Weil sie auf ihrer Internetseite über Schwangerschaftsabbrüche informierte, landete die Ärztin Kristina Hänel vor Gericht. Das Urteil: 6000 Euro Geldstrafe. Inzwischen ist das Verfahren neu aufgerollt – und der verantwortliche Paragraf 219a reformiert. Seit dieser Woche informiert eine Liste der Bundesärztekammer darüber, welche Ärzte und Praxen in Deutschland Abtreibungen durchführen (SPIEGEL). 

Doch die Liste sorgt für neue Kritik. Viele Medizinerinnen und Mediziner, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen, fehlen auf der Liste. Und einige wollen auch gar nicht darauf auftauchen. Was stört Ärzte an der Neuregelung? Und wie könnte ein besseres Informationsangebot für Schwangere aussehen?

Fragen für Alicia Baier: Die 28-jährige Ärztin ist die Gründerin der Gruppe "Medical Students for Choice". An der  Berliner Charité setzen sie eine Reform des Lehrplans durch. Außerdem erklären sie Medizinstudierenden Abbrüche praktisch – mit Hilfe von Papayas.

Alicia Baier ist Ärztin und angehende Allgemeinmedizinerin. Die Idee für die Berliner Gruppe "Medical Students for Choice" kommt eigentlich aus den USA.

(Bild: privat)

bento: Du setzt dich seit deinem Medizinstudium für mehr Informationen über Schwangerschaftsabbrüche ein. Jetzt gibt es zum ersten Mal eine Übersicht der Ärztinnen und Ärzte, die das anbieten. Bist du zufrieden? 

Alicia Baier: Nein. In dieser Form erinnert die Liste eher an die Sammlungen, die Abtreibungsgegnerinnen und -Gegner zusammenstellen. Das ist kein wirkliches Hilfsangebot für Frauen in einer schwierigen Situation. Ich finde es absurd, dass man offenbar glaubt, ein einziges PDF könne die ganze Diskussion um Abtreibungen beenden.

Welche Informationen fehlen dir?

Es gibt zum Beispiel keine zuverlässigen Angaben über die Methoden, mit der Ärztinnen und Ärzte den Abbruch durchführen. Die beiden einzigen Felder sind 'medikamentös' und 'operativ', dahinter können sich ganz unterschiedliche Dinge verbergen. Oft wird auch noch die Ausschabung genutzt, obwohl Absaugungen als deutlich sicherer und weniger schmerzhaft gelten. Auch bis zu welcher Schwangerschaftswoche Ärzte einen Abbruch anbieten, steht dort nicht, dabei wäre auch das für viele Betroffene sehr wichtig. 

Das eigentliche Problem ist aber, dass die Liste gar nicht anders aussehen darf. Das Informationsverbot für Ärztinnen wurde nur minimal aufgeweicht. Wenn ich als Medizinerin erklären möchte, warum und wie ich Schwangerschaftsabbrüche durchführe, kann ich auf der Liste dazu nichts angeben. Man muss sich also fragen, ob es sich überhaupt lohnt, in diesem Verzeichnis genannt zu werden.

So scheint es auch anderen Ärzten zu gehen. Bislang stehen auf der Liste erst 87 von 1200 medizinischen Einrichtungen in Deutschland, die Abtreibungen durchführen. Woran könnte das liegen?

In der jetzigen Form wirkt die Liste, zumindest auf mich, sehr abschreckend. Das ist keine Hilfe, sondern ein Pranger. Wir haben ja in den vergangenen Monaten erlebt, wie kontrovers das Thema diskutiert wurde. Beratungsstellen wurden belagert, Ärztinnen, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen, wurden bedroht. In dieser Situation finde ich es grundsätzlich schwierig, alle Mediziner auf einer bundesweiten Liste zu sammeln.

Dazu kommt, dass Ärzte sich selbst darum kümmern müssen, auf der Liste zu stehen. Die Bundesärztekammer hat für den Anfang fast nur bestehende Listen aus Hamburg und Berlin genutzt und dann noch einmal nachgefragt. Das hat den Effekt, dass fast nur Ärzte aus diesen Städten genannt werden. Aus Nordrhein-Westfalen, einem Bundesland mit fast 18 Millionen Einwohnern, stehen bislang genau drei Ärztinnen auf der Liste. Das Vorgehen ist einfach absurd. 

