Bild: Marc Röhlig
Besser keine Dating-Apps im Urlaub benutzen.

Alles begann mit einer Regenbogenflagge. Die Bässe übertönten das sonst immer laute Kairo, die Fans tanzten im zuckenden Scheinwerferlicht. Und einige hatten eine der bunten Flaggen dabei – das Symbol der LGBT-Bewegung. 

Ägyptens Jugend war zum Konzert zusammengekommen. Zum Konzert einer Band, die in der arabischen Welt höchst umstritten ist: die libanesische Band Mashrou' Leila. Ende September war die Rockband in der ägyptische Hauptstadt aufgetreten. Ihr Sänger Hamed Sinno ist eine Ikone der kleinen, aber umso schrilleren arabischen LGBT-Szene – er bekennt sich zu seiner Homosexualität.

Doch die Bilder der fröhlich mit Regenbogenflagge feiernden Ägypter waren den Behörden zu viel – und haben eine neue Hetzjagd auf Schwule im Land ausgelöst. Wieder einmal.

Nun warnt sogar das Auswärtige Amt: Für Menschen der LGBT-Szene ist Ägypten ein gefährliches Pflaster. Der gefürchtete Geheimdienst des Regimes macht selbst über Dating-Apps Jagd auf Schwule.

Die Verfolgung von Schwulen hat im Land System. Ein paar Beispiele:

2011 wurden bei einer Razzia auf einem Nilboot 52 Männer verhaftet. Sie hatten auf dem Boot eine Party gefeiert. 23 wurden später zu Gefängnisstrafen verurteilt.
2013 wurde eine bekannte Cruising Area in Kairo von der Polizei überrannt und abgesperrt. 63 Männer wurden verhaftet.
2014 stürmte die Polizei ein Badehaus, ein TV-Team begleitete die Razzia. 26 Männer wurden festgenommen, sie waren dabei nackt im Fernsehen zu sehen.
Die Behörden warfen den Saunagängern "homosexuelle Ausschweifungen" vor – ein Gericht sprach sie später frei.
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​Das Militärregime will so beweisen, dass es einen konservativen Staat führen kann.

Das sagt Mohammed, 32 Jahre alt und aus Kairo. Er ist selbst schwul und will seinen vollständigen Namen nicht verraten. 

Ägypten wird vom Diktator Abdel Fattah al-Sisi geführt. 2011 hatten die Ägypter im Zuge des Arabischen Frühlings den Langzeitherrscher Husni Mubarak gestürzt. Unter ihm ging die ägyptische Justiz hart gegen Homosexuelle vor. Während der Aufstände gegen ihn schwenkte Mohammed mit seinen Freunden erstmals die Regenbogenflagge auf den Straßen.

Abgelöst wurde Mubarak vom Muslimbruder Mohammed Mursi, er wurde der erste frei gewählte Präsident. Die Muslimbrüder sind eine islamistische Vereinigung, sie wollten Ägypten deutlich konservativer prägen. Unter ihnen ging es den Schwulen wieder schlechter.

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Nun sei alles noch schlimmer als zuvor, sagt Mohammed. Sisi hatte Mursi 2013 in einem Putsch gestürzt und Ägypten übernommen. Er versucht, das Land am Nil mit harter Hand zu regieren. Gerade konservativen Ägyptern will er mit der Jagd auf Schwule zeigen: Auch ich bin ein guter Muslim.

Es gibt Islamisten im Land, die regelmäßig Anschläge gegen das Militär verüben – das Regime nutzt sie als Vorwand, um gegen alle Andersdenkenden vorzugehen, Journalisten, Oppositionelle, Menschenrechtler. Und eben Schwule. "Das Regime arbeitet mit der Angst der Menschen vor allem vermeintlich Unmoralischen", sagt Mohammed.

Eine beliebte Methode des Regimes: Fake-Profile in Dating-Apps wie "Grindr" erstellen.

Die App ist eine Art Tinder für Schwule. Da es in Kairo und anderen ägyptischen Städten keine Clubs und Parks gibt, in denen sich Schwule ungestört bewegen können, nutzen viele die App, um zu daten. Polizei und Geheimdienst nutzen das aus – und verhaften dann ihre Dates beim Treffen.

Homosexualität ist in Ägypten nicht offiziell verboten. Doch ein 1961 erlassenes Gesetz gegen "sexuelle Ausschweifungen" nutzen die Behörden immer wieder, um Jagd auf die "Ausschweifenden" zu machen. Auch wenn in späteren Verhandlungen viele wieder frei gelassen werden, wird das Gesetz als willkürliche Machtdemonstration genutzt. Mohammed sagt, viele Homosexuelle seien nach der kurzen offenen Phase während des Arabischen Frühlings längst wieder "unsichtbar" geworden.

Das Konzert von Mashrou' Leila war nun ein kurzer Lichtblick. Viele hofften, wieder ihre Sexualität ausleben zu können. Etwa 30.000 Besucher waren gekommen, in den sozialen Netzwerken Ägyptens hatten viele auf die Veranstaltung hingefiebert. 

Die Band selbst freute sich über die Chance auftreten zu dürfen – im vergangenen Jahr war bereits ein Auftritt in Jordanien abgesagt worden (bento).

Das Ergebnis, nachdem die Bilder mit der Regenbogenflagge bekannt wurden: Mashrou' Leila wurde für weitere Auftritte in Ägypten gesperrt, mindestens 57 Konzertgänger wurden festgenommen. 

Die Ägyptischen Initiative für Persönlichkeitsrechte (EIPR) nennt es eine gezielte Verhaftungswelle. Mehr als 230 LGBT-Personen wurden demnach insgesamt seit 2013 eingesperrt.

In den Medien wird nun erneut von einer "homosexuellen Krankheit" gesprochen, muslimische und christliche Prediger im Land warnten vor einem Sittenverfall. Die Behörden kontrollierten, wer auf seinen Social-Media-Profilen mit Regenbogenflagge zu sehen ist (Egyptian Streets). Und auch Mohammed sagt, die Verfolgungswelle sei noch lange nicht vorbei: "Es wird schlimmer und schlimmer".

  • Was jedoch neu ist: Die Diskussionen gehen dieses Mal weiter, mit den Verhaftungen ist nicht Schluss. Viele junge Ägypter wollen sich ihre Sexualität nicht vorschreiben lassen – und bekennen sich. 

Auch Mohammed setzt sich für eine neue Offenheit ein. Auf seinem Facebook-Foto trägt er ein schwarzes Shirt mit den Pyramiden von Gizeh, darüber erstrahlt ein Regenbogen. Und der Spruch: "Hey, mein Mädchen!" Es ist eine Art Kampfansage an das Regime.

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