Bild: Marc Röhlig
Der Staat verschleppt seine Bürger.

Aktivisten haben in Ägypten eine App entwickelt, mit der man Angehörige um Hilfe rufen kann, wenn man entführt wird. Es ist ein neuer Versuch der Jugend, sich gegen eine immer brutalere Diktatur im Land zu schützen – im vergangenen Jahr verschwanden nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen wie der Egyptian Commission for Rights and Freedoms (ECRF) mehrere hundert Menschen spurlos.

Viele Aktivisten vermuten die Staatspolizei hinter den Entführungen. Die App "I Protect", ein Projekt von ECRF, soll nun Bürger vor der Willkür der Polizei schützen (ECRF).

Wie schlimm sind die Entführungen in Ägypten?

ECRF geht von mehr als 900 Entführten in den vergangenen zwölf Monaten aus, mehr als 1250 Menschen seien gar in den acht Monaten davor verschleppt worden.

Bei den meisten handelt es sich demnach um Demokratieaktivisten und Menschenrechtler, die in den vergangenen Jahren gegen Ägyptens Regierung auf die Straße gegangen waren. Der ägyptische Staat stecke sie Foltergefängnisse, oft werden die Angehörigen nicht informiert. So wolle Ägypten jeden Protest ersticken, so die Vorwürfe der Aktivisten.

Auch andere Menschenrechtsorganisationen berichten von den Entführungen: Human Rights Watch listet mehrere Dutzend Verschleppungen zwischen 2013 und 2015 auf (HRW), Amnesty International schreibt in einem Bericht vom Juli von weiteren Hunderten Entführungen seit März 2015 (Amnesty International). Ägypten erlebe seitdem einen "beispiellosen Anstieg an Zwangsentführungen".

Zu dem Zeitpunkt wurde ein neuer Innenminister in Ägypten bestimmt. Das Innenministerium ist für die Polizei- und Geheimdienstarbeit zuständig – es koordiniert aus Sicht der Menschenrechtler die systematische Verschleppung.

In der Fotostrecke – Der Arabische Frühling in Ägypten:
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Wie funktioniert die Anti-Entführungs-App?

"I Protect" gibt es für Android und schickt bei Aktivierung drei SOS-Nachrichten mit dem Standort an ausgewählte Kontakte – auch die ECRF erhält eine Mail mit dem aktuellen Standort. So können die Familie und die Menschenrechtskommission im besten Fall zu einer nahen Polizeistation kommen.

Die Hoffnung dahinter: So kann der Entführte gefunden werden, bevor er in ein Gefängnis verschleppt wird. "Das reduziert die Gefahr, Folter oder anderen schlimmen Behandlungen ausgesetzt zu werden", sagte der ECRF-Leiter Mohammed Lotfy dem britischen "Guardian".

Damit die App nicht erkannt wird, sieht sie wie ein normaler Taschenrechner aus. Nur die Nutzer können sie mit Codes aktivieren. Das ist nötig: Schon früher gab es die App Beyt2ebed 3alia ("Ich werde verhaftet"), die ägyptische Bürger bei Protesten vor Polizeizugriffen warnten. Als der Staat von ihr wusste, verhaftete er Jugendliche bereits für den Besitz der App.

Was sagt der Staat?

Die Regierung bestreitet die Entführungen. Es gebe "null" Fälle, sagte der Innenminister Magdy Abdel Ghaffar zuletzt im März (Daily News Egypt). Das Außenministerium postete ein Statement auf Facebook, in dem es Amnesty International mangelnde Objektivität vorwarf: Die Menschenrechtsorganisation wolle Ägypten bewusst schaden.

Der Hintergrund:

Was passierte in Ägypten seit dem Arabischen Frühling?

Als Anfang 2011 der Langzeitherrscher Husni Mubarak gestürzt wurde, waren die Menschen euphorisch. In der ersten freien Wahl des Landes kürten sie 2012 den Muslimbruder Mohammed Mursi zum neuen Präsidenten. Dieser verteilte Posten jedoch vor allem an Unterstützer der Bruderschaft – das Volk fürchtete eine schleichende Islamisierung.

Im Sommer 2013 gingen wieder Tausende auf die Straße, angeführt von einer aus der Armee finanzierten Protestgruppe. Der General Abdel Fattah al-Sisi stürzte schließlich Mursi und ließ sich 2014 selbst zum Präsidenten wählen. Ägypten, über Jahrzehnte ein vom Militär unterdrückter Staat, wurde nach nur zwei Jahren wieder genau das: ein vom Militär unterdrückter Staat.

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