Bild: dpa / Jacek Bednarczyk

20 Mediziner kauern in Warschau auf Matratzen in einem Kinderkrankenhaus, sie befinden sich im Hungerstreik. Assistenzärzte, Psychologen, Krankenschwestern – alle wollen sich so gegen das polnische Gesundheitssystem wehren. 

Der Protest weitet sich aus, mittlerweile wird auch in Krakau, Breslau, Danzig oder Stettin gestreikt. (Welt)

Der Grund: Das Gehalt reicht nicht zum Leben – und das trotz extremer Arbeitsbedingungen.

Vier Ärzte sind dieses Jahr in Polen gestorben – wegen Erschöpfung. (SPIEGEL ONLINE) Zuletzt war eine 39-Jährige nach ihrem Dienst kollabiert und hatte einen Herzinfarkt erlitten. 

Assistenzärzte verdienen in Polen umgerechnet etwa 600 bis 700 Euro netto im Monat.

Weil sie von dieser niedrigen Bezahlung nicht leben können und weil es zu wenige medizinische Angestellte im Land gibt, arbeiten viele in Doppel- oder Dreifachschichten, meist in verschiedenen Krankenhäusern. (Deutschlandfunk24

Die Streikenden fordern deshalb: Mindestens 6,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) sollen zukünftig ins Gesundheitswesen fließen. 

Aktuell werden nur etwa 4 Prozent des BIP in das polnische Gesundheitssystem investiert. Im Vergleich: In Deutschland flossen 2015 rund 11 Prozent des BIP in die Gesundheit. (Gesundheitsberichterstattung des Bundes)


Die Konsequenz: Nachwuchsärzte verlassen Polen und arbeiten im Ausland. 

Rund 11.000 polnische Ärzte und 17.000 Krankenschwestern sind ausgewandert, was zu einem noch größeren Ärztemangel führt. (tagesschau)

Die polnische Regierung reagiert verhalten auf den Streik.

Anfang Oktober wollte die polnische Regierungschefin Beata Szydło von der nationalkonservativen PiS-Partei eigentlich mit den Streikenden sprechen, schickte aber einen Stellvertreter. Anschließend versprach sie, ab 2018 die Einstiegsgehälter für Mediziner um 40 Prozent zu erhöhen. (SPIEGEL ONLINE)

So campieren die jungen Mediziner im Warschauer Kinderkrankenhaus.(Bild: Magdalena Shafie)

Der Forderung der Mediziner kommen sie nur bedingt entgegen: Sie schlagen eine Investitions-Steigerung auf 6 Prozent im Gesundheitssektor vor.

Bisher sind die Versprechungen der polnischen Politik nur Worte, die Streikenden bleiben auf ihrem Posten.

Wir haben mit drei Teilnehmern des Hungerstreiks gesprochen und sie gefragt, wieso sie protestieren.

Damian, 30, Anästhesist in Łódź, protestierte in Warschau: 
(Bild: Magdalena Shafie)

"Ich habe fast fünf Tage nichts gegessen, dann musste ich aufgeben. Ein Kollege checkt während des Hungerstreiks unsere Gesundheit, mein Zustand hatte sich nach 105 Stunden drastisch verschlechtert. Ich bin jetzt wieder zurück in Łódź, eigentlich wollte ich nochmal für zwei Wochen zur Unterstützung nach Warschau. Leider konnte für mich aber kein anderer bei der Arbeit im Krankenhaus einspringen

Ich liebe meinen Job, habe tolle Kollegen und einen Chef, auf den ich mich verlassen kann. Aber ich streike wegen des Systems.

Seit zwei Jahren fordern wir Ärzte von der Regierung eine bessere Bezahlung und eine geringere Arbeitslast. Bisher hat sich nichts getan – deshalb mussten wir zu krasseren Mitteln greifen. Wir machen uns mit dem Hungerstreik selbst schwach, um für die Schwachen, also unsere Patienten, einzustehen.

