Bild: YouTube

Shaimaa Ahmad wollte provozieren. Die 25-Jährige gehört zu den Nachwuchstalenten der ägyptischen Musikszene, als "Shyma" singt sie Lieder über Liebe, Sehnsucht, Leidenschaft. Es sind die Dauerbrenner in der arabischen Popszene. 

In ihrem neusten Musikvideo spielt sie eine Lehrerin, die einigen Männern im Klassenzimmer den Kopf verdreht – indem sie an Äpfeln und Bananen lutscht. In einer Szene gießt sie lasziv Milch über eine Banane, die Botschaft ist eindeutig. Der Song heißt "Ich habe Probleme".

Nun hat Shaimaa tatsächlich Probleme: Denn seit der Bananen-Nummer sitzt sie in Haft.

Sie wurde wegen dem Verdacht auf "Erregung von Ausschweifungen" festgenommen. Seit dem Wochenende ist sie hinter Gittern, die Staatsanwaltschaft will sie mindestens eine Woche in Untersuchungshaft behalten. Gegen den Regisseur des Musikvideos wurde ebenfalls ein Haftbefehl erlassen. (Al-Arabiya).

Die Verhaftung wird in Ägypten nun heiß diskutiert. Shaimaa musste sich bereits öffentlich entschuldigen, ihre Facebook-Seite wurde gesperrt, Kopien des Videos werden auf YouTube immer wieder gelöscht.

Das sind die Szenen aus ihrem umstrittenen Video:
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Der Umgang mit der Popsängerin zeigt, wie schwer sich das arabische Land noch immer mit Sexualität tut.

Die Mehrheit der Ägypter sind Muslime, eine Minderheit christliche Kopten. Insgesamt ist die Gesellschaft sehr konservativ, Jugendliche feiern dennoch in Clubs, trinken Alkohol und führen auch voreheliche Beziehungen. Gerade die ägyptische Popkultur greift das immer wieder auf. 

Über Sex zu singen, ist in Ägypten nicht verboten. Doch ein 1961 erlassenes Gesetz gegen "sexuelle Ausschweifungen" nutzen die Behörden für alles, was ihnen anrüchig erscheint. Dahinter steckt ein politisches Kalkül: Das Regime kann sich so als beschützender Staat inszenieren, er sich um die Moral der Bevölkerung kümmert. Nebenbei lenkt es von wirklichen Problemen wie Islamismus, Armut und der kriselnden Wirtschaft ab. 

Vor allem Homosexuelle werden mit dem "Ausschweifungsgesetz" gejagt (bento). Aber auch Bauchtänzerinnen und eben hin und wieder Popsängerinnen. Im Mai 2015 wurde zuletzt die Sängerin Salma El-Fouly verhaftet, weil sie in einem Video mit dem Sänger Wael El-Sedeki "zu erotisch" getanzt hatte. Der Aufschrei war groß – was sie betraf. Ihr Ko-Sänger kam davon. (Egyptian Streets)

Generell gelten für männliche Sänger andere Standards. Der libanesische Sänger Fares Karem gilt zum Beispiel als Bad Boy im arabischen Pop. Seine Lieder sind nur wenig dezent, in "El Tanoura" heißt es zum Beispiel: "Ihr Rock ist sehr kurz, nur anderthalb Handbreit lang; durch ihre Bluse kann ich sehen".

Und diesen Sommer wurden Auftritte der Band Mashrou' Leila verboten. Bei einem Konzert in Kairo war eine Regenbogenflagge gesichtet worden – sie steht als Symbol für die LGBT-Community. Ägyptische Behörden machten im Anschluss Jagd auf Fans der Band, mindestens 57 Menschen wurden festgenommen. Die Ägyptischen Initiative für Persönlichkeitsrechte (EIPR) nennt es eine gezielte Verhaftungswelle

Nun hat es "Shyma" getroffen – und die Empörung zeigt, dass die ägyptische Gesellschaft immer noch nicht weiter ist. 

In Talkshows wurde sie als "unsittlich" bezeichnet, die Staatszeitungen empörten sich über die "Verdorbenheit der Jugend"

"Ich hätte nicht gedacht, dass das passiert", schrieb die Sängerin auf ihrer mittlerweile gesperrten Facebook-Seite. Gleichzeitig entschuldigte sie sich bei allen, die das Video "in einer unangebrachten Weise gesehen haben". Shaimaa meint, der "Wunsch nach Berühmtheit" hätte sie zum Video ermutigt. (El-Fann, Arabisch)

Ob das erotische Musikvideo am Ende nur Kalkül war und "Shyma" auf Publicity gehofft hat, lässt sich nur schwer sagen. Fest steht: Die arabische Musikszene spielt immer wieder mit sexuellen Andeutungen, gerade weil es in der Gesellschaft als Tabu gilt. 

Wird Shaimaa angeklagt, drohen ihr mehrere Jahre Haft – oder die Verhandlung fällt in sich zusammen. Beide Fälle hat es bei vorherigen "Ausschweifungs"-Angeklagten bereits gegeben, es ging in den Prozessen immer vor allem um die öffentliche Debatte, weniger um die tatsächlichen Fälle.

Zumindest Ägyptens Jugend nimmt es mit Humor. Auch wenn das Original-Video gelöscht ist – im Netz tauchen seither immer wieder Kopien auf, die sich über die Diskussion rund um Shaimaa lustig machen. In den Zusammenschnitten kombinieren sie Teile des Musikvideos mit Szenen ägyptischer Politiker wie dem Präsidenten Abdel Fattah al-Sisi.

Die Spaßvideos zeigen, was viele junge Ägypter denken: Es könnten vor allem alte Männer sein, die bei Shaimaas Musikvideo große Augen bekommen haben.


Streaming

Nein, es wird keine "Harry Potter"-Serie auf Netflix geben

Die "Harry Potter"-Romane sind alle längst abgefilmt, die Auskopplung "Fantastische Tierwesen" läuft im Kino und die Fortsetzung "Cursed Child" in London im Theater. Aber was bitte sollen die Fans an einem ganz normalen Sonntagnachmittag machen? Wo bleibt der Potter für den Alltag, wenn man die Bücher schon auswendig kennt?

Eine Fanseite kennt angeblich die Antwort: Netflix verfilmt "Harry Potter" neu, als Serie!

Die Facebook-Seite "Hogwarts, movie" hat ein entsprechendes Foto dazu gepostet. Darauf ist Harry Potter mit grünen Augen und seiner blitzförmigen Narbe zu sehen. Alles sieht nach einer typischen Netflix-Optik aus, das Logo des Streamingdiensts ist auch zu sehen.