Die Bundesärztekammer spricht davon, dass die Liste Rechtssicherheit schaffe und Frauen in Notlagen helfe. Kann es sein, dass vielen Medizinerinnen und Medizinern die bisherigen Angebote einfach reichen?

Ich habe den Eindruck, dass vielen das ganze Thema eher unangenehm ist. Beim Ärztetag 2018 stimmte eine Mehrheit gegen eine Abschaffung des Paragrafen 219a. Viele fordern, dass man eher restriktiv mit dem Thema umgeht. 

Aber natürlich spüren auch Ärzte den gesellschaftlichen Druck. Die Zahl der Einrichtungen, die Abtreibungen anbieten, sinkt seit Jahren (Zeit Online). Dadurch wird die Situation noch schwieriger: Auf der einen Seite gibt es Regionen, in denen fast niemand mehr Abbrüche anbietet. Die verbliebenen Ärzte müssen dann immer mehr Verantwortung übernehmen. Auf der andere Seite kommen angehende Ärzte in der Ausbildung aber auch immer seltener mit dem Thema in Berührung. 

Du hast die Gruppe "Medical Students for Choice" gegründet, die mehr Informationen zum Thema fordert. Wie müsste ein Angebot aussehen, mit dem du zufrieden wärst?

Wir wollen, dass schon im Medizinstudium offen über Schwangerschaftsabbrüche gesprochen wird. Bislang ist das meist nicht der Fall. Uns geht es nicht darum, dass Studierende praktisch Abtreibungen üben. Wir wollen aber, dass über die rechtlichen, ethischen und medizinischen Aspekte des Themas diskutiert wird. In der Gynäkologie ist der Schwangerschaftsabbruch einer der häufigsten chirurgischen Eingriffe. Anders als sich das viele vorstellen, ist es ein einfacher, risikoarmer Eingriff, auch Allgemeinärztinnen können ihn durchführen, wenn sie entsprechend dazu ausgebildet werden.

Bislang passiert das aber nur relativ selten. Ich habe zum Beispiel erstmals einen Abbruch mitbekommen, als ich für ein Semester in Frankreich war. Dort gibt es in fast jedem Krankenhaus mit gynäkologischer mindestens eine Person, die Abtreibungen durchführt. Über das Thema wird deshalb zwangsläufig öfter gesprochen. Diese offene Atmosphäre würde ich mir auch bei uns wünschen. Wenn Ärzte Schwangerschaftsabbrüche anbieten, sollten sie das auch selbst sagen dürfen und dabei auch erklären können, wie sie vorgehen. 

Du hast erzählt, dass du im Rahmen deiner Facharztausbildung bald selbst lernen wirst, wie Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt werden. Willst du dich eigentlich selbst auf die Liste setzen lassen, wenn du eine eigene Praxis hast?

Es wird noch einige Zeit dauern, bis meine Facharztausbildung zu Ende ist. Ich hoffe, dass ich bis dahin selbst entscheiden kann, wo und wie ich über meine Arbeit informiere.


Future

Das Jobtrio erklärt: Wie werden aus Kollegen Freunde?

Fast 35 Stunden pro Woche verbringen erbwerbstätige Deutsche durchschnittlich bei der Arbeit, weiß das Statistische Bundesamt. Überstunden sind dabei nicht mitgerechnet. In vielen Branchen ist die Arbeitszeit höher, Menschen, die in Teilzeit arbeiten, ziehen den Schnitt wieder nach unten. So oder so: Es ist viel Zeit, die wir im Büro oder in der Werkstatt verbringen.

Kein Wunder also, dass wir uns dort oft nach Freunden umsehen. Frollegen, sozusagen. Menschen, mit denen wir uns auch privat gut verstehen und mit denen wir an langen Arbeitstagen über das Wochenende oder den nächsten Urlaub reden können, vielleicht auch über ganz persönliche Probleme oder Gedanken.

Das ist auch gut für die Arbeit. "Freundschaften zwischen Kollegen bereichern den Betrieb ungemein", meint beispielsweise die Arbeitspsychologin Sabine Hommelhoff von der Unversität Erlangen. Menschen, die bei der Arbeit eine persönliche Ebene zu anderen finden, sind zufriedener und motivierter, sagt sie.

Doch wie findet man Kolleginnen und Kollegen, mit denen man sich bei der Arbeit auch privat versteht?

Das Jobtrio sucht Antworten.