aber es gab auch Medien wie die 'Bild' oder den 'Deutschlandkurier', die uns schlecht machen wollten."

Polizei und Medien berichten, mehrere Geflüchtete hätten sich aggressiv verhalten. Was sagst du zu dem Vorwurf?

"Nein, das ist falsch. Wir sind friedlich geblieben. Wir haben uns nur hingestellt und laut 'Nein' zur Abschiebung gesagt."

Und nun klagst du gegen die, die das trotzdem behaupten. Wie kam es dazu?

"Es geht nicht darum, gegen wen ich vorgehe – sondern darum, wer gegen uns Geflüchtete vorgeht. In Ellwangen habe ich mich als Dolmetscher und Aktivist für andere engagiert, die nicht so gut Deutsch oder Englisch können. Die Rolle fiel mir eher zu. Nun versuche ich, ihr gerecht zu werden.

Ich kann es nicht ertragen, wenn Menschen, die eigentlich Rechte haben, die Stimme genommen wird.

Viele versuchen, uns die Menschenwürde abzusprechen. Also setze ich mich nun gerichtlich zur Wehr."

Was genau stört dich?

"Die schlechten Berichte gegen mich und andere sorgen dafür, dass uns Menschen hassen.

Und es geht ja nicht nur um Geflüchtete, sondern auch um meine persönliche Sicherheit. In den Zeitungen und bei der AfD taucht mein Gesicht und mein Name auf, dazu benutzen sie viele böse Begriffe über mich und verbreiten Falschmeldungen. Es heißt unter anderem, ich sei illegal in Deutschland. Das ist einfach falsch."

Wie die AfD über Geflüchtete spricht:

Die AfD hetzt einseitig und verzerrend gegen Geflüchtete und Ausländer. Zu diesem Urteil kommen Medienwissenschaftler aus Hamburg und Leipzig. 

Die Forscher haben 242 Pressemitteilungen der AfD auf Bundes- und Landesebene zum Thema Kriminalität im Zeitraum vom 1. Januar bis zum 30. Oktober 2018 untersucht. Das Ergebnis: In 95 Prozent der Pressemitteilungen geht es um Straftaten, die mutmaßlich von Nicht-Deutschen verübt wurden. Besonders häufig wurden Geflüchtete aus Syrien, Afghanistan und dem Irak in den Mittelpunkt gestellt. (WDR)

Das verzerrt die Wirklichkeit extrem: Laut der Polizeilichen Kriminalstatistik für 2018 hatten tatsächlich insgesamt 65,5 Prozent der mutmaßlichen Täter einen deutschen Pass und 34,5 Prozent eine andere Nationalität. Syrer, Iraker und Afghanen waren mutmaßlich sogar nur für 5,2 Prozent der Kriminalfälle verantwortlich. 

Aber du wurdest doch vergangenes Jahr abgeschoben.

"Ja, ich wurde einen Monat nach den Vorfällen in Ellwangen abgeschoben. Ich sollte wieder nach Italien, dort war ich zuerst registriert."

Warum bist du nicht dort geblieben, sondern ein zweites Mal nach Deutschland gekommen?

"Ich habe es versucht. Ich war von Deutschland enttäuscht und wollte wirklich einen Neuanfang in Italien starten. Aber das System dort ist sehr flüchtlingsfeindlich. Egal, was ich gemacht habe und wie sehr ich mich engagiert habe: Nach einem halben Jahr war ich obdachlos, arbeitslos und hoffnungslos. Also habe ich gewartet, bis ich wieder legal nach Deutschland kommen konnte. Jetzt versuche ich es hier noch einmal."

Wie die Aussagen über Alassa eingeordnet werden:

Alassa Mfouapon musste im Juni 2018 Deutschland verlassen. Nach dem Dublin-Verfahren wurde Italien als Land seiner Ersteinreise für ihn zuständig. Im Dezember 2018 kam er nach Deutschland zurück, allerdings nicht illegal, wie die "Bild" behauptet – sondern legal nach Ablauf einer Einreisesperre, schreiben seine Anwälte in einer Erklärung.