So ein Protest ist natürlich unbequem: Wir haben auf Matratzen auf dem Boden des Krankenhauses geschlafen, drei Wochen campieren andere Ärzte jetzt in diesem Lager. Das Leben im Krankenhaus läuft normal weiter: Die Patienten und Mitarbeiter stolpern über die Streikenden, das Licht ist 24 Stunden an.

Ich habe das Gefühl, dass die Bevölkerung uns unterstützt.

Viele Patienten zeigen sich solidarisch: Eine 62-jährige Patientin hat gestern beschlossen, ebenfalls in den Hungerstreik zu treten.  

Ich würde mir wünschen, dass Polen endlich ein geregeltes Gesundheitssystem wie in Deutschland bekommt. Viele Berufsgruppen zahlen bei uns so wenig ein – das muss sich ändern."

Mikolaj, 26, Assistenzarzt aus Posen, streikt gerade in Warschau: 
(Bild: Mikolaj Sinica)

Nach sieben Tagen Hungern war Schluss bei mir, dann konnte ich nicht mehr. Zur Unterstützung bin ich noch in Warschau und helfe bei der Organisation.

Das Verhandeln mit der Regierung bringt nichts – deshalb haben wir beschlossen, die Lage eskalieren zu lassen.

Was uns wichtig ist: Dieser Streik soll nicht auf dem Rücken der Patienten ausgetragen werden. Dafür nehmen sich die Ärzte extra Urlaub. Die anderen Streikenden übernehmen die Krankenhausschichten der Hungernden, viele kommen nach der Arbeit noch mal vorbei.

Müde Ärzte, müdes Pflegepersonal – das sehe ich bei der Arbeit jeden Tag. Wer im polnischen Gesundheitssystem arbeitet, ist permanent überfordert, das Arbeitspensum lässt sich nicht bewältigen.

Es gibt Kraft, wenn alle glauben, dass es richtig ist, zu hungern.

Einen leeren Magen zu haben, ist nicht einfach. Menschen werden emotionaler, sind schneller gereizt oder traurig. Aber ich denke, unser Protest kommt gerade zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Außerdem haben wir Psychologen in unseren Reihen, die uns während des Streiks seelisch unterstützen.

Katarzyna, 34, Ärztin für Orthopädie, unterstützt den Streik in Warschau: 
(Bild: Katarzyna Pikulska)

Krankenschwestern, Ärzte, Psychologen – Mediziner aller Fachrichtungen sind in Warschau im Hungerstreik. An Tag 4 ist das Magenknurren am größten, auch wenn wir Gemüsesaft trinken. Das geht auch auf die Psyche, viele weinen, das Sprechen fällt schwer. Neun Tage Hungern habe ich durchgehalten, dann bekam ich Gelbsucht.

Der Zuspruch von außen ist überwältigend: Jeden Tag kommen Menschen vorbei und bringen uns Blumen, Säfte oder Strümpfe mit. Eine Dame kommt regelmäßig mit ihrem Hund, damit er uns Trost spendet. 

Mein Umfeld wusste erst nicht, dass ich beim Hungerstreik mitmache. Meine Mutter hat mich am dritten Tag in den Abendnachrichten gesehen. Dass ich nichts mehr gegessen habe, hat sie natürlich besorgt. Meine Freunde haben mich immer unterstützt und mir zum Beispiel persönliche Sachen ins Krankenhaus gebracht.

Ich hungere, weil Ärzte wegen der Arbeitsbedingungen in Polen sterben.

Wenn du als Ärztin in Polen arbeitest, fehlt es an allem: Das fängt bei großen Geräten an und hört dabei auf, dass die Patienten ihr Klopapier selbst mitbringen. Schwangere bekommen verdünnte Milch zu trinken, weil es manchmal nicht genug zu essen für sie gibt. 

Ich war bei 20 Treffen mit Politikern – alle ohne Ergebnisse. Wir wollen endlich unter normalen Umständen arbeiten und leben, es muss sich etwas im Gesundheitssystem tun. 

Das denken junge Polen über die Regierungsreform:


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