Bild: Marc Röhlig
... Wolkenkratzer. Aber um den geht es nur am Rande.

Hohe Gebäude gehören zum guten Ton in Autokratien. In den Vereinigten Arabischen Emiraten steht der Burj Khalifa mit mehr als 800 Metern, Saudi-Arabien baut am Kingdom Tower mit mehr als 1000 Metern.

Nun will Ägypten noch mehr: In der Hafenstadt Alexandria soll das nächste höchste Gebäude der Welt entstehen, also mit mehr als einem Kilometer Höhe. Vorbild ist laut der Behörden von Alexandria der Leuchtturm von Pharos – eines der antiken Weltwunder, das 268 Jahre vor Christus vor Alexandria stand und rund 130 Meter hoch war. (Egyptian Streets)

Die Baupläne sind ein weiteres Beispiel der Großartigkeit Ägyptens. Erst am Wochenende hatte der SPD-Chef und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel bei einem Staatsbesuch den ägyptischen Präsidenten Abdel Fattah al-Sisi als "beeindruckenden Präsidenten" bezeichnet. Recht hat er. Hier sind vier weitere Gründe, warum Ägyptens Präsident beeindruckend ist:

Volksnähe: Ägypten posieren mit einer Sisi-Puppe.(Bild: Marc Röhlig)
1. Er ist ein toller Bauherr

Neben dem Wolkenkratzer gibt es noch weitere Pläne für die Zukunft des Landes. Al-Sisi plant unter anderem eine neue Hauptstadt, "sechs Mal größer als Disneyland" und ein Refugium für die Reichen des Landes. Die bisherige Hauptstadt Kairo, so befürchten Kritiker, würde dann zu einem Millionen-Slum werden. (Qantara.de)

Bereits fertig gebaut wurde "Der neue Suezkanal". Der heißt allerdings nur so, weil die eigentlich richtigere Bezeichnung – "Die neue, teilweise Erweiterung eines Teilabschnitts des alten Suezkanals" – zu lang ist. 2014 hatte Al-Sisi den Ausbau des Schiffskanals zwischen Afrika und Asien beschlossen, ein Jahr und einige Unfalltote später war er fertig. Ägypten hoffte auf stärkeren Schiffsverkehr und damit mehr Einnahmen, tatsächlich fährt der Kanal aber Miese ein.

Immerhin klappt es auf dem Energiesektor: Siemens baut in Ägypten Gaskraftwerke, Russland versprach ein Atomkraftwerk. Vor allem der Siemens-Deal dürfte der Grund sein, warum Wirtschafts- und Energieminister Gabriel so lobende Worte für Ägypten fand. Praktisch: Wenn sich Ägypten die Kraftwerke nicht leisten kann, übernimmt Deutschland die Kosten. (SPIEGEL ONLINE)

"Aus Liebe zu Ägypten": Sisi-Plakat bei einer Panzer-Ausstellung(Bild: Marc Röhlig)
2. Er ist ein großer Feldherr

Al-Sisi war mit dem Versprechen ins Präsidialamt gekommen, Ägypten Stabilität zu schenken. Nach dem Arabischen Frühling 2011 hatte zunächst ein islamistischer Präsident geherrscht, viele Menschen im Land fürchteten daher einen Gottesstaat oder gar ein Bikini-Verbot an Ägyptens Badestränden. Al-Sisi stürzte den Präsidenten, tötete bis zu tausend Demonstranten (Amnesty International) und ließ die Muslimbruderschaft, aus deren Kreis der Ex-Präsident kam, als Terrororganisation einstufen (SPIEGEL ONLINE).

Seitdem nennt die Regierung jedoch jeden einen Terroristen, der ihr nicht ins Bild passt: demonstrierende Jugendliche, Oppositionspolitiker, Journalisten. Der "Kampf gegen den Terror" – beziehungsweise gegen die eigene Bevölkerung – bewirkt bislang genau das Gegenteil: Mittlerweile hat sich eine Abspaltung des "Islamischen Staates" in Ägypten gefestigt, Armee und Polizei erleben so viele Anschläge wie nie zuvor ("Der Tagesspiegel"). Im harten Vorgehen gegen die Islamisten passieren Fehler: Eine mexikanische Reisegruppe wurde fünf Mal aus der Luft beschossen, bevor die Armee den Fehler bemerkte ("The Guardian").

"Nazis sind verboten": Graffiti in Kairos Innenstadt(Bild: Marc Röhlig)
3. Er fördert die freie Meinung

Kurz nach dem Arabischen Frühling gründeten sich in Ägypten viele neue Online-Medien – vor allem junge Ägypter hofften auf eine neue Meinungsvielfalt. Mittlerweile werden Journalisten wieder eingesperrt und Zeitungen zensiert. Ägypten liegt mit der Anzahl verhafteter Journalisten auf Platz 2, nur hinter dem Riesenreich China. (Comitee to Protect Journalists) Einheimische Reporter verschwinden in Foltergefängnissen, ausländischen Journalisten wird die Akkreditierung entzogen. Die Inhaftierung dreier Al-Jazeera-Mitarbeiter erregte weltweites Aufsehen (BBC).

Ein "Anti-Terror-Gesetz" verbietet Journalisten, abweichend von der offiziellen Regierungsmeinung zu berichten (tagesschau.de). Bekannte Kultur-Begegnungsstätten und Nicht-Regierungsorganisationen, darunter die deutsche Konrad-Adenauer-Stiftung, wurden geschlossen. Bars und Cafés müssen sich mit Überwachungskameras ausrüsten.

