Eine neue Plattform dokumentiert die Polizeigewalt in Ägypten.
Es sind 858 Stunden Wahrheit. Und das ägyptische Regime kann sie nicht zensieren. 

Am 25. Januar 2011 versammelten sich in Ägyptens Hauptstadt Kairo Hunderttausende Menschen, um gegen den damaligen Präsidenten Husni Mubarak zu demonstrieren. Mehrere Tage lang gingen sie während des Arabischen Frühlings auf die Straße, schließlich trat Mubarak zurück. Es folgten: eine Präsidentschaftswahl, eine Revolution, ein Putsch. 

Heute wird Ägypten wieder von einem Diktator beherrscht, der ehemalige Feldmarschall Abdel Fattah al-Sisi regiert das Land noch härter als einst Mubarak. Und doch haben sich Aktivisten zum siebten Jahrestag der einstigen Revolution nun getraut, eine Plattform ins Netz zu stellen, die alle Zeugnisse über die Aufstände zusammenträgt.

Die Plattform heißt 858.ma und archiviert Videos aus sieben Jahren Revolution. Wer sie durchscrollt, sieht, wie Schläger auf Kamelen reitend durch Demonstranten preschen, sieht, wie auf Menschen geschossen wird, wie Tausende mutig demonstrieren, ein Mann fassungslos einen Verband auf seine Stirn drückt. 

Es sind die großen und kleinen Momente eines Aufstandes, und die hässlichen. 

Das ägyptische Medienkollektiv "Mosireen" hat sie alle in jahrelanger Arbeit zusammengetragen. 858 von 858.ma steht für die Anzahl an Videostunden, die die Aktivisten zusammengetragen haben. Die Top-Level-Domain ma steht für Marokko – denn in Ägypten selbst kann so eine Plattform nicht bestehen. Sie würde sofort wieder gesperrt werden.

Was passierte in Ägypten seit dem Arabischen Frühling?

Als Anfang 2011 der Langzeitherrscher Husni Mubarak gestürzt wurde, waren die Menschen euphorisch. In der ersten freien Wahl des Landes kürten sie 2012 den Muslimbruder Mohammed Mursi zum neuen Präsidenten. Dieser verteilte Posten jedoch vor allem an Unterstützer der Bruderschaft – das Volk fürchtete eine schleichende Islamisierung.

Im Sommer 2013 gingen wieder Tausende auf die Straße, angeführt von einer aus der Armee finanzierten Protestgruppe. Der General Abdel Fattah al-Sisi stürzte schließlich Mursi und ließ sich 2014 selbst zum Präsidenten wählen. Ägypten, über Jahrzehnte ein vom Militär unterdrückter Staat, wurde nach nur zwei Jahren wieder genau das: ein vom Militär unterdrückter Staat.

Viele junge Ägypter, die damals auf die Straße gingen, schweigen heute – Sisi hat sie zum Schweigen gebracht.

Er hat Ägypten in ein Freiluftgefängnis umgebaut: Etwa 60.000 Menschen wurden laut Menschenrechtsaktivisten inhaftiert. Mehr als 1000 Menschen kamen bei Niederschlagungen von Protesten gegen Sisi ums Leben, ein Antidemonstrationsgesetz verbietet seit Ende 2014 jeden Protest. Ein Antiterrorgesetz bestraft zudem Journalisten, die abweichend von der Staatsmeinung berichten. 

Viele studentische Protestgruppen von 2011 wurden als staatsfeindlich eingestuft. Kinder und Jugendliche verschwinden spurlos (Bericht der "Arab Organisation for Human Rights in UK" als PDF), Studenten, Oppositionspolitiker und Journalisten werden gefoltert und umgebracht (Daily News Egypt). Selbst für das Posten einer Sisi-Karikatur mit Mickey-Maus-Ohren folgen langjährige Haftstrafen (Deutschlandradio).

Umso wichtiger ist die Arbeit von "Mosireen", den Aktivisten hinter der 858-Plattform. Ihr Name bedeutet "Wir sind entschlossen".

Es handelt sich um eine Gruppe von Künstlern, die sich 2011 während der Aufstände zusammengetan haben. In einem Medienzelt dokumentierten sie die Revolution, filmten Tränengasangriffe und Leichenhäuser. 2016 begannen sie, das Material zu sichten und zu sortieren. Es soll ein Zeugnis der Polizeigewalt sein, die in Ägypten nie überwunden wurde. 

Auch wenn das Regime unter Sisi verspricht, für Demokratie einzustehen, führt es die Gewalt fort. 858.ma stellt dieser offiziellen Lesart des Regimes etwas entgegen. Neben der Staatsmeinung existieren nun diese Videos, die einfach zeigen, was ist.

Das jetzige Regime ist ein ganz anderes als das vorherige, Sisi regiert noch repressiver als Mubarak, er lässt den Menschen keinerlei Freiheiten.
Mosireen, (Die Zeit)
Die Frage ist, wie viele Ägypter die Plattform zu Gesicht bekommen. 

Im März wählt das Land einen neuen Präsidenten. Diktator Abdel Fattah al-Sisi hat angekündigt, wieder zu kandidieren. Einer seiner aussichtsreichsten Gegenkandidaten wurde gerade erst verhaftet, andere traten vorsorglich wieder von der Kandidatur zurück.


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