Auch soll Alassa kein "Rädelsführer" bei den Protesten in Ellwangen gewesen sein. Die Staatsanwaltschaft Ellwangen teilte anlässlich der negativen Berichte in einer Pressemitteilung mit, dass "keine Hinweise auf eine unmittelbare Beteiligung" vorliegen.

Der Prozess gegen die "Bild"-Zeitung ging zu deinen Gunsten aus. Was erhoffst du dir im Prozess gegen Alice Weidel?

"Ich sage immer: Die Wahrheit wird siegen. Dabei ist es egal, ob du als kleiner Mann gegen eine mächtige Politikerin oder Organisation kämpfst, ob du verlierst oder gewinnst. Wichtig ist, dass du weißt, was wahr ist, und dass es Freunde gibt, die an dich glauben."

Aber glaubst du, dass sich die Haltung der AfD gegenüber Geflüchteten dadurch ändert?

"Darum geht es nicht. Es geht darum, den Falschmeldungen etwas entgegenzusetzen.

Und es geht darum, anderen zu zeigen, dass Geflüchtete auch Menschen sind und Rechte haben.

Aber durch den Prozess stehe ich nun natürlich auch in der Öffentlichkeit. Ich bekomme viele Hassnachrichten und Todesdrohungen. Mein Facebook-Konto habe ich bereits gelöscht, um mich zu schützen."

Wie denken andere Geflüchtete über deinen Prozess, was sagen sie dir?

"Am Anfang war ich sehr allein. Viele rieten mir, es lieber hinzunehmen und leise zu bleiben. Aber als ich den Prozess gegen die 'Bild' gewann, kamen immer mehr zu mir und sagten, dass sie toll finden, was ich mache. Es zeigt, dass wir eben keine Menschen zweiter Klasse sind."


Gerechtigkeit

Aktivisten haben das Bahngleis zum VW-Werk in Wolfsburg blockiert – was wollen sie?

Das Volkswagen-Stammwerk in Wolfsburg war am Dienstag fast komplett abgeriegelt. Mehr als 700.000 Neuwagen werden hier im Jahr produziert, 80 Prozent davon werden laut Sprecher über eine einzelne Bahntrasse ausgeliefert.

Dieses eine Gleis vor dem Wolfsburger VW-Werk haben Aktivisten besetzt – um für mehr Klimaschutz zu protestieren.

Die Aktivistinnen und Aktivisten haben an mehreren Stellen einen ausfahrenden Autozug blockiert. Einige hatten sich am Zug selbst festgebunden, andere an den Gleisen davor. Eine dritte Gruppe hatte sich an der Schienenbrücke über den Mittellandkanal abgeseilt. Über diese Brücke kann der Zug sonst ins benachbare Fallersleben und aufs deutsche Schienennetz rollen.

Nach etwa fünf Stunden Blockade begann die Polizei am Nachmittag mit der Räumung. Nach Polizeiangaben sind 120 Beamtinnen und Beamten im Einsatz. Sie werfen den Blockierenden einen "gefährlichen Eingriff in den Bahnverkehr" vor. 

Was wollen die Aktivistinnen und Aktivisten mit ihrer Blockade erreichen? Und wie reagierten Volkswagen und Polizei auf die Aktion? 

bento hat mit den Akteuren gesprochen.

1 Wie lief die Blockade ab?

Die Aktivisten behaupten, als "unabhängige Kleingruppe" zu agieren und mit rund 30 Personen die Auslieferung von Neuwagen verhindern zu wollen. Sie blockieren vor dem VW-Werk das Bahngleis, einige sind auch in die Autostadt gelangt und besetzen dort das Foyer. Nach eigenen Angaben wollen sie mit der VW-Führung reden.