"Ägyptens künftiger Adler": Sisi-Poster vor einem Kairoer Geschäft(Bild: Marc Röhlig)
4. Er ist dein Freund und Helfer

Experten sind sich einig: Unter Abdel Fattah al-Sisi erlebt Ägypten derzeit eine schlimmere Diktatur als unter dem Langzeitdiktator Husni Mubarak. Ägypten ist wieder ein Polizeistaat: Mehr als 40.000 Menschen sollen Menschenrechtsorganisationen zufolge in Haft sein (Daily News Egypt). Allerdings stammen diese Zahlen bereits von 2014, neue Einblicke in die Gefängnisse des Landes gibt es nicht.

Dringen Berichte aus den Gefängnissen, lesen sie sich so gruselig wie dieser hier:

Auch Ausländer bekommen die Polizeigewalt zu spüren: Eine 22-jährige Französin wurde nachts aus ihrem Hotelzimmer geholt und außer Landes geflogen, weil sie für ihre Bachelorarbeit über Jugendbewegungen im Land geforscht hatte (Al-Karama). Der 28-jährige Italiener Giulio Regeni wurde vor wenigen Monaten tot aufgefunden, nachdem er für eine Doktorarbeit über Ägyptens Arbeiterschaft geforscht und gebloggt hatte. Offiziell soll er Opfer eines Verbrechens geworden sein, allerdings deuten Foltermerkmale (herausgerissene Fingernägel, abgeschnittene Ohren, Brandwunden) auf die Arbeitsweise des ägyptischen Geheimdienstes hin (SPIEGEL ONLINE). Italien hat nun aus Wut seinen Botschafter abgezogen.

Der Hintergrund:

​Was passierte in Ägypten seit dem Arabischen Frühling?

Als Anfang 2011 der Langzeitherrscher Husni Mubarak gestürzt wurde, waren die Menschen euphorisch. In der ersten freien Wahl des Landes kürten sie 2012 den Muslimbruder Mohammed Mursi zum neuen Präsidenten. Dieser verteilte Posten jedoch vor allem an Unterstützer der Bruderschaft – das Volk fürchtete eine schleichende Islamisierung. Im Sommer 2013 gingen wieder Tausende auf die Straße, angeführt von einer aus der Armee finanzierten Protestgruppe. Der General Abdel Fattah al-Sisi stürzte schließlich Mursi und ließ sich 2014 selbst zum Präsidenten wählen. Ägypten, über Jahrzehnte ein vom Militär unterdrückter Staat, wurde nach nur zwei Jahren wieder genau das: ein vom Militär unterdrückter Staat.

Wie herrscht Sisi seitdem?

Zum Machterhalt geht Sisi mit aller Härte vor, Justiz und Polizei arbeiten Hand in Hand. Rund 41.000 Menschen wurden laut Menschenrechtsaktivisten allein bis Mitte 2014 inhaftiert. Seither gibt es keine verlässlichen Zahlen mehr. Mehr als 1000 Menschen kamen bei Niederschlagungen von Protesten gegen Sisi um, die Muslimbrüder werden im Land als Terroristen geächtet. Hunderte wurden in eiligen Willkürprozessen zum Tode verurteilt. Ein Antidemonstrationsgesetz verbietet seit Ende 2014 jeden Protest.

Seit Sisi im Sommer vergangenen Jahres bei Bundeskanzlerin Angela Merkel und später beim britischen Premier David Cameron zur Audienz durfte, hat er die Zügel daheim noch einmal drastisch angezogen. Ein Antiterrorgesetz bestraft Journalisten, die abweichend von der Staatsmeinung berichten. Viele studentische Protestgruppen von 2011 wurden als staatsfeindlich eingestuft. Kinder und Jugendliche verschwinden spurlos (Bericht der "Arab Organisation for Human Rights in UK" als PDF); Studenten, Oppositionspolitiker und Journalisten werden gefoltert und umgebracht (Daily News Egypt). Selbst für das Posten einer Sisi-Karikatur mit Mickey-Maus-Ohren folgen langjährige Haftstrafen (Deutschlandradio).

Abdel Fattah al-Sisi schaltet kritische Stimmen im Land aus, verbietet Opposition und unterdrückt seine Bevölkerung mit Gewalt und Folter. Es ist nicht ganz klar, was Sigmar Gabriel dazu brachte, ihm deshalb als "beeindruckenden Präsidenten" zu bezeichnen. Aber vielleicht ist al-Sisi in dem Maße ein beeindruckender Präsident, wie Sigmar Gabriel ein beeindruckender Sozialdemokrat ist.


Gerechtigkeit

Warum jetzt wieder viele Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken

Im südlichen Mittelmeer hat sich offenbar wieder ein Flüchtlingsunglück ereignet. Und wieder sollen Hunderte Flüchtlinge ertrunken sein. Nach Angaben der italienischen Küstenwache sind mehr als 300 Flüchtlinge umgekommen, die in mindestens vier Booten auf dem Weg von Ägypten in Richtung Europa waren. Ägyptische Medien berichten von bis zu 400 Opfern. (SPIEGEL ONLINE)

Das Unglück erinnert an eine Katastrophe vor genau einem Jahr: Damals waren 800 Migranten vor der libyschen Küste ertrunken. Sie waren in einem Schmugglerboot eingeschlossen, das Leck schlug und sank.